Digitalisierung in Kanzleien und Rechtsabteilungen Legaltech in der Rechtsdienstleistung – Es geht voran!

Ein Gastbeitrag von Bernard Smith* 5 min Lesedauer

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Die Rechtsdienstleistungsbranche steht an der Schwelle zur Legaltech-Ära. Und obwohl es einige Hürden gibt, sind die Möglichkeiten enorm – zum Beispiel die Freiheit, Geschäftsaktivitäten in der vorteilhaften Gerichtsbarkeit anzusiedeln.

Irland ist ein geeigneter Standort nicht nur für EU-Kanzleien, sondern auch für diejenigen, die außerhalb der Europäischen Union Zugang zur EU suchen und dabei das Common Law beibehalten möchten.(Bild:  Alexey Novikov - stock.adobe.com)
Irland ist ein geeigneter Standort nicht nur für EU-Kanzleien, sondern auch für diejenigen, die außerhalb der Europäischen Union Zugang zur EU suchen und dabei das Common Law beibehalten möchten.
(Bild: Alexey Novikov - stock.adobe.com)

Schafft die Digitalisierung endlich einen globalen Markt für Rechtsdienstleistungen? Der Legaltech-Boom deutet darauf hin. Die 901 Milliarden US-Dollar schwere Branche hat sich im Vergleich zu anderen Dienstleistungssektoren wie dem Finanzsektor erst spät digitalisiert. Doch auf die Fintech-Welle folgt nun eine Verlagerung in Richtung Legaltech, wo die Digitalisierung wahrscheinlich ebenso disruptiv sein wird.

Aktuelle Entwicklungen

Mehrere aktuelle Projekte zeigen, wie vielfältig Legaltech eingesetzt werden kann. So gibt es beispielsweise Firmen, die automatisierte Software-Lösungen zur Vertragsverwaltung oder cloud-basierte Anwendungen anbieten, um die Zusammenarbeit von Mitarbeitenden bei juristischen Projekten zu verbessern. Teilweise wird KI auch zur Unterstützung der Dokumentenanalyse eingesetzt.

Viele Anwaltskanzleien nutzen bereits Legaltech-Lösungen, vor allem bei der Verwaltung von Dokumenten und Kundenkonten. Doch abgesehen von diesen einfachen Implementierungen sind Anwaltskanzleien im Vergleich zur technologischen Entwicklung in anderen Bereichen meist im Rückstand. Die Möglichkeiten, die Legaltech bietet, bleiben somit weitgehend ungenutzt. Die Akzeptanz von KI-gestützter Legaltech ist bisher beispielsweise gering, wird aber in den kommenden Jahren stetig zunehmen.

Hürden bei der Implementierung

Bei der Einführung von Legaltech gibt es nach wie vor einige Hindernisse, die beim Digitalisierungsprozess beachtet werden sollten. Folgende drei sind dabei besonders hervorzuheben:

Infrastrukturelle Veränderungen: Für kleinere Anwaltskanzleien ist Legaltech aufgrund der erforderlichen Änderungen der Unternehmensinfrastruktur eine große Herausforderung. Solche Veränderungen erfordern eine Budgetierung und strukturelle Reformen, die oft ihre Mittel übersteigen. Außerdem neigen kleine und mittelgroße Kanzleien dazu, ihre Finanzierung durch Partnerschaften mit leitenden Anwältinnen und Anwälten zu sichern. Die Einführung von Legaltech würde daher die Zustimmung von Partnern erfordern, die möglicherweise nicht hundertprozentig von dem Konzept überzeugt sind.

Bildungsbedarf: Die Einführung von Legaltech ist eine Herausforderung. Die Einstellung von Mitarbeitenden, die über die rechtlichen und technischen Kenntnisse zur Bedienung der Rechtssoftware verfügen, ist dabei wichtig. Die Qualität der Ausbildung ist jedoch von Land zu Land unterschiedlich, was dazu führt, dass Unternehmen sorgfältig abwägen müssen, wo sie sich niederlassen möchten. Der Zugang zu einem ausreichenden Angebot an hochqualifizierten Arbeitskräften ist ein Muss.

Verstehen: Unsicherheit über den Nutzen, die Chancen und die Risiken von Legaltech ist eine weitere Herausforderung. Oft herrscht beispielsweise Unsicherheit darüber, wie Legaltech mit der Vertraulichkeit von Mandanten und Datenschutzanforderungen zusammenhängt. Andere Kanzleien meiden den Einsatz von Legaltech, weil sie auf traditionelle Methoden vertrauen und die Automatisierungstechnologie als potenziell unzuverlässig und fehleranfällig betrachten. Dies kann bei der geringen Akzeptanz von KI-gestützter Legaltech der Fall sein.

Die Wahl des richtigen Standorts

Trotz dieser Bedenken expandiert Legaltech in Schlüsselmärkten wie Nordamerika und Asien mit hohem Tempo. In Asien sind 73 Proeznt der Anbieter von Rechtsdienstleistungen daran interessiert, ihre Legaltech-Einführungsrate zu erhöhen. Der beste Standort für in Europa ansässige Anwaltskanzleien könnte jedoch viel näher liegen: Irland.

Mit dem höchsten Anteil an MINT-Absolventinnen und -Absolventen pro Kopf in der EU und einem hohen Anteil an Arbeitsplätzen im wissensintensiven Dienstleistungssektor genießt Irland die positiven Auswirkungen seiner Investitionen in hochwertige Bildung. Zwischen 2014 und 2020 verzeichneten die irischen Universitäten einen Anstieg der inländischen Einschreibungen um 17,4 Prozent, wobei die Zahl der Absolventen mit erstklassigem Abschluss auf insgesamt 23,5 Prozent anstieg. Etwa ein Viertel der irischen Hochschulabsolventen kommt aus den Bereichen Wirtschaft, Verwaltung und Recht, was dazu führt, dass Irland hochqualifizierte Arbeitskräfte für die Rechtsdienstleistungsbranche hat.

Investitionen in die Zukunft

Die irische Regierung hat enorm in die KI-Branche investiert, um qualifizierte Arbeitskräfte auszubilden, von denen die Wirtschaft profitieren kann. Die Investitionen von 700 Millionen Euro in Forschungszentren, die in den letzten fünf Jahren 1.000 Studierenden zu einem Doktortitel verholfen haben, und von weiteren 100 Millionen Euro zur Unterstützung von mehr als 700 Doktoranden zeigen, dass die Regierung Irland zu einem Zentrum für KI-Arbeitskräfte machen möchte.

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Das Land nimmt mit der höchsten Anzahl an EurAI-Stipendien pro Kopf eine führende Position ein. Irland hat auch den höchsten Anteil an Unternehmen, die KI in der EU nutzen, und wird vom WEF aufgrund der verfügbaren Talentpools und der Qualität der KI-Forschung als „Rising Star“ im Bereich KI bezeichnet. Irland verfügt daher über die benötigten Arbeitskräfte, um den Übergang von Anwaltskanzleien zu vollständig digitalisierten Prozessen zu unterstützen.

Auch die EU-Mitgliedschaft Irlands ist von Vorteil. Im Zuge der Globalisierung der Weltwirtschaft und der zunehmenden Internationalisierung der Unternehmen müssen Anwaltskanzleien auf ausländischen Märkten tätig werden, die andere Rechtssysteme haben als ihre Heimatmärkte. Innerhalb der EU werden die Gesetze in den Mitgliedstaaten jedoch schrittweise harmonisiert, so dass es einfacher wird, international tätig zu sein. Bei Ansiedlung einer Anwaltskanzlei in der EU können aktuell 27 Länder und 440 Millionen Menschen erreicht werden.

Gemeinrechtlicher Vorteil

Das Common Law ist für Unternehmen und Handel wohl vorteilhafter als ein kodifiziertes Recht nach kontinentalem Vorbild, weil es den Rechtsprozess flexibler macht und Spielraum für Innovationen bietet. Es ist daher von Vorteil, in einer Rechtsordnung zu leben, die das Common Law praktiziert, zumal die Legaltech-Welle in den USA ihren Anfang nahm und die Anwaltskanzleien Hand in Hand mit dem Common-Law-System arbeiten konnten, um ihren Klienten modernste Dienstleistungen anzubieten.

Irland nimmt innerhalb der EU eine einzigartige Stellung ein, da es der einzige Mitgliedstaat mit einem bedeutenden Finanzzentrum ist, das Common Law praktiziert. Dies macht es nicht nur zu einem erstklassigen Standort für EU-Kanzleien, sondern auch für diejenigen, die außerhalb der Europäischen Union Zugang zur EU suchen und dabei das Common Law beibehalten möchten.

Viele Anwaltskanzleien haben sich diese Vorteile bereits zunutze gemacht, so dass Irland innerhalb seiner Grenzen ein starkes internationales juristisches Ökosystem aufbauen konnte. Zahlreiche führende globale Anwaltskanzleien haben sich in den letzten vier Jahren in Dublin niedergelassen.

Da das begrenzte digitale Fachwissen der Anwaltskanzleien aktuell eine große Hürde für Legaltech ist, werden in naher Zukunft zunächst einfachere, userorientierte Produkte im Mittelpunkt stehen, die die juristischen Prozesse so weit wie möglich erleichtern. Dies könnte ungewollt zu einer Demokratisierung der Rechtsdienstleistungen führen, da digitale Anwendungen nicht nur für die großen Anwaltskanzleien zugänglich werden. Dies wiederum dürfte dazu beitragen, dass Rechtsfirmen in Bezug auf ihre Standorte freier werden.


* Der Autor Bernard Smith ist Director Europa & UK bei IDA Ireland.

Bildquelle: IDA Ireland

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