Europäische Unternehmen streben nach Souveränität bei künstlicher Intelligenz, doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine Lücke: Wer KI-Workloads skalierbar, sicher und regelkonform betreiben will, braucht mehr als politischen Willen. Er braucht die richtige Infrastruktur.
Unternehmen, die in souveräne KI-Infrastrukturen investieren, schaffen die Voraussetzungen für Kontrolle und Verlässlichkeit im KI-Einsatz.
Die Diskussion um digitale Souveränität hat in den vergangenen Jahren an Schärfe gewonnen. Geopolitische Spannungen, regulatorische Verschärfungen und die wachsende Abhängigkeit von außereuropäischen Technologieanbietern zwingen Unternehmen zum Umdenken. Doch während die strategische Notwendigkeit weitgehend unstrittig ist, offenbart die Praxis ein fundamentales Problem: Die technische Basis für souveräne KI-Operationen fehlt vielerorts.
Das Paradox liegt auf der Hand: Unternehmen, die KI-Modelle trainieren, Fine-Tuning betreiben oder Inferenz-Workloads produktiv einsetzen wollen, benötigen enorme GPU-Kapazitäten. Diese Ressourcen konzentrieren sich jedoch entweder bei US-amerikanischen Hyperscalern oder Unternehmen müssen sie selbst aufwändig und kostspielig aufbauen. Ein Dilemma, das viele KI-Initiativen bereits im Ansatz ausbremst.
Warum klassische Ansätze an ihre Grenzen stoßen
Sobald Unternehmen strategische KI-Ziele in konkrete Infrastrukturentscheidungen übersetzen, stoßen klassische Ansätze an ihre Grenzen. Hochleistungs-GPUs wie Nvidia H100 oder H200 sind schwer verfügbar und verursachen hohe Betriebs- und Folgekosten. Kühlung, Stromversorgung, Netzwerkinfrastruktur und spezialisiertes Personal treiben die Gesamtbetriebskosten weit über den reinen Hardwarepreis hinaus. Gleichzeitig fehlt vielen Organisationen die Expertise, um GPU-Workloads effizient zu orchestrieren, Multi-Tenancy sicher umzusetzen und die Auslastung zu optimieren.
Hinzu kommt der Faktor Zeit: Der Aufbau einer produktionsreifen KI-Infrastruktur dauert häufig bis zu zwei Jahre – ein Nachteil in einem Markt mit kurzen Innovationszyklen. Zusätzlich verschärfen regulatorische Vorgaben wie DSGVO, NIS2 oder DORA die Anforderungen an Datenlokalisierung, Nachvollziehbarkeit und Zugriffskontrollen. Diese Komplexität bindet Ressourcen und verzögert Projekte weiter.
Vor diesem Hintergrund zeigt sich: Weder die vollständige Abhängigkeit von Hyperscalern noch der klassische Eigenbetrieb liefern eine tragfähige Grundlage für leistungsfähige, souveräne und regelkonforme KI.
Architekturprinzipien für souveräne KI-Infrastrukturen
Die Antwort auf diese Herausforderungen liegt in dem Einsatz vorkonfigurierter, anpassbarer Cloud-Stacks, die die Leistungsfähigkeit von Hyperscalern mit lokaler Kontrolle verbinden.
Moderne KI-Cloud-Architekturen folgen dabei klaren Designprinzipien, die eine technische Grundlage für KI-Anwendungen schaffen und neue wirtschaftliche Perspektiven eröffnen:
Unified Resource Management: Unternehmen orchestrieren Rechen-, Speicher- und Netzwerkressourcen zentral und weisen sie dynamisch nach Bedarf zu. So steigern sie die Auslastung teurer GPU-Ressourcen und stellen Kapazitäten schnell für alle Teams bereit.
Trennung von Training und Inferenz: Sie trainieren Modelle in zentralen Hochleistungsumgebungen und verlagern die Inferenz gezielt an den Rand. Das senkt Latenzen, schützt Daten und schafft Kontrolle über Verarbeitungsorte.
Native Multi-Tenancy: Die Architektur trennt Workloads, Netzwerke und Daten konsequent und ermöglicht so den sicheren Betrieb gemeinsamer Plattformen für interne und externe Nutzer.
API-First Design: Standardisierte Schnittstellen reduzieren technologische Abhängigkeiten, indem sie die KI-Cloud nahtlos in bestehende IT-, CI/CD- und Monitoring-Landschaften einbinden.
Von der Infrastruktur zum Geschäftsmodell
KI-Infrastruktur entfaltet ihren Nutzen erst dann vollständig, wenn sie als dauerhaft verfügbare Plattform gedacht wird. Zentral bereitgestellte, standardisierte KI-Ressourcen ermöglichen es Fachbereichen und Entwicklungsteams, neue Anwendungsfälle schneller zu testen, zu skalieren und produktiv einzusetzen. Sie müssen dafür keine eigene Infrastruktur aufbauen oder betreiben.
Für IT-Organisationen bedeutet das einen klaren Rollenwandel weg vom reinen Infrastrukturbetreiber hin zum internen Plattformanbieter. Statt individueller Einzelprojekte stehen klar definierte Services, transparente Kostenmodelle und verlässliche Betriebskennzahlen im Vordergrund. Auf diese Weise lassen sich GPU-Ressourcen effizienter auslasten, Entwicklungszyklen verkürzen und Investitionen besser steuern.
Gerade in KI-getriebenen Umgebungen, in denen sich Anforderungen und Workloads schnell verändern, schafft ein solcher Plattformansatz die notwendige Balance zwischen Kontrolle, Flexibilität und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit.
Compliance als Architekturentscheidung
In regulierten Branchen wie Finanzdienstleistungen, Gesundheitswesen, Energieversorgung und öffentlicher Verwaltung entscheidet Compliance über die Einsatzfähigkeit von KI. Unternehmen müssen regulatorische Anforderungen deshalb von Beginn an in die Architektur ihrer KI-Infrastruktur integrieren. Sie speichern und verarbeiten sensible Daten ausschließlich innerhalb definierter geografischer Grenzen, protokollieren Zugriffe und Konfigurationsänderungen lückenlos und stellen Audit-Logs jederzeit bereit. Granulare Berechtigungskonzepte sowie die Anbindung an bestehende Identity-Provider über SAML oder OIDC sichern den kontrollierten Zugriff. Zertifizierungen wie ISO 27001, SOC 2 oder BSI C5 schaffen zusätzlich Transparenz gegenüber Kunden und Aufsichtsbehörden.
Stand: 08.12.2025
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Wer diese Anforderungen erfüllt und als Differenzierungsmerkmal nutzt, verschafft sich einen Wettbewerbsvorteil. In einer Zeit, in der Vertrauen zur knappen Ressource wird, überzeugt nachweisbare Compliance als starkes Verkaufsargument. Wie sich diese technischen, wirtschaftlichen und regulatorischen Anforderungen in der Praxis zusammenführen lassen, zeigt ein strukturierter Blick auf die Umsetzung und den Betrieb.
Der Weg zur produktionsreifen KI-Cloud
Die Transformation von einer GPU-Ansammlung zu einer produktionsreifen KI-Cloud vollzieht sich typischerweise in drei Phasen. Zunächst nehmen Unternehmen eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Infrastruktur, der Workload-Anforderungen und der Compliance-Vorgaben vor. Darauf aufbauend stellen sie den Cloud-Stack bereit. Bei vorkonfigurierten Lösungen schließen sie diesen Schritt in wenigen Wochen statt Monaten ab.
Anschließend gewährleisten 24/7-Monitoring, automatisierte Incident Response und kontinuierliche Kapazitätsplanung einen stabilen Betrieb, der mit den Anforderungen skaliert. In der dritten Phase erschließen Unternehmen neue Umsatzquellen durch Service-Angebote, bauen Vertriebskanäle auf und erweitern die Plattform kontinuierlich um neue Dienste. So transformieren sie die Infrastruktur vom Kostenfaktor zum Werttreiber.
Die Debatte um KI-Souveränität wird häufig auf der politischen Ebene geführt: mit Forderungen nach europäischen Anbietern, Förderprogrammen und regulatorischen Rahmenbedingungen. Diese Ansätze haben alle ihre Berechtigung. In der Praxis entscheidet sich Souveränität jedoch vor allem im technischen Betrieb: in Rechenzentren, Netzwerken und den Softwareschichten, über die KI-Workloads und Datenflüsse gesteuert werden.
Unternehmen, die in souveräne KI-Infrastrukturen investieren, schaffen die Voraussetzungen für Kontrolle und Verlässlichkeit im KI-Einsatz. Sie behalten die Hoheit über sensible Daten, reduzieren einseitige Abhängigkeiten und können KI-Anwendungen langfristig stabil und regelkonform betreiben.
Technologisch stehen dafür heute unterschiedliche Ansätze zur Verfügung. Vorkonfigurierte KI-Cloud-Stacks ermöglichen es Anbietern, skalierbare Rechenleistung mit klar definierten Betriebs- und Kontrollmodellen zu verbinden. Jetzt zählt die Entscheidung für das Zusammenspiel von Architektur, Betrieb und Governance. Entscheidend ist, wie konsequent Unternehmen diese in bestehende IT-Strukturen integrieren.
* Die Autorin Elena Simon ist General Manager DACH bei Gcore, einem Anbieter von Public Cloud und Edge Computing, KI, Content Delivery (CDN), Hosting und Security-Lösungen. Neben dem Studium der Wirtschaftsinformatik an der TU Braunschweig machte sie Tanzkarriere und trat bei der Weltmeisterschaft 2004, 2005 an. Mit Diplom und Medaille kam sie 2007 in die Tech-Branche. Nach Stationen bei einem Telco-Anbieter und einem Spieleentwickler stieg sie 2014 bei Gcore als Business Development Manager ein und leitet dort inzwischen das DACH-Geschäft.