Kann Microsoft in Zukunft auf alle Daten zugreifen und Zugänge sperren? Neuer Windows-Servicevertrag von Microsoft wirft Fragen auf

Von Thomas Joos 7 min Lesedauer

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Seit 30. September 2023 ist der neue Servicevertrag von Microsoft in Kraft. Dieser enthält zahlreiche Neuerungen, die Fragen aufwerfen. Generell geht es darum, dass Microsoft mehr Zugriff auf die Daten eines Computers erhält, Daten löschen darf und sogar Microsoft-Konten komplett sperren kann.

Der neue Microsoft-Servicevertrag umfasst auch die verschiedenen KI-Dienste, die Microsoft zur Verfügung stellt, – und ist an einigen Punkten umstritten.(Bild:  © Coloures-Pic - stock.adobe.com)
Der neue Microsoft-Servicevertrag umfasst auch die verschiedenen KI-Dienste, die Microsoft zur Verfügung stellt, – und ist an einigen Punkten umstritten.
(Bild: © Coloures-Pic - stock.adobe.com)

Seit Ende September ist der neue Servicevertrag von Microsoft in Kraft, der verschiedene Änderungen beinhaltet. Kritiker werfen Microsoft eine mit diesem Vertrag stark zunehmende Überwachung sowie eine umfassende Kontrolle über die Daten der Anwender vor. Grund für die Vertragsänderung war die Integration neuer KI-Funktionen, die Microsoft in seinen verschiedenen Produkten vorgenommen hat, darunter Windows 10/11 und Microsoft Bing sowie verschiedene Cloud-Dienste wie OneDrive.

Auf vielen Webseiten finden sich in Bezug auf die Änderungen Kommentare, die Microsoft vorwerfen, eine totale Überwachung der Nutzer anzustreben. Diese Vorwürfe sind mit dem Servicevertrag jedoch nicht eindeutig begründet. Wir werden in diesem Artikel einen Blick auf den Servicevertrag werfen und die Vorwürfe sortieren.

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Kann Microsoft auf Fotos und Dateien zugreifen und diese auswerten?

Microsoft hat eine Technologie entwickelt, die in den USA beispielsweise bei der Suche nach vermissten Kindern eingesetzt wird. Dabei wird für in OneDrive gespeicherte Fotos mit PhotoDNA ein Hash erstellt. Dabei wird das Foto analysiert und in einen mathematischen Wert umgewandelt. Bei dieser Technik findet weder eine Gesichtserkennung statt, noch werden die Fotos von Microsoft für andere Zwecke verwendet oder weitergegeben. Die Informationen, die Microsoft aus den Bildern in OneDrive erstellt, können (eigentlich) weder zur Identifizierung von Gegenständen noch von Personen verwendet werden. Es wird lediglich ein Hash erstellt. Es findet keine direkte Analyse der Bilder auf verdächtige Inhalte statt. Der Hash des Fotos wird jedoch mit einer Datenbank abgeglichen, in der sich Bilder von vermissten oder missbrauchten Kindern befinden. Wird hier eine Übereinstimmung gefunden, sendet Microsoft eine Information an das US-amerikanische „National Center for Missing & Exploited Children“. Dabei werden jedoch immer nur Hashes, nie komplette Bilder übermittelt.

Durch die KI-Analyse der Inhalte von Datenträgern und Fotos oder Dateien in der Cloud greift Microsoft natürlich auch auf persönliche Daten der Nutzerinnen und Nutzer zu. Und dies ist durchaus kritisch zu sehen.

Microsoft-Mitarbeiter überprüfen verdächtige Dateien – Werden dabei Dateien aus der EU in die USA transferiert?

Bedenklich ist jedoch, dass Microsoft zusätzlich auch weitergehende Analysen durchführt, die den Inhalt von Dokumenten oder Bildern überprüfen. Dazu wird ebenfalls KI eingesetzt. Außerdem greift Microsoft hier auf Informationen aus anderen Quellen zurück. Besteht der Verdacht, dass gegen geltendes Recht oder die Microsoft-Verhaltensregeln verstoßen wurde, überprüfen Microsoft-Mitarbeiter die Dateien.

Dabei kann es durchaus vorkommen, dass die Daten aus der EU transferiert werden. Dies ist im Hinblick auf die DSGVO durchaus problematisch. Zum jetzigen Zeitpunkt lassen sich die Folgen aber noch nicht abschätzen. Allerdings verbietet die DSGVO die Übermittlung solcher Daten aus der EU in die USA. Hier müssen Microsoft-Kunden darauf vertrauen, dass sich Microsoft daran hält.

Darf Microsoft Daten löschen?

Findet Microsoft in Dateien, die von den verschiedenen Systemen durchsucht werden, verdächtige Inhalte, die gegen Gesetze oder Richtlinien von Microsoft verstoßen, darf Microsoft nach dem neuen Servicevertrag diese Dateien sperren und löschen. Da im Vertrag von Diensten die Rede ist, mit denen Nutzer mit ihren Daten interagieren, ist Windows davon eigentlich nicht betroffen. Denn gemeint sind hier Cloud-Dienste, E-Mail-Programme oder Dienste wie Microsoft Teams und Skype.

Da Windows jedoch mit immer mehr Cloud-Diensten interagiert und mit Windows-Copilot auch direkt KI im System hat, ist es aber durchaus denkbar, dass Windows Dateien spätestens beim Hochladen oder Speichern in der Cloud scannt. Handelt es sich dabei um illegale Inhalte oder Inhalte, die gegen den Verhaltenskodex von Microsoft verstoßen, ist eine Sperrung der Dateien ebenso möglich wie eine Löschung. Auch eine Sperrung des Microsoft-Kontos ist möglich. Damit werden auch alle Zugänge gesperrt, die mit einem Microsoft-Konto verknüpft sind.

Meldung anderer Benutzerkonten

Neu ist auch der Abschnitt 4/b/ii im neuen Servicevertrag. Dort heißt es: „Bedenken melden. Sie können bedenkliche Inhalte oder Verhaltensweisen, die gegen unseren Verhaltenskodex verstoßen, hier melden“. Damit integriert Microsoft eine Meldefunktion, wie sie bei vielen Online-Diensten zu finden ist. Dahinter verbirgt sich die Möglichkeit, Microsoft-Accounts zu melden, die gegen Richtlinien verstoßen, also zum Beispiel Spam versenden oder andere Nutzer belästigen.

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Diese Meldefunktion ist bei vielen anderen Diensten und Online-Spielen schon lange üblich. Da immer mehr Microsoft-Dienste auch online verfügbar sind, will und muss Microsoft hier nachziehen. Es geht dabei allerdings nicht um Denunziation oder das Ausspionieren anderer, sondern um eine Technologie zur Erleichterung der Meldung problematischer Inhalte und Verhaltensweisen. Allerdings gibt es diesbezüglich durchaus Potenzial, das auszunutzen.

„Microsoft, trainiert ihr eure KI mit unseren persönlichen Daten?“

Juristen, Datenschutzexperten und Aktivisten haben den neuen Servicevertrag von Microsoft geprüft. Am Ende konnten auch sie nicht feststellen, ob Microsoft plant, persönliche Daten – einschließlich Audio- und Videodaten, Chatprotokolle und Dateianhänge aus 130 Produkten wie Office, Skype, Teams und Xbox – für das Training seiner KI-Modelle zu verwenden.

Doch wenn bereits Fachleute Schwierigkeiten haben, die Datenschutzpraktiken von Microsoft zu verstehen, dann sollte es für normale Verbraucher nahezu unmöglich sein, zu durchschauen, wie ihre Daten genutzt werden. Die Mozilla Foundation ruft daher Nutzerinnen und Nutzer dazu auf, Microsoft aufzufordern, transparent zu kommunizieren, ob persönliche Daten für KI-Trainingszwecke verwendet werden.

Unterzeichnen Sie die Petition hier

Microsoft stellt Verhaltensregeln für die Nutzung von KI-Diensten auf

Wie für die Nutzung der Azure OpenAI Services legt Microsoft auch für die Nutzung der verschiedenen Copilot-Dienste in Windows und Bing Verhaltensregeln fest. Verstoßen Nutzer gegen diese, etwa weil sie KI-Dienste missbräuchlich und unethisch nutzen, droht die Sperrung dieser Dienste. Auch diese Verhaltensregeln sind nachvollziehbar und werden auch von anderen Anbietern solcher Dienste umgesetzt. Generell geht es letztlich immer darum, nicht gegen Gesetze zu verstoßen. Die einzelnen Regeln dazu finden sich im Servicevertrag unter „Verhaltensregeln“. Beispiele sind: „Begehen Sie keine illegalen Handlungen und versuchen Sie nicht, illegale Inhalte zu generieren oder zu teilen. Unterlassen Sie Handlungen, die Kinder ausnutzen, schädigen oder bedrohen“. Auch das Reverse Engineering oder das Schreiben von Malware ist nicht erlaubt und führt zur Sperrung des eigenen Microsoft-Kontos.

Microsoft verbietet auch das Verfassen von Texten mit „anstößiger Sprache“. Dies kann ebenfalls zu Löschungen oder sogar zur Sperrung des Microsoft-Kontos führen. Was genau Microsoft unter „anstößiger Sprache“ versteht, lässt sich derzeit nicht feststellen. Generell erklärt Microsoft zwar, dass es sich um Spam, Phishing und Malware handelt, aber die Paragraphen sind sehr weit gefasst. Microsoft kontrolliert auch die verschiedenen Chats in Skype, Teams und anderen Microsoft-Plattformen. Werden hier anstößige Inhalte gefunden, kann es für den betroffenen Nutzer unangenehm werden und weitreichende Konsequenzen für sein Microsoft-Konto haben.

Pentester und IT-Sicherheitsanwender könnten Probleme mit dem Servicevertrag bekommen

Pentester schreiben oft Skripte, die Ähnlichkeiten mit Malware haben, und auch viele Sicherheitstools verhalten sich wie Malware. Das könnte in Zukunft problematisch werden, denn Pentester dürfen diese Inhalte nicht auf einem Windows-Rechner erstellen oder nutzen, schon gar nicht mit KI. So erkennt der Microsoft Defender beispielsweise die Linux-Distribution Kali als Malware. Wenn also in Zukunft Windows-Benutzer Kali auf ihrer eigenen Hardware einsetzen, könnte es sein, dass Microsoft das als Verstoß wertet. Das muss nicht so sein, kann aber nach dem Servicevertrag durchaus passieren.

Hinzu kommt die Durchführung von Phishing-Tests, die von Windows-Rechnern aus in Zukunft eigentlich nicht mehr erlaubt sind. Damit spielt sich Microsoft mehr oder weniger als Polizei auf. Wie sich das Thema in Zukunft entwickeln wird, ist allerdings noch nicht abzusehen.

Fazit

Einige Bereiche des Servicevertrages sind fragwürdig und schwammig formuliert. So ist es durchaus richtig, dass Microsoft seinen Nutzern verschiedene Regeln und einen Verhaltenskodex auferlegt, die sich aber vor allem auf die KI-Dienste beziehen. Schließlich geht es Microsoft nicht darum, seine Kunden zu vergraulen, sondern sicherzustellen, dass die verschiedenen Dienste und Windows gesetzeskonform und möglichst ethisch genutzt werden.

Es geht auch nicht darum, die Überwachung auszuweiten. Hier ist Microsoft sicher nicht fairer oder unfairer als Apple, Facebook, Google, Amazon oder all die anderen US-Konzerne. Es geht Microsoft darum, die Verbreitung von verbotenen Inhalten ebenso zu verhindern, wie diese mit Hilfe von KI-Diensten zu generieren und mit den verschiedenen Technologien, die Microsoft anbietet, zu teilen. Es sind derzeit viele Fragen offen, klar ist aber, dass sich Microsoft sehr viele Rechte herausnimmt, die auch die Daten der Benutzer betreffen.

„Microsoft, trainiert ihr eure KI mit unseren persönlichen Daten?“

Juristen, Datenschutzexperten und Aktivisten haben den neuen Servicevertrag von Microsoft geprüft. Am Ende konnten auch sie nicht feststellen, ob Microsoft plant, persönliche Daten – einschließlich Audio- und Videodaten, Chatprotokolle und Dateianhänge aus 130 Produkten wie Office, Skype, Teams und Xbox – für das Training seiner KI-Modelle zu verwenden.

Doch wenn bereits Fachleute Schwierigkeiten haben, die Datenschutzpraktiken von Microsoft zu verstehen, dann sollte es für normale Verbraucher nahezu unmöglich sein, zu durchschauen, wie ihre Daten genutzt werden. Die Mozilla Foundation ruft daher Nutzerinnen und Nutzer dazu auf, Microsoft aufzufordern, transparent zu kommunizieren, ob persönliche Daten für KI-Trainingszwecke verwendet werden.

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