Europa spricht seit Jahren davon, technologisch unabhängiger werden zu müssen. Wenn Kanzler Merz und Präsident Macron nun Medienwirksam betonen, dass die digitale Abhängigkeit dringend reduziert werden müsse, wirkt das weniger wie eine Vision – sondern mehr wie ein längst überfälliges Erwachen. Das strukturelle Problem ist nicht neu. Neu ist nur, dass die Politik es nicht länger ignorieren kann.
Europa muss aufhören, sich selbst zu bemitleiden und gleichzeitig in die Abhängigkeit der großen Tech-Konzerne zu flüchten. Digitale Souveränität erfordert einen konsequenten Richtungswechsel, erklärt Falk Borgmann in diesem Gastkommentar.
Doch wie diese viel beschworene Souveränität tatsächlich Realität werden soll, darauf gibt es bis heute keine überzeugende Antwort. Ein Blick auf die Bundesländer zeigt sogar, wie widersprüchlich die Wege in eine digitale Zukunft verlaufen.
Schleswig-Holstein setzt Microsoft vor die Tür und baut seine Verwaltung vollständig auf Open-Source-Software um. Bayern hingegen möchte sich langfristig für Hunderte Millionen Euro an Microsoft binden, um so souveräner zu werden.
Egal, welchen Weg man favorisiert, eines ist klar: Schleswig-Holstein oder Bayern – eines von beiden Bundesländern biegt gerade kolossal in die falsche Richtung ab.
Gegensätzlicher kann man kaum agieren. Als außenstehender Beobachter reibt man sich verwundert die Augen über die Kapriolen des deutschen Föderalismus.
Gibt es einen Mittelweg?
Baden-Württemberg versucht nach Aussage von Stefan Krebs (Landesbeauftragter für IT) einen Mittelweg zu gehen und verweist dabei auf die sehr unterschiedlichen Strategien in Bayern und Schleswig-Holstein. Doch dieser Mittelweg wirkt widersprüchlich: Einerseits setzt das Land künftig auf die Dienste des US-Unternehmens Palantir im Bereich der Strafverfolgung, andererseits stellt es den Verwaltungsmitarbeitern Open-Source-Alternativen zu Word bereit.
Die Frage liegt nahe, welcher dieser Schritte tatsächlich zur digitalen Souveränität beiträgt – das Schreiben von Briefen mit freier Software oder die Auslagerung hochsensibler Daten an ein Unternehmen aus den USA, dessen Gründer offen antidemokratische und rechtsextreme Positionen vertritt.
Regierungsvertreter verweisen in dieser Diskussion gerne auf positive Erfahrungen aus Bayern. Wer die bayerische IT-Strategie für überzeugend und souverän hält, mag diesen Vergleich plausibel finden.
Und auf Bundes- bzw. europäischer Ebene?
Bundeskanzler Merz sagte kürzlich, dass sich „digitale Souveränität nicht politisch herbeiregulieren oder herbeisubventionieren“ lasse. Gleichzeitig müsse Europa aber „die Innovationsführerschaft übernehmen, um im Wettbewerb um digitale Technologien zu bestehen“. Sein Kollege Macron sekundiert: „Wir müssen Dinge erst einmal erfinden, bevor wir sie regulieren.“
Also scheinbar ganz einfach: Weg mit den Regulierungen, dann holt die EU schnell auf und wird souverän.
Um den Prozess zu beschleunigen, reichte die Bundesregierung kürzlich eigene Vorschläge bei der EU ein. Unter dem Stichwort Digital Omnibus wird die Aufweichung der GDPR gefordert. Es geht darum die Nutzung personenbezogener Daten – etwa zum Training von KI – zu erleichtern. Dazu soll einfach die Definition personenbezogener Daten eingeschränkt werden. Man befindet sich hier im Einklang mit den Forderungen von Google, Microsoft oder auch dem Bitkom.
Die Politik schafft also nach eigener Darstellung einen Rahmen für Innovation, den es heute nicht gibt?
Ich stimme zu, dass Europa und Deutschland souveräner werden müssen und im Bereich der KI dringend aufholen sollten. Ich halte es jedoch für absurd zu glauben, dass Datenschutz die Bremse für KI-Innovation und gleichzeitig der Motor für Souveränität sei. Im Gegenteil: Wenn man von Souveränität spricht, sollte Datenschutz ein Kernstück der Strategie sein – denn Daten sind der Treibstoff für KI. Ein allzu sorgloser Umgang mit Daten nutzt gegenwärtig vor allem den US-Konzernen, um ihre Vormachtstellung auszubauen. Wir sollten daher besser schützen, was uns differenziert: Unternehmensdaten ebenso wie persönliche Daten.
Daten sind Macht – und Europa will sie verschenken
Daten müssen sinnvoll und kontrolliert nutzbar sein. Dafür lohnt es sich, Mechanismen zu etablieren, die es erlauben, gezielt Daten an Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Und wenn wir schon von freien Märkten und Deregulierung sprechen, ist es schwer zu verstehen, warum nach den Vorstellungen der Bundesregierung jedes Unternehmen anonymisierte Daten eines Menschen nutzen darf, ohne dass dieser dafür eine Entlohnung erhält.
Warum sind Bücher urheberrechtlich geschützt, persönliche Daten aber nicht?
Wir erleben seit Jahren eine Selbstbedienungsmentalität bei Nutzerdaten, die aus der Entstehung der sozialen Medien resultiert und von Gesellschaft und Politik als gottgegeben hingenommen wird. An dieser Grundhaltung muss sich dringend etwas ändern – und zwar ganz sicher nicht in Richtung einer Aufweichung des Datenschutzes.
Stand: 08.12.2025
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Man könnte überspitzt sagen: Die Idee der Politik ist es, einen ohnehin schon mäßigen Datenschutz zu lockern, um mehr Innovation zu ermöglichen – und dadurch souveräner zu werden.
Selbst wenn wir hypothetisch den Datenschutz vollständig abschaffen würden, wäre das Rennen um schnelle Innovation und Entwicklung kaum zu gewinnen.
Beispiel KI: SAP und Telekom sind abgehängt – die Schwarz-Gruppe als deutscher Hoffnungsträger
Wenn man hinterherläuft, muss man schneller sein als der Führende. Um bei künstlicher Intelligenz (KI) aufholen zu können, brauchen wir zwei Dinge: Personal, das in der Lage ist, im KI-Bereich Know-how aufzubauen, und eine entsprechende finanzielle Ausstattung. Meine These ist: Mit ausreichend finanziellen Anreizen ließe sich das nötige Personal durchaus finden. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass wir in Deutschland immer noch über gut ausgebildete Naturwissenschaftler und Ingenieure verfügen, die erfolgreich mit erfahrenen IT-Spezialisten zusammengebracht werden können.
Die wichtigere Frage ist daher: Woher sollen die finanziellen Mittel kommen, um die Lücke zu den führenden US-Technologiekonzernen zu schließen? Vom Staat sicherlich nicht.
Größter privater KI-Investor in Europa ist vermutlich die Schwarz-Gruppe, die Milliardenbeträge über das IPAI und eigene Rechenzentren investiert. Diese Ausrichtung folgt einer seit Jahren verfolgten Strategie des Handelskonzerns, der sich – ähnlich wie Amazon – zunehmend in Richtung eines multiplen Tech-Konzerns entwickelt. Dieter Schwarz hat offenbar früh erkannt, wohin die Reise geht.
Die Schwarz-Gruppe ist damit ein Lichtblick in Europa – aber leider auf weiter Flur fast allein.
Gegen die Milliardeninvestitionen von Amazon, Google, Microsoft, Meta oder Nvidia wird es kaum reichen, dass ein einzelnes Unternehmen in Europa die Initiative ergreift. Andere große deutsche Tech-Unternehmen wie SAP oder die Telekom haben nicht nur vor einigen Jahren die Entwicklung der Cloud-Technologie verschlafen, sondern nun auch die KI. Man hätte gehofft, dass sie diesmal vorausschauender agieren, doch stattdessen sind sie erneut von der Disruption überrollt worden.
Selbst wenn Kapital und Personal vorhanden wären, bleibt die Frage: Welches Rennen wollen wir überhaupt gewinnen?
Das um die Herstellung von GPU-Chips? Das um die beste Nutzung bestehender KI-Modelle? Oder das um die Entwicklung eigener leistungsstarker LLMs?
Wenn es um Souveränität geht, müssten wir eigentlich alle drei Ziele erreichen.
Zur Wahrheit gehört aber: Das Rennen um die besten LLMs ist längst verloren. Schätzungen zufolge hat allein das Training von ChatGPT-5 deutlich mehr als eine Milliarde US-Dollar gekostet. Der deutsche Hoffnungsträger in diesem Bereich, Aleph Alpha, verfügt inklusive aller Lizenzoptionen über rund 500 Mio. Euro – also weniger als die Hälfte der reinen Trainingskosten eines aktuellen US-Modells.
Den Heidelbergern fehlen sowohl die Daten als auch die finanziellen Mittel, um gegen die großen LLMs der US-Konzerne bestehen zu können. Nicht ohne Grund hat sich Aleph Alpha bereits vor einiger Zeit von seinem ursprünglichen Plan verabschiedet, ein leistungsstarkes LLM „Made in Germany“ als Gegengewicht zu OpenAI & Co. zu entwickeln. Mit PhariaAI konzentriert sich das Unternehmen inzwischen eher auf die öffentliche Verwaltung als klar definierten Nischenmarkt. Dabei geht es heute nicht mehr ausschließlich um die Entwicklung vertrauenswürdiger LLMs, sondern um ein breiteres Spektrum spezialisierter KI-Dienste.
Doch die Lücken Europas reichen weit über die reine LLM-Entwicklung hinaus. Auch bei der benötigten KI-Hardware hängt der Kontinent am Tropf. Wer soll mit welchen Rohstoffen und welchem Know-how die GPU-Chips produzieren, die wir für echte Unabhängigkeit benötigen? Auf diesem Feld sind wir noch blanker als beim Training eigener LLMs.
Ist Europa deshalb chancenlos?
Keineswegs.
Aber Europa muss endlich aufhören, sich selbst zu bemitleiden und gleichzeitig in die Abhängigkeit der großen Tech-Konzerne zu flüchten.
Viele Unternehmen und Bundesländer sprechen von Souveränität, während sie ihre sensibelsten Daten weiterhin bedenkenlos in US-Clouds oder US-Software ablegen. Dass es anders geht, zeigt Schleswig-Holstein: Man kann etwas ändern, wenn man es wirklich will. Der Schritt hin zu Open Source ist kein Symbolakt, sondern ein notwendiger Richtungswechsel.
Doch während vielerorts vom Aufholen gesprochen wird, handelt auch in der Industrie praktisch niemand. Ausnahme bildet hier die Schwarz-Gruppe, welche als einziger großer europäischer Player substanzielle Investitionen tätigt. Dabei gäbe es genügend Wege, um beispielsweise im Bereich KI innovativ zu sein und so auch unabhängiger zu werden. Es muss nicht immer ein milliardenschweres LLM sein, um konkrete Probleme zu lösen. Viele Services lassen sich mit kleinen, effizienten Modellen realisieren – oft sogar ohne GPU und mit deutlich geringerem Ressourcenbedarf.
Europa ist also nicht chancenlos. Aber Souveränität entsteht nicht durch Ankündigungen, Strategiepapiere oder Debatten. Auch nicht dadurch den Treibstoff das KI-Zeitalters, nämlich unsere Daten, freizügig den US-Konzernen vor die Füße zu werfen.
Souveränität entsteht durch vorrausschauendes Handeln. Wer souverän sein will, muss aufhören zu reden – und endlich anfangen, zu bauen.
* Falk Borgmann verfügt über 20 Jahre Erfahrung als Technologieberater und hat in dieser Funktion zahlreiche namhafte deutsche Unternehmen in IT-strategischen und technologischen Fragen begleitet. Das Team der Deepshore GmbH beschäftigt sich bereits seit über 6 Jahren intensiv mit KI und der Frage wie diese Technologie sinnvoll eingesetzt werden kann. Deepshore verbindet bewährte Machine-Learning-Lösungen mit spezialisierten KI-Systemen zu nachhaltiger Prozessautomatisierung – mit Fokus auf robusten Architekturen und messbarer Wertschöpfung auch durch maximale Sicherheit.