Digitale Souveränität und Hardware-Lieferketten Chips, Cloud und Komponenten aus Europa

Von Klaus Länger 7 min Lesedauer

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Geht es um das Thema digitale Souveränität, dann meist um die Abhängigkeit von den Hyperscalern und um die Chipfertigung in Europa. Wenig gesprochen wird darüber, wo die übrige IT-Hardware herkommt. Kleiner Spoiler: überwiegend nicht aus Europa.

Europa spielt bei der Produktion von IT-Hardware überwiegend nur als Standort für die Endmontage von importierten Komponenten eine Rolle.(Bild: ©  Khusi - stock.adobe.com / KI-generiert)
Europa spielt bei der Produktion von IT-Hardware überwiegend nur als Standort für die Endmontage von importierten Komponenten eine Rolle.
(Bild: © Khusi - stock.adobe.com / KI-generiert)

Wenn über die digitale Souveränität diskutiert wird, geht es überwiegend um die Frage der Datenhoheit: Wo liegen die Daten, und wer hat darauf Zugriff? Der gerade beigelegte Streit zwischen den Niederlanden und der VR China um den Chiphersteller Nexperia hat zudem das Problem der souveränen Chipfertigung in Europa in den Fokus gerückt. Für die IT-Branche ist Nexperia allerdings weniger relevant, da die Firma primär die Industrie und hier vor allem die Autohersteller beliefert.

Herausforderungen der digitalen Souveränität

Eine Zahl, die aus einer Umfrage der Bitkom vom Ende 2024 stammt, sollte aufhorchen lassen: Etwa 90 Prozent der digitalen Endgeräte wie PCs, Notebooks und Smartphones stammen aus dem Ausland. Bei Servern, Storage- und Netzwerk-Hardware, die Bitkom nicht abgefragt hat, dürfte das ähnlich aussehen. Digitale Bauteile und Hardware-Komponenten stammen laut der Umfrage zu 69 Prozent aus dem Ausland, wobei viele in Europa hergestellte Bauteile für die IT-Branche wenig relevant sind. Was in Europa stattfindet, ist die Endmontage von meist in Asien hergestellten Komponenten bei lokalen Rechnerherstellern, System­integratoren, Dienstleistern oder in Montagewerken der großen Hersteller. Die beiden Letztgenannten sind wegen der niedrigeren Löhne meist in Osteuropa angesiedelt. Das letzte große PC-Werk mit eigener Entwicklungsabteilung und Mainboardfertigung sowie mehr als 1.500 Mitarbeitenden war das von Fujitsu in Augsburg. Es wurde Anfang 2020 geschlossen.

Fragen der Datenhoheit

Für Christian Herzog, CEO des mittelständischen PC-Herstellers Extra Computer – die Firma gehört zu Thomas-Krenn –, ist das ein unbefriedigender Zustand. Er plädiert dafür, mehr Hardware in Europa und sogar in Deutschland zu fertigen: „Es gibt einen klaren wirtschaftlichen Vorteil: die geringere Abhängigkeit, was gerade in geopolitisch wankelmütigen Zeiten relevant ist. Lokale Lieferketten sind deutlich resilienter, und Engpässe oder Verzögerungen lassen sich vermeiden oder fallen geringer aus.“ Als Beispiel nennt er die Blockade des Suezkanals im Frühjahr durch die Havarie des Containerfrachters „Ever Given“. Sie hatte die Lieferkette aus Asien empfindlich gestört.

Christian Herzog, CEO bei Extra Computer
„Wenn wir weiter unreflektiert die heimische Wirtschaft vernachlässigen und überwiegend in Asien oder Amerika einkaufen, verlagern wir schlicht und einfach Wertschöpfung aus Europa in diese Regionen – und schwächen unser System.“

Bildquelle: Extra Computer

Zudem sieht Herzog in einer eigenen Hardwarefertigung in Europa eine Verantwortung für die Zukunft und erklärt: „Wenn wir weiter unreflektiert die heimische Wirtschaft vernachlässigen und überwiegend in Asien oder Amerika einkaufen, verlagern wir schlicht und einfach Wertschöpfung aus Europa in diese Regionen – und schwächen unser System. Dem möchten wir entgegenwirken und in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es leistungsfähige Alternativen in Europa gibt.“ Der Manager hat daher die Initiative ergriffen und den Anstoß für die Gründung des Vereins für IT aus Europa (ITE) gegeben, dessen erster Vorsitzender er ist.

Palettenweise Europa-PCs

Der Verein vergibt ein Label, das IT-Produkte auszeichnet, bei denen wichtige Komponenten von europäischen Herstellern stammen. Eine Blaupause dafür sind die Business-PCs der Europa-Serie, bei denen das Mainboard von Kontron in Deutschland und RAM sowie SSD vom polnischen Hersteller Wilk Elektronik stammen. Kontron-Platinen setzt Extra Computer schon lange bei seinen Industrierechnern ein und blieb hier auch während der Zeit der Corona-Pandemie voll lieferfähig, wie Herzog anmerkt.

Die Palette der Europa-PCs soll schrittweise weiter ausgebaut werden. Laut Herzog sucht Extra Computer dabei „nach Partnern und Lösungen, um den europäischen Wertschöpfungsanteil schrittweise zu erhöhen – immer mit Blick auf die wirtschaftliche Vertretbarkeit“. So werden in kommenden Mini-Rechnern Core-Ultra-Prozessoren verwendet, deren Dies in Intels irischer Fab produziert werden.

Peter Hoser, Head of Product Center Motherboards, Kontron
„Technische Expertise ist ein entscheidender strategischer Faktor, den Europa erhalten und weiter ausbauen muss.“

Bildquelle: Kontron

Verein für IT aus Europa

Kontron ist ebenfalls Gründungsmitglied des ITE-Vereins. Für Peter Hoser, Head of Product Center Motherboards bei Kontron, bietet eine Fertigung in Europa „wesentliche Vorteile: kurze Lieferzeiten, geringere Transportkosten, hohe Flexibilität und vor allem eine deutlich erhöhte Versorgungssicherheit“. Zudem betont der schon bei Fujitsu für die Industriemainboards verantwortliche Manager die stabilen politischen und ökologischen Rahmenbedingungen sowie die Sicherung qualifizierter und fairer Arbeitsplätze im eigenen Unternehmen als auch bei Zulieferern und Servicepartnern. Die durchgängige Kette von der Entwicklung über die Produktion bis zum kompletten Lifecycle-Management biete zudem eine hohe Sicherheit gegen Cyberangriffe, auch wenn diese staatlich orchestriert seien.

Ein wichtiger Punkt ist für Hoser die Sicherung technologischer Kompetenz: „Die Entwicklung moderner Plattformtechnologien mit immer höheren Datenraten und komplexeren Funktionen erfordert tiefgehende technische Expertise. Dieses Know-how ist ein entscheidender strategischer Faktor, den Europa erhalten und weiter ausbauen muss, um nicht in eine vollständige technologische Abhängigkeit von Asien zu geraten.“ Die Qualität der Kontron-Mainboards basiere auf in Jahrzehnten ausgebauten Erfahrungen, die in Europa erhalten bleiben sollen. Zudem profitieren die Kunden vom technischen Support in derselben Zeitzone und mit kurzen Wegen zu den Entwicklern.

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Constantin von Reden, Geschäftsführer von Lancom Systems
„Wir beziehen bestimmte Baugruppen und Komponenten aus den USA und Asien, da es für diese teils sehr speziellen Bauteile schlicht keine deutschen oder europäischen Lieferanten gibt.“

Bildquelle: Lancom

Dass viele Schlüsselbauteile der Mainboards aus Asien oder den USA kommen, räumt Hoser dabei ein. Allerdings merkt der Mainboard-Chef an, dass immer mehr hochwertige Komponenten wieder in Europa produziert werden und dass sein Unternehmen kontinuierlich europäische Alternativen prüft und, wenn möglich, integriert, „um die Lieferkette weiter zu stabilisieren und regionale Wertschöpfung zu stärken“. Strategische Kooperationen mit europäischen PC-Herstellern wie Extra Computer, aber auch anderen Firmen wie Wortmann, haben für Kontron einen hohen Stellenwert, betont Hoser. Hier biete seine Firma den Vorteil, dass sie durch die lokale Entwicklung spezifische Funktionen, die etwa für Ausschreibungen benötigt werden, integrieren kann. Damit helfe Kontron den europäischen PC-Herstellern im Wettbewerb gegen internationale A-Brands.

Kommentar

Die Kunden müssen mitspielen

Klaus Länger, Redakteur IT-BUSINESS
(Bildquelle: Vogel IT-Medien)

In den vergangenen Jahren ist in Europa viel Fertigungskapazität für IT-Hardware verloren gegangen, die über die reine Montage von aus Asien oder den USA gelieferten Komponenten hinausgeht. Eine tiefergehende Produktion gibt es fast nur noch bei Industrie- und Embedded-Rechnern. Das hat auch damit zu tun, dass viele Kunden die Idee von „IT made in Europe“ oder gar „IT made in Germany“ prinzipiell zwar gut fanden, aber nicht bereit waren, dafür auch einen Aufpreis zu bezahlen. Die Diskussion über digitale Souveränität lässt aber hoffen, dass sich das ändert. Eine komplette digitale Autonomie oder eine weitgehende Abkopplung von asiatischen und US-amerikanischen Lieferanten ist zwar unrealistisch und wäre angesichts der eigenen Exportorientierung auch Heuchelei. Aber eine höhere Wertschöpfung bei der Produktion und der Erhalt oder der Ausbau technologischer Kompetenz sind absolut sinnvoll.

Compliance und Qualitätssicherung

Der Netzwerkhersteller Lancom gehört ebenfalls zu den Firmen, bei denen nicht nur die Entwicklung von Hard- und Software in Deutschland angesiedelt ist, sondern auch ein großer Teil der Fertigung. Ein weiterer Teil der Produkte oder Bauteile wird in anderen EU-Ländern produziert. Constantin von Reden, Geschäftsführer von Lancom Systems, nennt hier ganz praktische Vorteile: „Anpassungen an Hard- und Software lassen sich schnell umsetzen, Prototypen können zügig erstellt und kosteneffiziente Kleinserien realisiert werden – ideal für kurze Innovationszyklen und maßgeschneiderte Lösungen.“ Zudem sei die Produktion so transparenter, was Compliance und Qualitätssicherung erleichtere. Und nicht zuletzt profitiere der Support von der Nähe zu Entwicklung und Produktion. Die Management-Cloud des Herstellers wird ebenfalls in Deutschland gehostet. Der Lancom-CEO betont zudem, dass die lokale Produktion die regionalen Wirtschaftskreisläufe stärke und durch kurze Transportwege ökologischer sei. Allerdings räumt von Reden ein, dass Lancom bestimmte Baugruppen und Komponenten aus den USA und Asien beziehe. „Für diese teils sehr speziellen Bauteile gibt es schlicht keine deutschen oder europäischen Lieferanten“, erklärt der Manager.

European Chips Act

Für die EU hat der Aufbau einer eigenen Chipfertigung Priorität, die im European Chips Act festgelegt ist. Als Ziel wird hier ein auf 20 Prozent verdoppelter Marktanteil im Jahr 2030 genannt, und dafür sollen mehr als 25 Milliarden Euro an öffentlichen und privaten Geldern investiert werden. Nach dem Scheitern der geplanten Intel-Fab in Magdeburg will sich die Bundesregierung hier nun allerdings etwas bescheidenere Ziele setzen. Dazu zählen der Aufbau der Fähigkeiten im Chipdesign, ein schnellerer Wissenstransfer aus der Forschung in die Fertigung, eine Stärkung der Fachkräftebasis und eine Intensivierung der internationalen Zusammenarbeit. Zudem soll in Quantencomputing investiert werden. Allerdings liegt der Fokus insgesamt eher auf industriell einsetzbaren Chips, etwa für die Automobilhersteller, als auf dem IT-Sektor. Hier wird man wohl noch lange von US-Herstellern wie AMD, Intel und Nvidia abhängig bleiben. Immerhin will Intel die eigene Fab in Irland weiter modernisieren.

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