Digitale Souveränität in Europa Europäische Produktivitäts­plattform: Euro-Office startet

Von Elke Witmer-Goßner 3 min Lesedauer

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Vor dem Hintergrund wachsender Abhängigkeiten von nicht-europäischen Produktivitätsplattformen haben europäische Regierungen und Unternehmen ihre Suche nach souveränen Alternativen intensiviert. Eine Allianz führender europäischer Akteure reagiert darauf mit Euro-Office, das in Berlin offiziell vorgestellt wurde.

Achim Weiß, CEO von Ionos (l.), und Frank Karlitschek, CEO von Nextcloud, präsentieren die souveräne Open-Source-Office-Suite Euro-Office, vor politischen Vertretern in Berlin.(Bild:  Nextcloud)
Achim Weiß, CEO von Ionos (l.), und Frank Karlitschek, CEO von Nextcloud, präsentieren die souveräne Open-Source-Office-Suite Euro-Office, vor politischen Vertretern in Berlin.
(Bild: Nextcloud)

In Berlin ist mit Euro-Office eine neue, europäisch geführte Office-Alternative für Texte, Tabellen und Präsentationen vorgestellt worden. Entwickelt wurde die Lösung in einer Community-Kollaboration von mehr als einem Dutzend Organisationen, die ihre Bausteine in einer gemeinsamen Suite bündeln wollen.

Die Open-Source-Suite, getragen von den Unternehmen und Organisationen Ionos, Nextcloud, der EuroStack-Initiative, Btactic, Soverin, Abilian, XWiki und OpenProject, soll hohe Kompatibilität zu Microsoft-Formaten und eine vertraute Benutzeroberfläche liefern.

Kompatibilität und Vertrautheit als Antwort auf den Marktdruck

Die Initiative begründet den Vorstoß mit dem Status von Office-Software als geschäftskritischer Infrastruktur. Zwar existierten Alternativen, doch aus Sicht der Projektträger fehlten oft die Kombination aus vollständiger Kompatibilität zu Microsoft-Formaten, einer für Umsteiger vertrauten Bedienlogik und einer Governance, die digitale Souveränität unter europäischer Führung glaubhaft absichert. Euro-Office soll genau hier ansetzen, den Migrationsaufwand senken und zugleich strategische Resilienz schaffen.

Zentraler Anspruch des Projekts ist digitale Souveränität „unter europäischer Führung“. Euro-Office basiert auf Onlyoffice-Technologie. Die Codebasis soll unter Open-Source-Lizenzen bereitgestellt und in einem transparenten Prozess weiterentwickelt werden, der Beteiligung und öffentliche Kontrolle ermöglicht. Ionos-CEO Achim Weiß hatte in Berlin den Bedarf nach einer „zuverlässigen, vollständig Microsoft-kompatiblen und einfach zu bedienenden“ souveränen Office-Lösung betont. Nextcloud-CEO Frank Karlitschek sieht Euro-Office als Versuch, vorhandene europäische Bausteine endlich zu einer tragfähigen Gesamtlösung zusammenzuführen.

Onlyoffice: verbindliche Lizenzregeln beachten

Aus Riga meldet sich inzwischen der Open-Source-Anbieter Onlyoffice (Ascensio System SIA) zu Wort. Man ordne die Gründung von Euro-Office als weiteres Zeichen für die wachsende Bedeutung digitaler Souveränität in Europa ein. Neue Initiativen könnten das Open-Source-Ökosystem stärken und gemeinsame technologische Grundlagen voranbringen, heißt es. Dass Euro-Office dabei auf die Codebasis von Onlyoffice zurückgreife, wertet das Unternehmen zugleich als Hinweis auf Relevanz und Qualität der bestehenden Lösung – verbunden mit dem Verweis, dass ein erfolgreicher Rollout technisch wie operativ anspruchsvoll sei und man die Entwicklung entsprechend aufmerksam verfolgen werde.

Gleichzeitig rückt Onlyoffice die rechtliche Seite in den Vordergrund. Die Nutzung und Weiterentwicklung bestehender Open-Source-Projekte sei ausdrücklich vom Open-Source-Prinzip gedeckt, Grundlage sei hier die Lizenzierung unter der GNU Affero General Public License v3 (AGPLv3). Diese räume weitreichende Rechte ein, verknüpfe sie jedoch mit Bedingungen, etwa der Pflicht, Modifikationen bei netzwerkbasierter Nutzung offenzulegen und die Weitergabe unter denselben Lizenzbedingungen sicherzustellen.

Zusätzlich verweist Onlyoffice auf Bestimmungen, die über Abschnitt 7 der AGPLv3 als ergänzende Anforderungen festgelegt werden können und die das Unternehmen nach eigenen Angaben nutzt – insbesondere mit Blick auf die Beibehaltung von Urheberhinweisen, korrekte Attribution sowie die Verwendung und Sichtbarkeit von Marken- und Branding-Elementen einschließlich des Onlyoffice-Logos.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Onlyoffice inzwischen seinen SaaS‑Dienst „Onlyoffice Workspace Cloud“ eingestellt hat – der endgültige Abschalttermin war der 2. März 2026. Von der Einstellung betroffen ist nur die gehostete Workspace-Cloud, nicht das Self-hosted-Angebot.

Der Anbieter empfiehlt, auf „Onlyoffice DocSpace Cloud“ umzusteigen. DAbei handelt es sich allerdings um einen dokumentenzentrierten Datenraum bzw. Collaboration‑Bereich zum sicheren Teilen und gemeinsamen Bearbeiten von Dateien (mithilfe von Onlyoffice-Editoren), ohne die klassischen Suite‑Module. Als Alternative zur „All‑in‑one Business‑Suite“ Workspace Cloud mit mehreren Modulen wie Dokumente plus Projekte, CRM, Mail oder Kalender, bietet sich unter anderem das neue Euro-Office an.

Technische Preview verfügbar und stabile Version bis Sommer

Zum Start steht auf GitHub eine öffentliche technische Vorschau von Euro-Office bereit. Organisationen und Einzelpersonen sollen damit frühzeitig Kernfunktionen prüfen, Kompatibilität testen und Feedback einreichen können. Die erste stabile Version der Suite wird bis zum Sommer erwartet.

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