Mit Delivery Hero wurde im Sommer dieses Jahres das erste Unternehmen in den DAX aufgenommen, dessen Geschäftsmodell auf einem Digitalen Ökosystem basiert. Doch trotz des Potenzials, das digitale Plattformen für Unternehmen bergen, befindet sich die Entwicklung solcher Systeme hierzulande noch im Anfangsstadium.
Aus der Plattformökonomie könnten deutsche Unternehmen weitaus mehr Wert schöpfen, als es bisher der Fall ist – Ausnahmen bestätigen die Regel.
Keine Frage – die Digitale Transformation verändert unser aller Leben von Grund auf. Kaum eine Branche wird langfristig umhinkommen, sich mit einer digitalen Trendwende zu beschäftigen. Trotzdem: Ob ein Unternehmen lediglich eine Website hier und ein Intranet dort aufbaut oder ob eine Firma ihr gesamtes Geschäftsmodell auf innovative digitale Prinzipien fußt, ist ein großer Unterschied.
Was Letzteres angeht, scheint die hiesige Wirtschaft noch am Anfang der Entwicklung zu stehen. Ein Beispiel: Im Sommer dieses Jahres wurde mit Delivery Hero das erste Unternehmen in den DAX aufgenommen, dessen Hauptgeschäft auf einem Digitalen Ökosystem basiert. Die Berliner „Delivery Heros“ betreiben eine digitale Bestellplattform für Essen lokaler Restaurants.
Angesichts internationaler Plattform-Giganten wie Amazon, Uber oder Airbnb mag der Aufstieg Delivery Heros in den Deutschen Aktienindex zwar vergleichsweise unspektakulär wirken. Mit Blick auf die 29 übrigen gelisteten Unternehmen, deren Geschäftsmodelle nicht auf Digitalen Ökosystemen basieren, ist die Aufnahme jedoch ein echtes Novum.
Digitale Vermittlung zwischen vielen Menschen und Organisationen
Unabhängig davon, dass natürlich längst nicht jede Firma den Gang aufs Börsenparkett wagt, stellt sich an dieser Stelle trotzdem die Frage: Wie etabliert sind Digitale Ökosysteme überhaupt schon in der deutschen Wirtschaft?
Für die Beantwortung ist es zunächst entscheidend, den Begriff Digitales Ökosystem klarer zu definieren. Ein Digitales Ökosystem ist ein sozio-technisches System, das heißt, es umfasst sowohl eine digitale Plattform als auch Organisationen und Menschen sowie deren Beziehungen untereinander. Im Gegensatz zum Groß- oder Einzelhandel wird der Ökosystem-Service eines solchen Digitalen Ökosystems vollständig digital erbracht. Dies ist entscheidend zur Nutzung von Skalen- und Netzwerkeffekten.
Wichtig für das Verständnis ist zudem, dass die verschiedenen Ökosystem-Teilnehmer jeweils unabhängig voneinander agieren, dadurch aber ein wechselseitiger Nutzen für die Plattformökonomie entsteht. Und: Letztlich kann jedes „Mitglied“ – ob Mensch oder Unternehmen – jederzeit wieder aus dem Ökosystem aussteigen; einen Zwang zur Teilnahme gibt es nicht.
Muster-Beispiel: Flixbus
Dies mag auf den ersten Blick noch abstrakt klingen, leichter nachvollziehbar wird es jedoch an einem anderen Beispiel aus Deutschland: Das Münchner Unternehmen Flixbus etablierte ein Digitales Ökosystem zum Personentransport im Fernverkehr. Zu den Teilnehmern gehören im Wesentlichen Passagiere, Busunternehmen und Fahrer.
Während Busbetriebe ihre Fahrten anbieten können, haben Kunden die Möglichkeit, aus einem umfangreichen Angebot von Fahrtstrecken bequem innerhalb einer Plattform zu wählen. Jeder Passagier kann sich natürlich jederzeit für einen alternativen Transportservice entscheiden – damit alle Teilnehmer dem Digitalen Ökosystem „treu“ bleiben, liegt es daher an Flixbus, entsprechend attraktive Rahmenbedingungen zu schaffen. Nach Gründung im Jahr 2012 ist das Münchner Unternehmen inzwischen zum europäischen Marktführer im Fernbus-Linienverkehr aufgestiegen.
Wachstumspotenziale und Netzwerkeffekte
Das Beispiel zeigt: Digitale Ökosysteme und Plattformökonomie bergen ein enormes Potenzial, Unternehmen zu großem Wachstum zu verhelfen. Sie entstehen jedoch keineswegs aus dem Nichts, sondern betten sich vielmehr in ein bestehendes Umfeld aus verschiedenen Akteuren und deren Beziehungen untereinander ein.
Die Chancen für den Initiator eines solchen Ökosystems sind vielseitig – sie reichen von der Gestaltung und Umsetzung neuer Geschäftsideen über die damit einhergehende Neupositionierung eines Unternehmens und entsprechenden Einflussvergrößerung bis hin zur Möglichkeit einer sehr schnellen und vergleichsweise kostengünstigen Skalierung. Und: Wächst das Digitale Ökosystem erst einmal, kann das Angebot stetig ausgebaut und somit neue Angebote etabliert werden.
Vor diesem Hintergrund genießt das Geschäftsmodell „Digitales Ökosystem“ hierzulande mehr und mehr an Aufmerksamkeit. Laut unserer aktuellen Umfrage vom Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE geben ganze 70 Prozent der befragten Unternehmen hierzulande an, sich bereits mit der Thematik zu beschäftigen. Zudem sind Digitale Ökosysteme nicht auf einzelne Geschäftsbereiche beschränkt und entstehen laut der Umfrageergebnisse in allen Anwendungsdomänen.
Die Befragung wurde von Juni bis August dieses Jahres durchgeführt; daran teilgenommen haben insgesamt 143 Personen aus unterschiedlichsten Branchen – angefangen von Technik und Telekommunikation über Automotive bis hin zu Tourismus und Gastronomie. Die Größe der Unternehmen reicht von Firmen mit weniger als zehn bis hin zu solchen mit über 10.000 Beschäftigten.
Stand: 08.12.2025
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Fehlende Kompetenzen und Ressourcen
Rund zwei Drittel der Befragten betrachten Digitale Ökosysteme dabei als Chance, um Neukunden zu gewinnen und neue Geschäftsfelder zu erschließen. Zugleich muss an dieser Stelle aber auch darauf hingewiesen werden, dass lediglich 35 Prozent der befragten Personen auch tatsächlich bereits mit der Umsetzung eines Digitalen Ökosystems begonnen haben. Satte 59 Prozent befinden sich hingegen noch in der Anfangsphase.
Die Zahlen machen deutlich: Das Potenzial, das Digitale Ökosysteme und Plattformökonomie für die hiesigen Unternehmen bergen, wird längst noch nicht ausgeschöpft. Warum das so ist? Viele Firmen sehen hierbei schlichtweg noch keinen Handlungsbedarf. Auch was die dafür notwendigen Kompetenzen angeht, besteht bei fast allen der befragten Unternehmen durchaus noch Luft nach oben.
Demnach verfügen nur weniger als acht Prozent der Firmen, in denen die befragten Personen arbeiten, über alle notwendigen Fähigkeiten für den Aufbau eines Digitalen Ökosystems: vom Thema Datenschutz und -sicherheit über Big Data und Innovation Management bis hin zu Data Science und Community Building. Eine besonders wichtige Lücke besteht bei den Fähigkeiten zur Erreichung einer kurzen Time-to-Market. Laut der befragten Personen stellt die Unternehmenskultur einen weiteren wichtigen Faktor zur erfolgreichen Etablierung eines Digitalen Ökosystems durch das eigene Unternehmen dar.
Konkrete und ganzheitliche Gestaltung ist entscheidend
Hier muss sich dringend etwas ändern. Noch mehr Unternehmen sollten hierzulande den Mut finden, sich überhaupt mit den Themen Digitale Ökosysteme und Plattformökonomie auseinanderzusetzen. Das heißt natürlich nicht, dass zwingend jede Firma ein eigenes Digitales Ökosystem etablieren sollte. Die Entwicklung eines solchen ist viel zu kosten- und ressourcenintensiv als dass sich der Wandel per se für jedes Unternehmen lohnt.
Dennoch geht es darum, das Thema überhaupt „greifbarer“ zu machen. Firmen hierzulande sollten wissen, welche Möglichkeiten Digitale Ökosysteme für die Fortentwicklung ihrer Geschäftsmodelle bieten – und dann individuell abwägen, inwiefern die Entwicklung eines solchen sinnvoll wäre. Entscheidet sich eine Firma letztlich für den Aufbau eines Digitalen Ökosystems, gilt es, dieses vorab so konkret wie möglich zu gestalten. Denn nur wer Ende-zu-Ende denkt und alle relevanten Aspekte erfasst, agiert wirklich zielgerichtet und vermeidet unnötige Irrwege.
Trotzdem heißt es schnell zu sein: der Wettbewerb ist international und ein früher Markteintritt gepaart mit schnellem Partnerwachstum ist oft uneinholbar. Das Thema ist zu wichtig für eine Alleinherrschaft des Silicon Valley.
Dr. Christian Jung, Fraunhofer IESE.
(Bild: Fraunhofer IESE)
Dr. Matthias Naab, Fraunhofer IESE.
(Bild: Fraunhofer IESE)
* Die Autoren Dr. Christian Jung und Dr. Matthias Naab sind beide am Fraunhofer IESE in Kaiserslautern beschäftigt. Dr. Jung leitet dort die Abteilung „Security Engineering“, eine von drei Abteilungen der Hauptabteilung „Information Systems“. Ein Hauptthema der Abteilung ist Security in Digitalen Ökosystemen sowie die Umsetzung von Datensouveränität als Kernherausforderung in Digitalen Ökosystemen. Dr. Naab leitet die Hauptabteilung „Information Systems“, die sich als Kernthema mit Digitalen Ökosystemen und Plattformökonomie beschäftigt. Seit einigen Jahren engagiert er sich insbesondere dafür, Digitale Ökosysteme und Plattformökonomie deutschen und europäischen Unternehmen näherzubringen und besser verständlich zu machen.