Von der Kostenstelle zur Schlüsselposition „Die IT muss raus aus dem Keller“

Von Elke Witmer-Goßner

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Als Prof. Dr. Volker Gruhn 1997 das Softwareunternehmen Adesso gründete stand dahinter die Leidenschaft für das Entwickeln guter Software und IT. Heute unterstützt der IT-Dienstleister seine Kunden dabei, ihre Mitarbeitenden, Prozesse, Strukturen und Angebote fit zu machen für die fortschreitende digitale Transformation.

IT-Fachabteilungen und deren Mitarbeitende auf ihre Bedeutung für den unternehmerischen Erfolg vorzubereiten – das ist das Ziel der „New School of IT“ von Adesso.(Bild:  Gorodenkoff - stock.adobe.com)
IT-Fachabteilungen und deren Mitarbeitende auf ihre Bedeutung für den unternehmerischen Erfolg vorzubereiten – das ist das Ziel der „New School of IT“ von Adesso.
(Bild: Gorodenkoff - stock.adobe.com)

In 25 Jahren Unternehmensgeschichte hat sich einiges verändert. Gruhn erinnert sich anlässlich des Jubiläums in seinen verschiedenen Rollen als Hochschulprofessor für Software Engineering, IT-Manager und Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender der Adesso SE: „Adesso war kein Start-up im klassischen Sinne, da wir unser Wachstum von Anfang an ohne Fremdkapital und Investoren gestemmt haben. Umso schöner ist es, heute zu sehen, was wir daraus aus eigener Kraft gestaltet haben.“

Das in Dortmund gegründete Softwareunternehmen hat sich zu einem führenden IT-Dienstleister mit überdurchschnittlichen Wachstumsraten und einem Team von aktuell rund 6.800 Mitarbeitenden an 57 Standorten entwickelt. Allein 2022 wurden drei weitere Landesgesellschaften in Rumänien, Schweden und Dänemark gegründet. Hinzu kamen neue Geschäftsstellen in Saarbrücken, Dresden und Münster. Mit Blick auf die kommenden Aufgaben und Fokusthemen fährt Gruhn fort: „Natürlich geht unsere Reise und unsere Entwicklung unverändert weiter.“

„IT kann mehr“

Geblieben ist auch nach 25 Jahren die Leidenschaft, IT nicht nur im Sinne von „hält den Laden am Laufen“, sondern als Quelle für Innovationen, Geschäftsmodelle und Umsatzströme zu begreifen. „Die IT gehört ins Management-Board, also mit an den Entscheider-Tisch, um digitale Lösungen mit der Qualität zu entwickeln, die unsere Wirtschaft international wettbewerbsfähig macht.“

Adesso will – und Gruhn hat es sich zum Herzensthema gemacht – mit der Denkschule „New School of IT“ den IT-Abteilungen „endlich den Platz verschaffen, der ihr in den Unternehmen gebührt“. Lange Zeit sei ihre Rolle auf Dienstleister und Erfüllungsgehilfe beschränkt worden. Die Musik spielte woanders. Doch, so Gruhn, wer IT nur so sehe, lasse heute Potenziale liegen und riskiere den Erfolg von morgen. „Denn IT kann längst mehr!“

Umdenken, neu denken: New School of IT

Gruhn geht im Gespräch mit CloudComputing-Insider ins Detail. In seiner Funktion als Professor für Praktische Informatik, und hier insbesondere den Schwerpunkt Software Engineering, habe er sich schon früh mit grundlegenden Fragen befasst: „Wie funktioniert Softwareentwicklung? Wie bauen Menschen Softwaresysteme – mit welchen Methoden, Rollen und insbesondere welchen Interaktionen untereinander?“ Denn Softwareentwicklung sei ein sozialer Prozess. Aus einer Bedarfs- und Spezifikationsanalyse entstehe nicht nur einfach ein Produkt, ein einfaches Ergebnis. „Am Anfang steht die abstrakte Darstellung des Gewünschten. Dann durchläuft das Team den Entwicklungsprozess. Und am Ende entsteht eine Software, die mit der vorher geäußerten abstrakten Vorstellung des Gewünschten – vielleicht – etwas zu tun hat. Software-Entwicklung ist ein langer Erkenntnisprozess, während dessen sich auch noch die Anforderungen, ja sogar der gesamte Entwicklungsprozess ändern können.“

Daher, fährt Gruhn fort, sei Basis jeder erfolgreichen Software-Entwicklung „eine anständige Anforderungs- und Business-Analyse einhergehend mit ordentlichem Change-Management“. Anforderungen könnten oder würden sich sogar immer ändern. Das sei dann aber kein Fehler, sondern der Natur des Prozesses geschuldet. Informationssysteme bzw. datengetriebene Systeme lebten von der Interaktion mit den Benutzerinnen und Benutzern und endeten nicht am Bildschirm, sondern korrespondierten mit deren Wissen und Erfahrungen. „Deshalb spricht man zu Recht auch von sozio-technischen Systemen“, erklärt Gruhn.

Über den theoretischen Exkurs nähert sich Gruhn dem eigentlichen Thema, der Rolle der IT in Unternehmen. Interne IT sei von den Anforderungen der jeweiligen Fachbereiche beeinflusst. Doch „sind IT-Abteilungen wirklich nur die Demand-Manager, die alles, was aus den Fachbereichen auf sie einströmt, zusammensammeln, priorisieren, katalogisieren und abbügeln?“ Diese Frage habe ihn sowohl an der Uni als auch bei Adesso lange beschäftigt. Aus der Beschäftigung mit dem idealen Rollenmodell der IT habe sich die „Denkschule“ – die „New School of IT“ entwickelt: „Wir formulieren, wie die IT eines Unternehmens sinnvoller Weise aufgestellt sein sollte.“ Damit die IT aber ihre volle Schlagkraft entfalten könne, sollten Unternehmen ihre Aufmerksamkeit auf drei Handlungsfelder richten: Ambidextrous Attitude, Cloud Native Thinking und Data Mindedness.

Die zweite Dimension der IT

Die IT bewege sich heute in einem Spannungsfeld. Neben die klassische Aufgabe, „den Laden am Laufen zu halten“, indem sie robuste und resiliente IT-Systeme bereitstellt, Servicelevels einhält, Kosten spart, treten plötzlich weitere Themen – spezifische Anforderungen wie Customer Experience, Mobile, Omnichannel, Seamless u.v.m. – in den Vordergrund. IT werde immer entscheidender für den Erfolg eines Unternehmens als Quelle für Innovationen, Geschäftsmodelle und Umsatzströme.

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Ein neuer organisatorischer Ansatz – Ambidextrie – könne helfen, beiden Anforderungen gerecht zu werden. Voraussetzung, um das volle Potenzial der IT als Keimzelle aller Aktivitäten auszuschöpfen, sind eine andere Kultur und ein neuer Typus Verantwortlicher – besser gesagt Menschen, die das Thema vorantreiben. Gruhn denkt hier natürlich in erster Linie an den Chief Information Officer (CIO), „die Rolle gehört quasi zur Grundausstattung vieler Unternehmen“. Neu auf dem Spielfeld und auf einer Höhe mit dem CIO: der Chief Digital Officer (CDO). Auf seiner Agenda stehen datengetriebene Geschäftsmodelle. „In Zeiten der Veränderung und technologischen Verdichtung müssen Unternehmen beide Seiten berücksichtigen.“ Denn Themen wie Machine Learning, Künstliche Intelligenz oder Robotics treiben jetzt die Digitalisierung von Unternehmen.

Zur Person

Prof. Dr. Volker Gruhn (Jahrgang 1963) gründete 1997 die Adesso SE (ehemals Adesso AG) mit und ist heute Vorsitzender des Aufsichtsrats. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Software Engineering an der Universität Duisburg-Essen. Prof. Dr. Gruhn ist seit 2017 Mitglied des Digitalisierungsbeirats der DAK-Gesundheit und gehört dem Hochschulrat der Universität Leipzig an. Zudem ist er Mitglied im Kuratorium des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik.

Prof. Dr. Volker Gruhn.
(Bildquelle: Adesso SE)

Der Balanceakt „Cloudifizierung“

Die erste, naive Umsetzung von Cloud-Nutzung sei gewesen, Software auf fremden Servern laufen zu lassen – „irgendwie Cloud“, von der man keine Strukturvorteile habe. Inzwischen, so Gruhn, werde Software so gebaut, dass sie die Vorteile von Cloud-Strukturen nutzt, wie leichte Provisionierung und Skalierbarkeit, Hinzukauf von zusätzlichen Ressourcen nah an den bedarfserzeugenden Stellen, sowie Sicherheit der Services.

Klassisch gebaute Software lasse sich meist nicht mehr in den Zustand versetzen, dass sie von diesen Vorteilen profitieren könne. Und, warnt Gruhn, „Entwurfsfehler, die im lokalen Betrieb nicht zum Tragen kommen, können nach der Cloudifizierung vorhandener Software plötzlich immense Kosten verursachen“. Ein Weg aus diesem Dilemma: Software bauen, die womöglich irgendwann auch in der Cloud laufen kann – „strukturell cloud-fähig“ nennt Gruhn dieses Prinzip, Cloud-native Entwicklung ist der landläufige Begriff. Diese Methode habe den Vorteil, vorher definieren zu können, welche Software diese Eigenschaft überhaupt haben muss. Denn nicht jede Software müssen beispielsweise skalierbar sein. Somit werde „Cloud Native Thinking“ immer wichtiger, um „aus Anwendungssicht zu bestimmen, wo Cloud-Nativität nötig ist und wo nicht.“ Da sei es unumgänglich, „IT-Mitarbeitende nicht wie Grottenolme im Keller sitzen zu lassen“, sondern in Business-Entscheidungen mit einzubeziehen, appelliert Gruhn.

Daten treiben das Geschäft

Der dritte Aspekt, der zum Umdenken führen muss: Data Mindedness oder Datengetriebenheit. Gruhn fordert hier die Abkehr von der „fließbandartigen“ Entwicklung von Informationssystemen, wie sie in den vergangenen 40 Jahren praktiziert wurde: „Im Großen und Ganzen sachbearbeitungsorientiert, in Abhängigkeit des Eintretens von Ereignissen und abzielend auf Zustandswechseln von Information.“

IT gehört mit an den Tisch der Entscheiderinnen und Entscheider. Nur IT kann Technologien bewerten, Folgen abschätzen, Lösungen entwickeln. Sie muss dabei sein, wenn Verantwortliche die Weichen für die unternehmerische Zukunft stellen.

Mit Machine Learning als Teil der Künstlichen Intelligenz gebe es – unterstützt durch Cloud, Telekommunikation und mobile Datenerfassung sowie leichter Transportierbarkeit von Daten – jetzt die Möglichkeit, viele Daten zu bearbeiten, diese verteilt zu speichern und trotzdem die Dateninformationen an zentraler Stelle bereit zu stellen. „Die Algorithmik dahinter ist 40 Jahre alt, aber jetzt jenseits des Elfenbeinturms endlich praktisch anwendbar“, erläutert Gruhn, „aber in der Praxis ist dieses noch bei weitem nicht verfügbar.“ Adesso zeige seinen Kunden jetzt, was datengetrieben möglich ist – nicht mehr Zeile für Zeile zu analysieren, sondern anhand großer Datencluster nach Anomalien zu suchen oder Vorhersagen zu treffen.

„Viele IT-Abteilungen verstehen das Prinzip auch, es ist ihnen aber noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen“, beobachtet Gruhn. Das Problem sei der für diese Systemarten grundlegend verschiedene Konstruktionsprozess, der auch ganz andere Werkzeuge benötige. „Das verunsichert die IT-Fachleute ungemein.“

Vom Keller in die Chefetage

Gruhn fasst abschließend zusammen: „Unternehmen müssen die Rolle und die Mitwirkungspflichten ihrer IT verändern. Es nutzt nichts zu sagen, wir lassen in unserer IT alles beim Alten und arbeiten bei den ‚neuen Sachen‘ nur mit Dienstleistern zusammen. Das ‚neue‘ Business-Denken muss bei den eigenen IT-Mitarbeitenden verankert sein und entsprechende Kompetenzen aufgebaut werden. Die IT muss mit an den Vorstandstisch und Beeinflusser werden!“

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