Europa baut seine digitale Infrastruktur aus. Doch die Milliarden Investitionen fließen an außereuropäische Cloud-Anbieter und kritische Dienste hängen an fremden Infrastrukturen. Zu echter Souveränität und technischer Unabhängigkeit ist es noch ein weiter Weg. Wie kann digitale Resilienz und strategische Autonomie für uns Europäer gelingen?
Trotz wachsender Rechenzentrumskapazitäten ist Europa digital abhängig: Der Großteil sensibler Daten liegt in außereuropäischen Clouds – ein Risiko für Souveränität und Resilienz.
In Europa wird viel über digitale Unabhängigkeit gesprochen – einschließlich souveräner Clouds, KI-Strategien, Halbleiterinitiativen und mehr. Doch bei allem Ehrgeiz bleibt echte Souveränität ein Wunschtraum. Die harsche Wahrheit ist, dass heute mehr als 80 Prozent der digitalen Produkte und Dienstleistungen in Europa von Anbietern und Infrastrukturen außerhalb des Kontinents abhängen. Viele europäische Datensätze befinden sich in US-amerikanischen Clouds, und ein Großteil des Innovationsstacks wird von globalen Akteuren kontrolliert.
Europa spricht über digitale Unabhängigkeit, als wäre sie ein Ziel für die Zukunft. In Wirklichkeit geht es ums Überleben.
Dennoch ist Europa nicht stehen geblieben. Von der Schaffung der DSGVO – die einen neuen globalen Standard für den Datenschutz gesetzt hat – bis hin zum Aufkommen vertrauenswürdiger lokaler Cloud-Anbieter wie OVHcloud, Hetzner oder Scaleway hat der europäische Kontinent in den letzten zwanzig Jahren wichtige Pfeiler der digitalen Souveränität errichtet. Diese Errungenschaften zeigen, dass Europa weiß, was auf dem Spiel steht. Aber jetzt gewinnt das Thema durch neue geopolitische, technologische und Cyber-Realitäten an Dringlichkeit.
Wie João Annes, Präsident von APECSYS („Association for the Promotion of a Sustainable Digital Ecosystem“ in Portugal), auf deren jüngster Veranstaltung in der Ukraine richtig bemerkte: „Der Cyberspace ist zum Raum der totalen Kriegsführung geworden, in dem alle Ziele legitim sind.“ Europa kann also keine dauerhafte Unabhängigkeit auf fragilen Systemen aufbauen. Strategische Autonomie ohne operative Resilienz ist eine brüchige Phantasie. Wenn Infrastrukturen, Datenströme und kritische Dienste Schocks nicht überstehen können, ist die Autonomie ausgehöhlt.
Was die Abhängigkeit Europa kostet
Die Abhängigkeit ist nicht abstrakt – sie ist messbar und teuer. Ein kürzlich veröffentlichter Bericht von Asterès schätzt, dass von europäischen Unternehmen jährlich 265 Milliarden Euro an US-amerikanische Cloud- und Software-Anbieter fließen – das entspricht etwa 1,5 Prozent des BIP der EU.
Die Cloud-Nutzung nimmt weiter zu, allerdings ungleichmäßig. Während fast die Hälfte der EU-Firmen inzwischen auf Cloud-Dienste zurückgreift, wächst die Abhängigkeit bei kleineren Unternehmen am schnellsten. In vielen Ländern lassen bereits über 60 Prozent der Unternehmen kritische Arbeitslasten in außereuropäischen Umgebungen laufen. Es ist nicht nur eine finanziell, sondern auch eine strategische Belastung.
Infrastrukturausbau auf wackeligem Fundament
In Europa wird derweil mit Hochdruck an der Erweiterung der Rechenzentrumskapazität gearbeitet. Prognosen gehen davon aus, dass die Kapazität bis 2025 um 22 Prozent steigen wird, auch wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt. In wichtigen Drehkreuzen wie Frankfurt, London, Amsterdam und Paris ist der Platz knapp, und neue Einheiten haben mit Netzbeschränkungen und hohen Grundstückskosten zu kämpfen. Ein weiterer drohender Engpass ist die Energieversorgung: Prognosen zufolge wird sich der Strombedarf der europäischen Rechenzentren bis 2030 fast verdreifachen, was enorme Investitionen in die Infrastruktur erfordert.
Die Abhängigkeit bedroht auch die Forschungssouveränität. Das Europäische Parlament warnte kürzlich, dass die Abhängigkeit von extern verwalteten Datenbanken, insbesondere in den USA, die Integrität der Wissenschaft, der Klimamodellierung und der Daten zur öffentlichen Gesundheit untergräbt.
Diese Zahlen zeigen eine klare Realität auf: Europa baut seinen digitalen Fußabdruck aus, aber auf Grundlagen, die anderen gehören.
Souveränität ist mehr als Datenhoheit
In diesem Zusammenhang werden die Begriffe „digitale Unabhängigkeit“ und „digitale Souveränität“ häufig synonym verwendet, obwohl sie unterschiedliche Ziele widerspiegeln. Souveränität bedeutet, dass Europa seine eigenen Regeln für Daten, Infrastrukturen und Technologien festlegt und durchsetzt, während Unabhängigkeit die Fähigkeit impliziert, frei und ohne externe Kontrolle in globalen Netzwerken zu agieren. In der Praxis muss beides nebeneinander bestehen: Souveränität, um zu schützen, und Unabhängigkeit, um zu konkurrieren.
Souveränität ist keine Firewall, sondern die Gewissheit, dass Europa das, was wichtig ist, schützen und dennoch offen für die Welt bleiben kann. Digitale Unabhängigkeit sollte nicht bedeuten, einen Burggraben zu bewachen – sie bedeutet Auswahl, Kontrolle und Interoperabilität. Das bedeutet:
die Freiheit haben, zwischen Anbietern und Architekturen zu wählen und zu wechseln;
Kontrolle über kritische Infrastrukturen, Daten und Vertrauensrahmen;
Interoperabilität, die es europäischen Systemen ermöglicht, sich weltweit zu souveränen Bedingungen zu integrieren.
Unabhängigkeit ist keine Insel
Europa hat mit Initiativen wie Gaia-X und dem Cloud Sovereignty Framework, die darauf abzielen, vertrauenswürdige, interoperable digitale Infrastrukturen zu schaffen, bereits Fortschritte auf dem Weg zu dieser Vision erzielt. Die Einführung der AWS Sovereign Cloud , deren Partner Sigma Software ist, und ihre Integration in die europäischen Datenschutzgrundsätze ist ein weiterer wichtiger Schritt, der zeigt, dass globale und europäische Akteure bei der Souveränität durch Design zusammenarbeiten können.
Stand: 08.12.2025
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Confidential Computing, das Daten sogar während der Verarbeitung verschlüsselt, verbessert Europas Fähigkeit, sensible Informationen in der Cloud zu schützen, weiter und verbindet Innovation mit Souveränität. Durch die Einführung solcher Technologien können europäische Organisationen ein Gleichgewicht zwischen Vertrauen, Einhaltung von Vorgaben und Wettbewerbsfähigkeit herstellen.
Die Ukraine bietet ein überzeugendes Modell: Durch den Aufbau und die Vermarktung von Technologien, die sich mit realen Problemen befassen – in den Bereichen Cyberspace, Verteidigung und Resilienz – zeigt sie, wie Innovation unter Stress die Souveränität und nicht nur das Überleben stärken kann.
Unabhängigkeit ist eine strategische Wette – und sie erfordert neue Instinkte. Jahrzehntelang hat die europäische Technologiepolitik der Risikovermeidung den Vorzug vor mutigen Investitionen, der Regulierung vor der Initiative und der Einhaltung von Vorgaben vor der Kreativität gegeben. Jetzt muss Europa dort handeln, wo es am wichtigsten ist, auch wenn es unbequem oder kostspielig ist.
Bei echter digitaler Unabhängigkeit geht es nicht ums Einmauern, sondern um die Kultivierung von Resilienz, Souveränität und Anpassungsfähigkeit. Nur so kann Europa von der Abhängigkeit zur Würde gelangen. Europa verfügt bereits über die Talente, die Infrastruktur und den Rechtsrahmen, um die Führung zu übernehmen, aber es muss seine Ambitionen in Kapazitäten und seine Regulierung in Entschlossenheit umsetzen.
Der Weg zur digitalen Unabhängigkeit beginnt mit Resilienz und endet mit Autonomie. Alles andere ist nur ein Wunschtraum. Wenn Europa es versäumt, seine digitale Zukunft heute auf Stärke zu gründen, riskiert es, die Autonomie von morgen aufzugeben, bevor sie überhaupt da ist. Aus den Erfahrungen der Ukraine kann man lernen: Unter Druck aufgebaute Resilienz kann zu Souveränität im Frieden werden. Europa täte gut daran, sich daran zu erinnern – denn im digitalen Zeitalter beginnt die Sicherheit im Code, nicht an der Grenze.
* Der Autor Dmytro Tereshchenko ist Chief Information Security Officer bei der Sigma Software Group. Der global agierende IT-Dienstleister liefert maßgeschneiderte Softwarelösungen, IT-Beratung und dedizierte Entwicklungsteams für Unternehmen, Start-ups und Gerätehersteller mit Schwerpunkt auf Automobil, FinTech, E-Commerce und Telemedizin. Sigma Software ist u.a. Gaia-X-Partner und Mitglied von APECSYS.