Gaia-X-Geschäftsführer Ulrich Ahle widerspricht Gaia-X ist nicht „tot“

Von Dr. Dietmar Müller 5 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Das europäische Vorzeigeprojekt Gaia-X sollte ein Gegenentwurf zu den amerikanischen Hyperscalern werden und für souveräne Datenräume sorgen. Nun hat das Gründungsmitglied Nextcloud seinen Austritt angekündigt, das Vorhaben sei „tot“. Dem widerspricht Gaia-X CEO Ulrich Ahle im Gespräch mit CloudComputing-Insider vehement.

Ulrich Ahle, CEO der Gaia-X European Association for Data and Cloud AISBL, sieht das europäische Projekt für standardisierte Datenräume im Zentrum der digitalen Transformation in Europa.(Bild:  fotostudio verena neuhaus)
Ulrich Ahle, CEO der Gaia-X European Association for Data and Cloud AISBL, sieht das europäische Projekt für standardisierte Datenräume im Zentrum der digitalen Transformation in Europa.
(Bild: fotostudio verena neuhaus)

Nextcloud-CEO und -Gründer Frank Karlitschek hat gerade für einiges an Aufregung gesorgt. In der Wirtschaftswoche kündigte er den Ausstieg seines Unternehmens aus dem europäischen Cloud-Konsortium an, denn „vom ursprünglichen Ziel, eine europäische Cloud-Alternative zu den amerikanischen Hyperscalern wie Amazon oder Microsoft auf die Beine zu stellen“ sei heute nicht mehr die Rede. Das Projekt sei damit praktisch „tot“.

Dem widerspricht Gaia-X-CEO Ulrich Ahle gegenüber CloudComputing-Insider: Gaia-X werde „auf jeden Fall“ weitergeführt – das Projekt floriere und ziehe neue Mitglieder an: „Gaia-X wird nicht nur weitergeführt, sondern expandiert - sowohl in Europa als auch international. Die Behauptung, Gaia-X sei ‚tot‘, entspricht nicht der Realität. Mit über 150 Implementierungsprojekten, einem wachsenden Netzwerk von digitalen Clearingstellen (GXDCH) und einer zunehmenden Akzeptanz durch Unternehmen und Institutionen ist Gaia-X aktiver denn je.“

Gaia-X sei weit davon entfernt, die Arbeit einzustellen, man beobachte vielmehr ein zunehmendes Engagement neuer Mitglieder, Branchen und globaler Partner. Erst kürzlich seien Gaia-X-Hubs in Dänemark, Norwegen und der Schweiz sowie eine GXDCH-Testumgebung in Japan eingerichtet worden. „Diese Entwicklungen zeigen, dass Gaia-X seine Aufgabe erfüllt, Daten- und Cloud-Infrastrukturen zu bündeln und sichere, transparente und interoperable digitale Ökosysteme zu ermöglichen“, so Ahle.

Contra Gaia-X

„Die stille Agonie von Gaia-X ist ein Trauerspiel“

Andrea Wörrlein, VNC AG.
(Bildquelle: VNC AG)

„Der Stand der Dinge bestätigt leider die düstere Bilanz, die wir schon vor über drei Jahren gezogen haben. Die für unsere digitale Unabhängigkeit so wichtige Initiative wurde in den Zeitlupen-Mühlen staatlich gesteuerter Innovationsprojekte zermahlen. Agilität, Schnelligkeit und Risikobereitschaft sind in diesen Szenarien Fremdworte“, sagt Andrea Wörrlein, Vorständin der VNC AG in Zug. Das verhalte sich auch im Falle der künstlichen Intelligenz (KI) so, „auch dazu haben wir damals schon Exzellenzinitiativen angeregt – vergeblich.“

Der Schlussstrich ist schon lange gezogen

Die Aussichten des Projektes sieht sie düster. Gaia-X sei geplant gewesen als eine souveräne deutsch-europäische Alternative zu den amerikanischen und chinesischen Hyperscalern – „und dann wurden sie naiverweise ‚zur Unterstützung‘ mit ins Boot geholt“, so Wörrlein. Strategische Weitsicht sehe anders aus. „Durch die abzusehenden Konsequenzen wurde der Stillstand zementiert. Welche konkreten Services sind denn verfügbar, die eine echte Alternative zu den Hyperscaler-Angeboten wären? Der Schlussstrich ist schon lange gezogen.“

Nun stelle sich die Frage, wie mit dem Projekt weiter zu verfahren ist. Wörrlein hätte da eine Idee: „Wir wären ja sofort dabei, wenn es konkrete Innovationsprojekte gäbe, wie etwa der Aufbau von dezentralen Rechenzentrumsstrukturen für Private AI, Plattform-as-a-Service-Angebote für die mittelständische Wirtschaft oder hochsichere Lösungen für Kommunikation und Zusammenarbeit. Das wäre eine lohnende Aufgabe.“

Die Zukunft des Projekts

In Zukunft konzentriere sich Gaia-X insbesondere auf „Übernahme und Skalierung“. Ahle berichtet, dass man die anfängliche Phase der Definition von Regeln und Rahmenwerken hinter sich gelassen habe – Gaia-X werde jetzt in realen Anwendungsfällen in verschiedenen Ökosystemen wie Mobilität, Gesundheitswesen, Finanzen, Energie und Fertigungsindustrie implementiert.

„Wir treiben auch unsere Globalisierungsstrategie voran und stellen sicher, dass die Gaia-X-Standards über Europa hinaus übernommen werden können und gleichzeitig mit den regionalen Vorschriften in Einklang stehen“, so der Geschäftsführer. „Unsere Partnerschaften in Japan, Korea und anderen Regionen zeigen, dass die Nachfrage nach souveränen und interoperablen Datenräumen global ist.“

Darüber hinaus sei man bei Gaia-X damit beschäftigt, die wirtschaftliche Lebensfähigkeit von Datenräumen zu stärken. Durch die Zusammenarbeit mit der Universität Paris Dauphine und dem Unterstützungszentrum für Datenräume definiere Gaia-X nachhaltige Wirtschaftsmodelle, die dafür sorgten, dass Ökosysteme für die gemeinsame Nutzung von Daten ohne langfristige Abhängigkeit von öffentlichen Mitteln gedeihen können.

Die nächsten Schritte

Ahle und sein Team haben verschiedene Maßnahmen in der Pipeline, die Gaia-X skalieren sollen: „Ausgehend von den Gaia-X Digital Clearing Houses (GXDCH) wollen wir diese ausbauen, da sie durch automatisierte Validierungsmechanismen Compliance, Interoperabilität und Vertrauen in Datenräume sicherstellen.“

Ahle plant, weitere Branchen bei der Implementierung von Gaia-X-basierten Lösungen zu unterstützen, um diese in ihre Abläufe zu integrieren. Dies soll die Marktakzeptanz in großem Maßstab sicherstellen. Um die Nachhaltigkeit von Datenräumen zu gewährleisten, will die Projektleitung außerdem eng mit Regierungen, Branchenakteuren und KMU zusammenarbeiten. Es sollen „selbsttragende und skalierbare Modelle für Ökosysteme zur gemeinsamen Nutzung von Daten“ entwickelt werden.

„Auf unserer Prioritätenliste steht auch die Angleichung der Gaia-X-Normen an internationale Rahmenwerke durch die Stärkung der Zusammenarbeit mit ISO, CEN-CENELEC [European Committee for Electrotechnical Standardization, Anm.d.Red.] und anderen Normungsgremien, um sicherzustellen, dass Gaia-X zu einem globalen Maßstab wird“, erläutert Ahle weiter. „Darüber hinaus sind wir ein strategischer und zuverlässiger Partner in politischen Diskussionen, indem wir einen Beitrag zu europäischen Regelwerken wie dem Data Act, dem AI Act und dem Digital Markets Act leisten. Auf diese Weise stellen wir sicher, dass Gaia-X im Zentrum der digitalen Transformation in Europa bleibt.“

Pro Gaia-X

„Gaia-X soll noch viele Milliarden erwirtschaften“

Francisco Mingorance, Gründer und Generalsekretär von CISPE.
(Bildquelle: CISPE)

Hat Gaia-X noch eine Chance? Oder waren alle Bemühungen um das Erstellen souveräner Datenräume für die Katz? Die Meinungen gehen auseinander – Francisco Mingorance, Generalsekretär von CISPE, rechnet auch weiterhin mit sprudelnden Einnahmen durch Gaia-X-Projekte, sofern der Schwerpunkt künftig auf Gaia-X-konformen Cloud-Diensten liege.

Weg von „Data Spaces“, hin zu Gaia-X-konformen Cloud-Diensten

Man sei davon überzeugt, dass Gaia-X seinen Fokus weg von „Data Spaces“ verlagern und sich stattdessen auf die Einführung von Gaia-X-konformen Cloud-Diensten auf dem Markt konzentrieren werde. „Betreiber und Nutzer von Data Spaces sollten die Möglichkeit haben, aus Gaia-X-kompatiblen Cloud-Diensten diejenigen auszuwählen, die ihre Anwendungsfälle am besten unterstützen“, so Mingorance.

Die Organisation müsse sich aktiv dafür einsetzen, dass Kunden aus dem privaten und öffentlichen Sektor die Einhaltung von Gaia-X als Grundvoraussetzung für vertrauenswürdige, föderierte und verteilte Cloud-Infrastrukturen einfordern. Mingorance schätzt, dass „wenn nur zehn Prozent der Ausschreibungen für die Beschaffung von Cloud-Diensten Gaia-X-konforme Cloud-Dienste mit entsprechenden Gütesiegeln verlangen würden, dies eine jährliche Chance von 20 Milliarden Euro für europäische Cloud-Anbieter schaffen und gleichzeitig die Auswahlmöglichkeiten der Kunden für souveräne Cloud-Dienste verbessern könnte.“

Mehr föderierte Cloud-Dienste

CISPE werde Gaia-X weiterhin unterstützen und föderierte Cloud-Dienste vorantreiben, die den Anforderungen des Gaia-X Trust Frameworks entsprechen – „einschließlich der Stufen 2 und 3“, so Mingorance. „Wir werden sicherstellen, dass die meisten der 1.484 Cloud-Dienste, die dem Gaia-X Trust Framework entsprechen und im CISPE Gaia-X Katalog verfügbar sind, für die Beschaffung, Aggregation und Erstellung von föderierten Cloud-Diensten auf den Markt gebracht werden.“

Durch die Bereitstellung dieser Aggregations- und Föderationsdienste könne Europa seine fragmentierte Cloud-Landschaft in einen strategischen Vorteil umwandeln und eine wettbewerbsfähige Alternative zu zentralisierten Angeboten schaffen. „Dieses neue Paradigma einer verteilten, föderierten Infrastruktur wird entscheidend sein, um die Erwartungen des Marktes hinsichtlich einer größeren Auswahl für die Kunden zu erfüllen, einschließlich wettbewerbsfähiger, souveräner Cloud-Angebote und vollständiger Kontrolle über die Daten.“

(ID:50333097)

Jetzt Newsletter abonnieren

Täglich die wichtigsten Infos zu Cloud Computing

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung