DSAG-Technologietage 2025: SAP-Strategie auf dem Prüfstand Strategy Royale: Call, Raise or Fold?

Von Elke Witmer-Goßner 6 min Lesedauer

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In Analogie zum Pokerspiel stehen die diesjährigen Technologietage der Deutschen SAP-Anwendergruppe (DSAG) unter dem Motto: „Strategy Royale: Call, Raise or Fold?“ Die Antwort auf diese Frage wird Grundlage sein für Investitionen in IT-Lösungen und SAP-Software.

Bei den DSAG-Technologietagen 2025 werden die Karten auf den Tisch gelegt und – auch aufgrund der neuen SAP-Zielstrategie – neu gemischt.(Bild:  frei lizenziert /  Pixabay)
Bei den DSAG-Technologietagen 2025 werden die Karten auf den Tisch gelegt und – auch aufgrund der neuen SAP-Zielstrategie – neu gemischt.
(Bild: frei lizenziert / Pixabay)

Die Karten Business Suite, Business Technology Platform (BTP), Business Data Cloud (BDC), dazu noch künstliche Intelligenz rund um SAP Joule, liegen auf dem Tisch – ein Pokerspiel um die Zukunft erfolgreicher SAP-Migration und -Investitionen. Mit der angekündigten Geschäftsstrategie beim „Business Unleashed“-Event im Februar setzt SAP auf die Kernelemente Prozesse, Daten und KI mit dem Ziel, effiziente Prozessketten bereitzustellen. Zudem werden auch in der Cloud immer mehr End-to-End-Prozesse angeboten, indem auf Basis der BTP die unterschiedlichen Technologie-Stacks und Cloud-Services vereint werden.

Im Zentrum der Technolgietage standen insofern Erklärungen wie Fragen, wie sich fragmentierte SAP-Landschaften technisch, strategisch und kommerziell harmonisieren lassen.

SAPs neue Business Suite im Reality Check

SAP setzt mit der neuen Business Suite auf die große Systemintegration über Prozesse, Daten und KI hinweg. Ziel sei es, eine modulare, Cloud-zentrierte Architektur zu schaffen, die eine durchgängige Prozesskette über alle Geschäftsbereiche ermöglicht. Dr. Philip Herzig, CTO & Chief AI Officer der SAP SE, betonte gegenüber der Presse: „Unsere Ambition ist klar – Vereinfachung, tiefere Integration und beschleunigte Adaption, insbesondere in der Cloud.“

Die DSAG unterstützt das Konzept grundsätzlich, mahnt jedoch: Auch wenn SAP unbestritten an der Harmonisierung und Integration seines Lösungsportfolios arbeite, sei eine konsistente Architektur der Schlüssel zum Erfolg für die avisierte Business Suite, erklärt DSAG-Technologievorstand Sebastian Westphal. Es brauche klare Migrationsstrategien, einheitliche Standards bei Datenmodellen, Identity- und Security-Services sowie transparente kommerzielle Rahmenbedingungen.

Nicht jedes Unternehmen sei bereit, voll „mitzugehen“. Mit dem Motto der Technologietage – „Strategy Royale: Call, Raise or Fold?“ – verweist die DSAG darauf, dass es mehr als eine Option gibt: Call steht für minimalinvestive Weiterentwicklung, Raise für strategische Transformation – und Fold für die bewusste Entscheidung, alternative Wege einzuschlagen.

Business Data Cloud: SAPs Royal Flush oder zu viele Joker?

Ein zentrales Element in SAPs Strategie ist die Business Data Cloud (BDC) – eine Plattform, die semantisch harmonisierte Datenprodukte bereitstellen und nahtlos über SAP-Anwendungen hinweg konsumierbar machen soll. SAP bezeichnete sie als „einen der größten strategischen Schritte seit S/4HANA“.

DSAG-Technologievorstand Sebastian Westphal: „Das RISE-Produkt ist nicht zwingend ‚mehr Cloud‘ als ein SAP-System, das bereits auf einer Cloud-Infrastruktur läuft, wie SAP selbst einräumt. Es braucht daher die konsequente Weiterentwicklung zu einem einheitlichen Betriebsmodell für alle genutzten SAP-Services und -Dienstleistungen.“(Bild:  Christian Buck / DSAG)
DSAG-Technologievorstand Sebastian Westphal: „Das RISE-Produkt ist nicht zwingend ‚mehr Cloud‘ als ein SAP-System, das bereits auf einer Cloud-Infrastruktur läuft, wie SAP selbst einräumt. Es braucht daher die konsequente Weiterentwicklung zu einem einheitlichen Betriebsmodell für alle genutzten SAP-Services und -Dienstleistungen.“
(Bild: Christian Buck / DSAG)

Die DSAG sieht das Potenzial, warnt aber vor überzogenen Erwartungen: „Die BDC soll die Transformation von Bestandslandschaften in eine zukunftsfähige, Cloud-zentrierte Architektur ermöglichen – für On-Premises- und Cloud-Kunden gleichermaßen“, fordert Westphal. Wichtig sei dabei, dass es keine kommerziellen Zugangshürden gebe, etwa durch Bindung an „Rise“- oder „Grow“-Verträge. Nur dann werde die BDC nicht zur „Wette mit unbekanntem Ausgang“, sondern zu einem echten „Royal Flush“.

SAP Joule: KI-Funktionalität mit Freemium-Modell

SAPs KI-Assistent Joule soll künftig als zentraler Zugangspunkt für KI-Funktionen dienen – integriert in alle SAP-Anwendungen. „Joule ist von Anfang an nach den Prinzipien der Integration gebaut“, betont Herzig. Derzeit greift ein gestaffeltes Lizenzmodell mit Free-Tier und kostenpflichtigen AI-Units.

Die DSAG begrüßt die Entwicklung, fordert aber: „Lösungen wie SAP Joule dürfen nicht nur bestimmten Kundengruppen zur Verfügung stehen. Auch Kunden mit Altsystemen müssen – mit vertretbarem Aufwand – Zugang zu Innovationen erhalten.“

BTP: „Rien ne va plus“?

Die Business Technology Platform (BTP) bleibt das technische Fundament der neuen Business Suite. SAP verfolgt dabei das Ziel, die Plattform in Standardprozessen weitgehend „unsichtbar“ zu machen. „Ein bisschen wie bei Ikea: Heute muss man das Sofa noch selbst zusammenbauen. In Zukunft wird es einfach geliefert – fertig montiert“, formulierte es Herzig plastisch.

Eine klare Migrations- und Umsetzungsstrategie werde jedoch vermisst. DSAG-Technologievorstand Westphal betont: „Die BTP muss für alle Kunden nutzbar bleiben. Dafür braucht es ein konsistentes Set an APIs, vereinheitlichtes Berechtigungsmanagement, zentrale Steuerung und ein transparentes Preismodell.“ Die DSAG fordert zudem ein umfassendes Certificate Lifecycle Management und klare Maßnahmen zur Einhaltung von Sicherheitsstandards wie NIS-2 – vor allem im Rahmen von „Rise“-Szenarien.

Die SAP-Anwendervertretung bewertet die „Rise“-Initiative weiter als wichtigen Schritt in Richtung Cloud-ERP, betont jedoch, dass „Rise“ nicht automatisch „mehr Cloud“ bedeute als bestehende cloudbasierte SAP-Systeme. Entscheidend für den Erfolg sei ein einheitliches Betriebsmodell mit hoher Integrierbarkeit in bestehende Prozesse, insbesondere für mittelständische Unternehmen. Positiv bewertet die DSAG die Fortsetzung des „Rise Migration & Modernization“-Programms unter neuem Namen im Jahr 2025 – eine offizielle SAP-Ankündigung soll in Kürze folgen.

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Die Forderungen der DSAG:

Business Suite
• Modularität & Flexibilität: Aufbau einer echten, modularen Business Suite, anpassbar an individuelle Unternehmensbedarfe.
• Einheitliche Standards: Konsistente Architektur durch Vereinheitlichung von Datenmodellen sowie Identity- und Security-Services.
• Integration: Nahtlose, kosteneffiziente Integration in bestehende Unternehmensarchitekturen.
• Kosten- & Vertrags-Transparenz: Klare kommerzielle Vorteile durch ganzheitliche SAP-Lösungen sichtbar machen.
• Partnerstrategie: Langfristige Zertifizierungsbedingungen für Add-ons und „Clean Core“-Kompatibilität, analog zur S/4HANA-Wartung bis 2040.

Business Suite & „Rise“
• Einheitliches Betriebsmodell: Integration aller SAP-Services in ein einheitliches Betriebsmodell, insbesondere für hybride IT-Landschaften.
• Offene Innovationsverfügbarkeit: SAP-Lösungen wie Joule oder Business Data Cloud dürfen nicht exklusiv für bestimmte Kundengruppen sein.
• Security & Compliance: Klare Übersicht sicherheitsrelevanter Services, schnelle Schließung heutiger Lücken, NIS-2-Konformität.
• Harmonisiertes Portfolio: Zusammenführung der Verantwortlichkeiten innerhalb von SAP für eine konsistente Servicebereitstellung.
• Stabiler Anwendungsbetrieb: 24/7-Support (auch auf Deutsch), Gold-System-Support mit EU-Zugriff, störungsfreier Betrieb.

Business Technology Platform (BTP) im Kontext der Business Suite
• Einheitliche APIs: Konsistentes Set für Monitoring, Logging, Security und Transporte über alle BTP-Services hinweg.
• Benutzer- & Berechtigungsmanagement: Umsetzung der im CIO-Guide beschriebenen Identitätsstrategie.
• Kalkulierbare Preisstruktur: Zentrale Übersicht & Buchung aller BTP-Services mit laufendem Kostenmonitoring.
• Zentrales Zertifikatsmanagement: Vermeidung ungeplanter Systemausfälle durch übergreifendes Lifecycle-Management.

Business Data Cloud (BDC)
• Zugänglichkeit: Nutzung unabhängig von RISE/GROW und auch für On-Premises-Kunden.
• Datenprodukte: Verlässliche, nutzbare Data-as-a-Product-Modelle mit klarem geschäftlichem Nutzen, auch für heterogene Systeme.
• Migrationsstrategie: Klare Best-Practices für Architektur-Überführungen.
• Flexible Lizenzmodelle: Verständliche Preis- und Mengenrabattmodelle zur Förderung integrierter SAP-Portfolios.
• Databricks-Integration: Uneingeschränkte, vertraglich abgesicherte Integration von Databricks in SAP-Architekturen für KI- und Data-Lakehouse-Szenarien.

Insight-Apps und die Hoffnung auf Out-of-the-Box-Mehrwert

Eine zentrale Innovation in der Roadmap sind die von SAP angekündigten Insight-Apps – vorgefertigte, SAP-gemanagte Datenprodukte mit integriertem Betrieb und semantischem Modell. Diese sollen es ermöglichen, sofort geschäftsrelevante Erkenntnisse zu generieren – ohne eigene Entwicklungsleistung.

„Wenn das gelingt, würde eine jahrzehntelange Herausforderung, die bisher individuell durch die Anwendungsunternehmen gelöst werden musste, behoben: die portfolioübergreifende Integration aller SAP-Applikationen und -Daten“, kommentiert Westphal. Wichtig sei jedoch, dass diese Apps kosteneffizient und niedrigschwellig einsetzbar seien – und dass auch On-Premises-Systeme nicht außen vor bleiben.

Strategie mit Bedacht – aber noch keine Wette auf Glück

Die Pressekonferenz und das Motto der DSAG-Technologietage machen eines deutlich: Die SAP-Welt steht vor einer Neuordnung. Doch bei allen Fortschritten und Visionen bleibt die Frage nach der Realität in den Unternehmen. „Manchmal dauert die Adaption länger. Manchmal ist es ein Brownfield-Ansatz, der bewusst erst spät umgesetzt wird“, sagt Westphal. Dr. Herzig wiederum betont, dass viele Innovationen auch losgelöst von S/4HANA nutzbar seien: „Jeder Kunde hat die Möglichkeit, heute mit der Adaption zu starten – selbst wenn er nicht vollständig migriert ist.“

Die Karten liegen also auf dem Tisch. Nun sei es an SAP, mit einem konsistenten Set aus Innovation, Integration und Investitionssicherheit zu punkten, resümiert die DSAG. Und an den Kunden, ihre strategische Hand mit Bedacht zu spielen.

Kommentar: SAPs Royal Flush ist noch nicht ausgespielt

SAP gibt sich ambitioniert. Business Suite, Joule, Business Data Cloud: Die Roadmap ist technisch beeindruckend, strategisch nachvollziehbar und kommunikativ deutlich fokussierter als bisher. Doch zwischen dem Ziel einer vollständig integrierten, KI-gestützten Cloud-Suite und der Realität vieler Kunden liegen Welten. Die Anwender, vertreten durch die DSAG, wissen das.

Was fehlt, ist also nicht Innovation, sondern Vertrauen. Vertrauen, dass SAP nicht nur die großen Unternehmen im Blick hat und dass die angekündigten Produkte nicht exklusiv an „Rise“, „Grow“ oder S/4HANA geknüpft sind. Und Vertrauen auf das Versprechen, dass On-Premises-Kunden mittelfristig nicht auf dem Abstellgleis landen.

Die DSAG macht zu Recht Druck – mit Poker-Metaphern, dahinter stecken aber klare Ansagen. Noch ist offen, ob SAP seine Karten optimal spielt. Der Royal Flush aus KI, Datenharmonisierung und Suite-Integration ist möglich. Aber am Tisch sitzen viele – und einige zögern noch, überhaupt mitzuspielen.

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