Das Zeitfenster für M&A-Entscheidungen schließt sich Warum KI die Software­industrie unter Druck setzt

Von Borys Storck* 3 min Lesedauer

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Die Softwareindustrie galt lange als eine der stabilsten Säulen der Tech-Wirtschaft. Hohe Margen, wiederkehrende Umsätze und robuste Geschäftsmodelle ließen Anleger jahrelang auf stetiges Wachstum vertrauen. Doch das Fundament dieser Erfolgsgeschichte gerät ins Wanken.

Die Softwareindustrie steht unter Druck, da KI zunehmend in der Lage ist, wiederholbare Aufgaben schneller und kostengünstiger zu erledigen. Diese Unsicherheit bietet jedoch auch Chancen für gezielte Akquisitionen und Innovationen.(Bild: ©  Maria Mikhaylichenko - stock.adobe.com / KI-generiert)
Die Softwareindustrie steht unter Druck, da KI zunehmend in der Lage ist, wiederholbare Aufgaben schneller und kostengünstiger zu erledigen. Diese Unsicherheit bietet jedoch auch Chancen für gezielte Akquisitionen und Innovationen.
(Bild: © Maria Mikhaylichenko - stock.adobe.com / KI-generiert)

Bereiche, in denen Software wiederholbare Wissens-, Kreativ- oder Routineaufgaben abbildet, geraten besonders stark unter Druck. Bereits heute ist künstliche Intelligenz (KI) in der Lage, viele dieser Tätigkeiten schneller, kostengünstiger und ausreichend präzise zu erledigen – ein Umstand, der die Bewertungsmaßstäbe der Investoren grundlegend verändert.

Trotz dieser Verunsicherung bleibt das Innovationstempo im Technologiesektor hoch. Fortschritte in KI, Automatisierung, Quantencomputing oder nachhaltigen Technologien verkürzen die Innovationszyklen massiv. Während große Plattformunternehmen aggressiv in neue Halbleitergenerationen, leistungsfähigere Cloud-Infrastrukturen und energieeffiziente Rechenzentren investieren, agieren Investoren selektiver. Kapital fließt bevorzugt in skalierbare Geschäftsmodelle, während unprofitable Konzepte mit langen Amortisationsphasen deutlich schwereren Zugang zu Finanzierungen haben. Zugleich steigen die Erwartungen an die gesellschaftliche und ökologische Tragfähigkeit neuer Technologien.

Burggräben werden kleiner

Die zentrale Frage lautet daher: Welche Softwaremodelle bleiben im KI-Zeitalter widerstandsfähig? Entscheidend wird die Integrationsfähigkeit in bestehende Unternehmensprozesse, die Tiefe des Datenzugriffs und die Möglichkeit, KI sinnvoll in bestehende Produkte einzubetten. Auch hohe Wechselkosten entscheiden über die Zukunftsfähigkeit von Anwendungen. Unternehmen mit exklusiven Datenbeständen oder einem starken operativen „Daten-Moat“ verfügen über strukturelle Vorteile, weil sie KI nicht nur einsetzen, sondern differenziert weiterentwickeln können. Dort, wo diese Grundlagen vorhanden sind, könnten fallende Bewertungen sogar attraktive Einstiegsgelegenheiten bieten. Nicht jede Softwarelösung ist gleichermaßen betroffen, und für strategisch kluge Übernahmen könnte gerade jetzt der richtige Moment sein.

Ferner steht auch das Abrechnungsmodell auf dem Prüfstand: Das traditionelle Abo pro Arbeitsplatz funktioniert nur, solange Unternehmen in gleicher Struktur weiterarbeiten. Doch wenn KI produktivitätssteigernd wirkt und bestimmte Tätigkeiten – und Teammitglieder – ersetzt, verliert dieses Modell an Attraktivität. Nutzungsbasierte Abrechnung, modulare KI-Funktionen oder datengetriebene Services dürften künftig an Bedeutung gewinnen. Entscheidend ist, dass Anbieter sich tief in den Prozessen der Anwender verankern und Mehrwerte schaffen, die sich klar monetarisieren lassen.

Die Branche steht damit an einem Wendepunkt. KI stellt nicht nur etablierte Geschäftsmodelle infrage, sondern verschiebt auch die tektonischen Platten des Marktes – und genau an dieser Stelle gewinnt M&A an strategischer Bedeutung. Unternehmen, die ihre Wettbewerbsposition sichern oder ausbauen wollen, müssen jetzt gezielt nach Übernahmekandidaten suchen, die technologische Lücken schließen, Zugang zu exklusiven Daten ermöglichen oder bestehende Produkte KI-fähig machen. Besonders attraktiv sind Anbieter mit starker Prozessintegration beim Kunden, klarer technologischer Differenzierung oder einem belastbaren Datenfundament, das sich nicht ohne Weiteres imitieren lässt.

Die Unsicherheit birgt Chancen

Für viele Marktteilnehmer eröffnet der aktuelle Bewertungsdruck Chancen, die es in der vergangenen Dekade kaum gab. Softwareunternehmen, deren Kursrückgänge stärker vom Marktsentiment als von operativen Schwächen getrieben sind, werden zu interessanten Targets. Gleichzeitig wächst der Druck auf Anbieter, die im KI-Wettbewerb ins Hintertreffen geraten sind und sich ohne Partnerschaft oder Verkauf kaum neu aufstellen können. Der Markt dürfte sich entsprechend weiter konsolidieren.

Käufer mit einer klaren strategischen Vision können diese Phase nutzen, um sich frühzeitig zentrale Bausteine für ein integriertes, KI-getriebenes Portfolio zu sichern. Wer die Zukunft aktiv gestalten will, muss jetzt handeln. Es reicht nicht mehr aus, KI lediglich in bestehende Lösungen einzubauen. Entscheidend ist eine Gesamtstrategie, die interne Entwicklung, Partnerschaften und gezielte Akquisitionen miteinander verzahnt. Hinzu kommt die Fähigkeit, Übernahmen schnell zu integrieren und die erworbenen Technologien produktiv zu skalieren – ein Faktor, der über Erfolg oder Misserfolg entscheidet.

Die Karten werden neu gemischt und der Handlungsspielraum ist zeitlich begrenzt. Unternehmen, die mutig in den Markt gehen, technologische Kompetenzen einkaufen und ihre Position entlang der gesamten Wertschöpfungskette stärken, werden zu den Gestaltern des kommenden KI-Ökosystems gehören. Die nächsten Jahre werden zeigen, wer in der Lage ist, diese Transformationsphase konsequent zu nutzen und wer vom Tempo der Entwicklung überholt wird.

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* Der Autor Borys Storck ist Managing Partner bei Marktlink in Düsseldorf. Die unabhängige Unternehmensberatung ist auf Fusionen und Übernahmen (M&A) bei mittelständischen Unternehmen (KMU) spezialisiert.

Bildquelle: Marktlink

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