US-Tech-Dominanz die Stirn bieten „8ra“ – Europas Weg zur Cloud-Souveränität

Ein Gastbeitrag von Christine Knackfuß-Nikolic* 5 min Lesedauer

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Europa steht vor einem digitalen Wendepunkt: US-Giganten dominieren heute mit 70 Prozent den Cloud-Markt. Das EU-Projekt „8ra“ verspricht nun den Durchbruch: Ein Cloud-Edge-Kontinuum auf Basis offener Standards für Europas digitale Souveränität.

Europa muss seine digitale Zukunft unabhängiger gestalten: Das EU-Förderprogramm „8ra“ (ehemals IPCEI-CIS) bietet einen vielversprechenden Ansatz für eine souveräne europäische Edge-Cloud.(Bild:  Kanisorn - stock.adobe.com)
Europa muss seine digitale Zukunft unabhängiger gestalten: Das EU-Förderprogramm „8ra“ (ehemals IPCEI-CIS) bietet einen vielversprechenden Ansatz für eine souveräne europäische Edge-Cloud.
(Bild: Kanisorn - stock.adobe.com)

Die Dominanz amerikanischer US-Cloud-Anbieter (Big Tech) stellt Europa vor massive Herausforderungen. Mit über 70 Prozent Marktanteil kontrollieren Amazon, Microsoft und Google den europäischen Cloud-Markt. „Digitale Souveränität bedeutet, die digitale Transformation eigenständig und unabhängig zu gestalten,“ heißt es beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Doch genau diese Fähigkeit droht Europa zu verlieren – und das sowohl bei Cloud-Rechenzentren als auch der dort trainierten künstlichen Intelligenz (KI).

Als größte Volkswirtschaft Europas und bedeutender Industriestandort steht Deutschland besonders unter Druck. Es fehlen leistungsstarke europäische Cloud- und KI-Unternehmen sowie Technologien, um Daten und Anwendungen unabhängig und souverän zu betreiben. Doch jetzt regt sich eine europäische Bewegung: Mit dem EU-Projekt „8ra“ entsteht eine Alternative, die Europas digitale Souveränität stärken soll.

Die US-Dominanz brechen

Eine zu starke Abhängigkeit von US-Anbietern birgt viele Risiken. Zum einen bestimmen die Big-Tech-Unternehmen die Spielregeln und können daher die technologischen Standards diktieren. Zum anderen haben sie auch Einfluss auf die wirtschaftlichen und rechtlichen Bedingungen, unter denen ihre europäischen Kunden arbeiten.

Wo die Hyperscaler ihre Daten verarbeiten, ist beispielsweise häufig intransparent. Ob dabei sensible Unternehmens- und Kundendaten tatsächlich in Europa verbleiben oder in Länder abfließen, in denen der Cloud-Betrieb günstiger ist, ist kaum nachzuvollziehen. Darüber hinaus verpflichtet der „US Cloud Act“ amerikanische Provider, auf behördliche Anfrage Daten herauszugeben – unabhängig vom Speicherort. Mit dem Projekt „8ra“ will die EU es besser machen.

Aufholen mit Cloud, Edge und KI

Ob Unternehmen, Privatpersonen oder öffentliche Einrichtungen – alle benötigen Rechenzentren, um große Datenmengen sicher und effizient zu speichern. Doch erst durch intelligente Datenverarbeitung, innovative Cloud-Anwendungen und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz entstehen echte Innovationskraft und entscheidende Wettbewerbsvorteile.

Wo es schnelle Reaktionen braucht, sind Echtzeitlösungen unverzichtbar – zum Beispiel bei autonom fahrenden Robotern, die in Lagerhallen Hindernissen ausweichen müssen. Das erfordert eine entsprechende Infrastruktur, denn autonome Fahrzeuge erzeugen bis zu 4.000 Gigabyte Daten pro Stunde, etwa aus Kamerabildern oder Radarsignalen. Bei sicherheitskritischen Anwendungsfällen müssen die Systeme diese Datenmengen binnen Millisekunden analysieren, um unverzüglich Entscheidungen zu treffen. Nur so können sie rechtzeitig ein Lenk- oder Bremsmanöver einleiten. Eine zentrale Cloud wäre hier zu langsam und könnte zur Gefahr werden.

Edge-Computing bietet hier die Lösung: Daten werden direkt am Entstehungsort verarbeitet, statt sie über weite Strecken an eine zentrale Cloud zu übertragen. Das verringert Verzögerungen (Latenzen) und entlastet die zentrale IT-Infrastruktur. Doch Europa ist aktuell weder in Sachen Edge-Computing noch in der Cloud ausreichend auf die Anforderungen der Industrie vorbereitet. Und die Kluft wächst mit jedem Jahr: Der Bitkom schätzt, dass in den USA jedes Jahr zwei- bis dreimal so viel zusätzliche Rechenleistung entsteht, wie in Deutschland überhaupt verfügbar ist.

Mit vereinten Kräften zur europäischen Super-Cloud

Das EU-Projekt „8ra“ wirkt dem entgegen. Zwölf EU-Staaten und rund 150 Partner arbeiten an einer vernetzten Cloud-Edge-Infrastruktur, die Europas digitale Souveränität wiederherstellen soll. Das Herzstück bildet das IPCEI-CIS-Projekt, das Cloud- und Edge-Technologien verschiedener Anbieter auf Basis offener Standards vereint.

Eine „Super-Cloud“ soll nun die die Stärken eines europaweiten Netzwerks mit den Vorteilen der Hyperscaler verbinden. Ihr Fokus liegt dabei auf digitaler Souveränität. Das Ziel ist es, europäische Unternehmen zu stärken und zu schützen, indem sensible Daten sicher in den eigenen Rechenzentren verbleiben oder dorthin zurückgeführt werden. Ein ergänzendes Edge-Knoten-Netzwerk sorgt dabei für lokale Kontrolle und höchste Sicherheit. Bis 2030 sollen 10.000 Edge-Cloud-Knoten entstehen, perspektivisch sogar 100.000 Rechenzentren europaweit.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Rechenzentren mit festen Standorten setzt 8ra auf ein europaweites Netzwerk aus Cloud- und Edge-Ressourcen. Die Beteiligung zahlreicher führender Unternehmen und Institutionen garantiert dabei Marktrelevanz und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit Europas. Gemeinsam entsteht eine Lösung für ein großes Marktbedürfnis: leistungsstarke Rechenkapazitäten am Netzwerkrand („at the edge“) mit minimaler Latenz. Diese Technologie ist entscheidend für Schlüsselbranchen wie Maschinenbau, Automobilindustrie und Logistik.

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Cloud-Edge-Kontinuum – die Chancen für Europa

Durch 8ra entstehen eine Reihe von Vorteilen und Chancen für die europäische Wirtschaft. So bietet etwa die Vernetzung von Rechenzentren und Edge-Knoten durch die Bündelung von Ressourcen des gesamten Netzwerks eine maximale Rechenleistung. Das sorgt für höchste Skalierbarkeit und Flexibilität – ohne Abhängigkeit von einzelnen Anbietern. Durch regelmäßige Updates an verschiedenen Standorten bleibt das Netzwerk stets auf dem neuesten Stand der Technik. Neue Prozessoren, optimierte KI-Beschleuniger und verbesserte Speichertechnologien treiben Innovationen voran.

Die geografisch verteilte Infrastruktur der Edge-Knoten in ganz Europa gewährleistet zudem eine hohe Ausfallsicherheit. Auch bei Störungen an einem Standort bleiben die anderen Teile des Netzwerks funktionsfähig. Die lokale Datenverarbeitung im Edge-Kontinuum trägt zudem zur Nachhaltigkeit bei: Kurze Datentransportwege sparen Energie. Zudem können einzelne Edge-Knoten je nach Bedarf flexibel ein- oder ausgeschaltet werden, ähnlich wie Ampeln.

Ein Open-Source-Betriebssystem sorgt dabei für höchste Sicherheitsstandards und garantiert die volle Kontrolle über die Datenverarbeitung und -speicherung. So bleibt die Datenhoheit stets gewahrt.

Zukunftsvision digitale Souveränität

Datenhoheit bedeutet Kontrolle über Informationen und Entscheidungen – das macht sie zu einem politischen Thema. Neben den technischen Herausforderungen braucht es politische Unterstützung und Investitionen. Die öffentliche Hand muss als Vorreiter agieren und Vertrauen in die neue Infrastruktur schaffen. Einheitliche Standards und Interoperabilität ermöglichen eine wettbewerbsfähige Alternative zu den Tech-Giganten, ohne die Datensouveränität zu gefährden. Regierungen stärken die Position eines solchen wichtigen Projekts, indem sie als Ankerkunde auftritt und rechtliche Rahmenbedingungen schafft.

Kurz gefasst: Der Weg zur Cloud-Souveränität ist ambitioniert, aber alternativlos. Nur gemeinsam kann Europa eine starke und unabhängige digitale Infrastruktur „made in Europe“ aufbauen. Doch das funktioniert nur mit einer konsequenten Umsetzung. Wir Europäer müssen also jetzt handeln, um die digitale Zukunft nach unseren Vorstellungen und Werten zu gestalten.


* Die Autorin Christine Knackfuß-Nikolic ist Chief Technology Officer der T-Systems International GmbH. In dieser Funktion gehört sie der erweiterten Geschäftsleitung an und verantwortet auch den Cyber Security Tribe von T-Systems. In ihrer fast 20-jährigen Karriere hat Christine Knackfuß-Nikolic bereits vielfältige Erfahrungen im Technologie-Umfeld gesammelt. Zuletzt war sie als Senior Vice President für den Bereich „Digital Business & Transformation“ der Telekom Deutschland GmbH (TDG) verantwortlich.

Bildquelle: T-Systems International GmbH

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