Umdenken in Europas Finanzbranche Der lange Weg zur digitalen Eigenständigkeit

Von Daniel Wagenknecht* 5 min Lesedauer

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Die digitale Transformation des Finanzsektors ist untrennbar mit der Cloud verbunden. Doch was als effiziente Erweiterung von Rechenleistung begann, hat sich längst zu einer Frage der strategischen Unabhängigkeit entwickelt.

Während Europas Finanzwelt nach einem Gleichgewicht zwischen den Vorteilen globaler Cloud-Technologien und der Notwendigkeit lokaler Resilienz strebt, steht eine neue Ära geopolitischer Herausforderungen bevor.(Bild: ©  Tech Hendra - stock.adobe.com)
Während Europas Finanzwelt nach einem Gleichgewicht zwischen den Vorteilen globaler Cloud-Technologien und der Notwendigkeit lokaler Resilienz strebt, steht eine neue Ära geopolitischer Herausforderungen bevor.
(Bild: © Tech Hendra - stock.adobe.com)

Europas Finanzsektor steht vor der Herausforderung, seine Abhängigkeit von wenigen außereuropäischen Hyperscalern zu reduzieren und gleichzeitig die Vorteile innovativer Cloud-Technologien zu nutzen. Gelingt dies nicht, gefährden sie nicht nur ihre eigene Resilienz, sondern auch die Stabilität des gesamten europäischen Finanzsystems. Dem gegenüber steht der Drang und die Notwendigkeit zur Umsetzung neuer Innovationen und Digitalisierung.

Lange Zeit wurde die Cloud primär als Mittel zur Kostenoptimierung und Effizienzsteigerung betrachtet. Doch die geopolitische Lage hat sich verändert. Die digitale Infrastruktur ist zum Schauplatz neuer Konflikte geworden, in denen Daten und Technologieplattformen als strategisches Druckmittel eingesetzt werden können. Vor diesem Hintergrund hat sich auch die Sicht der Banken und Versicherungen auf die Technologiebranche verändert. Es herrscht ein neues Bewusstsein für geopolitische Risiken. Diese waren zwar stets vorhanden, doch die Wahrscheinlichkeit, dass diese auch tatsächlich eintreten, steigt.

Der treibende Impuls hinter diesem Wandel ist die US-Administration, deren Strategie schwer vorhersehbar bleibt. Dabei sehen sich Finanzdienstleister mit verschiedenen Szenarien konfrontiert, die unterschiedlich realistisch sind. Im schwerwiegendsten Szenario verhängen die USA ein Embargo, wonach kein Technologieanbieter mehr Services für Europa erbringen darf. Das wäre die Steigerung einer amerikanischen Zollpolitik, denn dies würde jegliche Art von Geschäft zwischen dem amerikanischen und europäischen Markt unterbinden. Allerdings erscheint dieses Szenario wenig realistisch.

Wahrscheinlicher ist, dass die US-Administration ihren Kurs in der Zollpolitik fortführt und die Abhängigkeit der EU als Druckmittel einsetzen, um Abkommen zu schließen. Für die Branche steigen damit die Kosten, aber zumindest bleibt sie handlungsfähig. Doch es müssen nicht unbedingt Strafzölle sein. Die US-Regierung kann auch Sanktionen verhängen, sodass europäische Unternehmen erst mit einer Verzögerung Zugang zu neuen Features oder Innovationen der führenden Technologie-Anbietern erhalten. So würde man den Technologie-Standort Europa schwächen. Gleichzeitig wird im Gegenzug innerhalb der EU darüber diskutiert, Zölle auf digitale Dienstleistungen zu erheben und so große Tech-Konzerne unter Druck zu setzen.

Zwischen Abhängigkeit und Aufbruch

All diese Szenarien gilt es für Banken und Versicherer sorgfältig zu analysieren und individuell zu bewerten. Dabei stellt sich unweigerlich die Frage, wie stark die eigene Abhängigkeit von den USA tatsächlich ist. Welche Risiken bestehen konkret? Mit welchen Dienstleistern bestehen Geschäftsbeziehungen, und wie viele davon haben ihren Sitz in den USA oder unterliegen dem Einfluss einer US-amerikanischen (Mutter-)Gesellschaft?

Viele Institute sind derzeit also intensiv damit beschäftigt, Transparenz über ihr eigenes Risikoprofil zu schaffen. Im Zentrum steht dabei die entscheidende Überlegung: Wo liegt der eigene Schmerzpunkt? Wie weit ist man bereit, bestehende Abhängigkeiten – und die damit verbundenen Risiken – in Kauf zu nehmen? Und welche Exitpläne liegen im Fall der Fälle in der Schublade bereit? Und wie schnell sind diese Exitpläne in der Realität wirklich umzusetzen – insbesondere vor dem Hintergrund eines dann eintretenden Wandels im gesamten Markt?

Für Banken und Versicherer empfiehlt es sich daher, jeden einzelnen Anwendungsfall im eigenen Haus zu hinterfragen: Ist für diesen speziellen Use Case tatsächlich die Cloud-Infrastruktur eines US-Anbieters mit ihren innovativen und einzigartigen Services erforderlich? Beispielsweise bei hochskalierbaren KI-gestützten Analysen oder Echtzeit-Betrugserkennung bieten US-Hyperscaler oft unverzichtbare Vorteile. Oder reicht möglicherweise auch eine Standardlösung (sehr einfaches Beispiel: eine virtuelle Maschine), die ebenso zuverlässig von einem deutschen oder europäischen Dienstleister bereitgestellt werden kann? Für klassische Anwendungen ist eine solche europäische Lösung meist ausreichend.

Vom All-in zum Mix

Früher neigten Entscheider eher dazu, von den Anbietern aus Übersee nicht nur die innovativen, sondern auch gleich die Standard-Services einzukaufen. So hatte man Lösungen für verschiedene Anwendungen aus einer Hand. Das ist bequem und praktisch. Trug aber auch wesentlich zum aktuellen Abhängigkeitsprofil bei.

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Die Branche sucht nun nach dem Weg zurück in die Balance. Doch das ist nicht so einfach. Denn je mehr Technologie-Anbieter in ein Unternehmen eingebunden werden, desto komplexer gestaltet sich die IT-Architektur, bedeutet es doch mehr Schnittstellen und eine Vielfalt unterschiedlicher Systeme, Technologie-Stacks und Datenformate. Die Folge sind Redundanzen, ein erhöhter Wartungsaufwand und größere Sicherheitsrisiken. Ohne ein konsequentes (IT-)Architekturmanagement wird man diesen Herausforderungen kaum gerecht.

Dennoch ist ein klarer Shift erkennbar. Die Zahl der Unternehmen wächst, die nicht länger all ihre Daten und Prozesse in die alleinige Obhut von US-amerikanischen Anbietern geben wollen. Für Europa ergibt sich daraus die riesige Chance, das Projekt Cloud-Unabhängigkeit in Angriff zu nehmen. Beispiel künstliche Intelligenz: In der Forschung ist Deutschland weltweit führend, es mangelt jedoch an der Kommerzialisierung. Die EU hat daher Anfang des Jahres ihre Initiative „InvestAI“ gestartet, die 200 Milliarden Euro mobilisieren soll. Trägt nun auch noch die Wirtschaft ihren Teil dazu bei, indem sie Interessen bündelt, ihren Technologiebedarf formuliert und Geld zur Verfügung stellt, könnte das Projekt bald vorankommen. Die Nachfrage ist vorhanden.

Kooperation statt Konkurrenz

Der neue Rückenwind für hiesige Anbieter bedeutet allerdings nicht, dass Europa kurzfristig wettbewerbsfähiger gegenüber den USA ist. Der Innovationsrückstand ist zu groß. Doch jetzt könnte der richtige Zeitpunkt sein, um den Abstand und damit die Abhängigkeit Schritt für Schritt zu verkleinern. Dafür braucht es die richtigen politischen Rahmenbedingungen, um gezielt und umfassend in die Entwicklung und Produktion von IT- und Cloud-Services und darüber hinaus zu investieren. Doch der entscheidende Impuls muss aus der Finanzbranche selbst kommen. Anbieter und Anwender sowie weitere Akteure sollten sich an einen Tisch setzen und eine gemeinsame Strategie entwickeln.

Es wird einige Zeit in Anspruch nehmen ehe eine solche Initiative erste Effekte zeigt. Doch unabhängig von solchen Prognosen, wird sich die Mühe auszahlen. Ein geschlossenes Vorgehen ist notwendig, um den Digital-Standort Europa auf lange Sicht unabhängiger, resilienter und innovationsfähiger zu machen.


* Der Autor Daniel Wagenknecht ist Partner bei KPMG im Bereich Financial Services. Er berät Banken und Versicherer bei IT-Management-Themen. Fokussiert hat er sich auf Cloud-Transformationsberatung – insbesondere unterstützt er Kunden bei der Entwicklung von Cloud-Strategien, Auswahl passender Cloud Service Provider, Vertragsgestaltungen, Transformation der IT, Beschleunigung der Digitalisierung sowie bei der Umsetzung von Cloud Compliance, Security und Datenschutzanforderungen in Cloud-Vorhaben.

Bildquelle: KPMG

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