Digitale Archäologie Netstalking – Auf Schatzsuche im verborgenen Internet

Von Elke Witmer-Goßner 3 min Lesedauer

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Netstalking bezeichnet das absichtliche Erkunden versteckter oder kaum besuchter Bereiche des Internets – von vergessenen Blogs über offene Webcams bis hin zu geheimen Servern. Oft wird es mit digitaler Archäologie verglichen: Neugierige Web-Entdecker suchen nach Relikten, kuriosen Inhalten oder Netzkulturgut, ganz ohne böswillige Absichten.

Wer als Netstalker in die verborgenen Winkel des Internets eintaucht, kann wahre Schätze entdecken, muss aber auch wissen, wo die Fallstricke liegen.(Bild: ©  Thiago - stock.adobe.com / KI-generiert)
Wer als Netstalker in die verborgenen Winkel des Internets eintaucht, kann wahre Schätze entdecken, muss aber auch wissen, wo die Fallstricke liegen.
(Bild: © Thiago - stock.adobe.com / KI-generiert)

Wer im Internet unterwegs ist, kennt meist nur einen winzigen Ausschnitt: Suchmaschinen, Social-Media-Plattformen, Streamingdienste. Doch abseits dieser Mainstream-Pfade existiert eine weitgehend unerkundete Welt: das Terrain der Netstalker. Sie durchstöbern meist gezielt, manchmal auch rein zufällig jene Winkel des Netzes, die kaum noch jemand kennt oder besucht: vergessene Webseiten, obskure Archive, offene Webcams, ungesicherte Server. Was für die einen pure Neugier ist, gleicht für andere digitaler Archäologie.

Was genau ist Netstalking?

Der Begriff stammt aus dem russischen Internetumfeld und tauchte um 2009 auf, inspiriert von der postapokalyptischen Videospielreihe „S.T.A.L.K.E.R.“. Er beschreibt das bewusste Erkunden von „Lost Places“ im digitalen Raum, ohne die Absicht, Schaden anzurichten.

Ziel ist es, Kuriositäten zu entdecken, Netzgeschichte zu dokumentieren oder technische Relikte zu studieren. Seitdem haben sich Communities gebildet, die ihre Funde dokumentieren, eigene Archive anlegen und sogar künstlerische Projekte daraus entwickeln. Ein Beispiel dafür ist Jon Rafmans Projekt „Nine Eyes of Google Street View“.

Methoden: Von gezielt bis zufällig

Die Methoden reichen von gezielter Suche in Webarchiven (Deli-Search) bis zum zufälligen Scannen von IP-Bereichen (Net-Random) mit Tools wie Nmap.

Mit Deli-Search (Deliberated Search) lässt sich gezielt mit bekannten Hinweisen suchen, etwa über Webarchive, alte URLs oder Metadatensuchen. Net-Random erlaubt das zufällige Durchforsten des Netzes, oft per IP-Scan mit Tools wie Nmap oder Advanced IP Scanner. Dabei werden auch veraltete Protokolle wie Gopher oder Telnet genutzt, die heute nur noch selten aktiv sind.

Je nach Zielsetzung kann Netstalking minutiöse Recherchearbeit sein oder einer digitalen Schatzsuche gleichen.

Spannendes Lernfeld für IT-Enthusiasten

Netstalker wollen aus Neugier und Entdeckungsfreude das Internet abseits der gewohnten Pfade erleben. Aber auch technisches Interesse treibt sie an, um alte Protokolle, vergessene Plattformen und Dienste oder exotische Netzwerke (wieder) zu entdecken und verstehen zu lernen.

Manche Netstalker sind sogenannte „Security Researchers“, die gezielt nach ungeschützten Geräten, offenen Ports oder veralteten Systemen suchen, um Schwachstellen zu dokumentieren, die sie in der Regel aber nicht ausnutzen.

Die Risiken und wie man sich schützt

Netstalking ist an sich nicht illegal, solange man keine geschützten oder privaten Systeme hackt. Aber so spannend es ist, so gefährlich kann es werden. Alte oder verlassene Webseiten können Schadsoftware enthalten, manche Domains wurden schon von Cyberkriminellen übernommen und ungesicherte Systeme können zudem ungewollt eigene IP- oder Standortdaten preisgeben. In manchen Ländern kann der Zugriff auf bestimmte Inhalte sogar strafbar sein.

Sicherheitsexperten wie Panda Security empfehlen den Einsatz von VPN und aktueller Sicherheitssoftware. Zudem sollten Logins oder Downloads aus unbekannten Quellen strikt vermieden werden.

Ein Netz, das nie vergisst

Wir hinterlassen Spuren – oft ohne es zu merken. Fotos, Forenbeiträge, alte Blogeinträge oder längst vergessene Nutzerkonten. Selbst, wenn wir glauben, alles gelöscht zu haben, lassen sich noch Kopien in Webarchiven, auf fremden Servern oder in den Caches von Suchmaschinen finden.

Das Internet ist somit nicht nur ein Ort der Gegenwart, sondern ein gigantisches Gedächtnis. Netstalking macht sichtbar, wie hartnäckig diese Daten überdauern – und wie wenig Kontrolle wir eigentlich über ihre Lebensdauer haben. Vielleicht sollten wir darüber zweimal nachdenken, bevor wir den nächsten Beitrag posten.

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