Europa zwischen Gleichberechtigung und Spezialistenorientierung Wird Chancengleichheit falsch eingeschätzt?

Von Barbara Gribl 5 min Lesedauer

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Vor wenigen Wochen machten US-amerikanische Großkonzerne Schlagzeilen damit, ihre Diversitätsprogramme abschaffen zu wollen. Maßnahmen für Vielfalt, Inklusion und Gleichberechtigung sollten damit fallengelassen werden. In Europa folgen Unternehmen diesem Kurs.

Diversitätsprogramme in Europa abschaffen? Darüber wird heiß diskutiert. Schließlich sollen Mindset und Fachexpertise erfolgsentscheidend sein. Die DSAG befragte arbeitstätige Frauen – auch in der IT.(Bild:  ImageSine - stock.adobe.com)
Diversitätsprogramme in Europa abschaffen? Darüber wird heiß diskutiert. Schließlich sollen Mindset und Fachexpertise erfolgsentscheidend sein. Die DSAG befragte arbeitstätige Frauen – auch in der IT.
(Bild: ImageSine - stock.adobe.com)

Das hat die Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe e. V. (DSAG) zum Anlass genommen, um bei den Mitgliedern des Frauennetzwerks Women@DSAG nachzufragen: Wie steht es derzeit um die Chancengleichheit der Geschlechter im Job? Sehen sich Frauen in der IT benachteiligt? 139 Frauen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nahmen an der Umfrage teil. Die beiden Sprecherinnen von Women@DSAG, Franziska Niebauer, Beraterin für SAP IS-H bei den Helios Kliniken, und Anna Hartmann, Geschäftsführerin von in4MD Service, ordnen die Ergebnisse ein.

Auf die Frage danach, wie wichtig den Umfrageteilnehmerinnen der Einsatz für Chancengleichheit mit Blick auf die Geschlechter heute noch ist, antworten

  • 86 Prozent mit „wichtiger denn je – Unterschiede sind für mich im Berufsalltag noch stark spürbar“,
  • zehn Prozent mit „überbewertet – die Gleichstellung spielt für mich im beruflichen Kontext keine Rolle“ und
  • vier Prozent mit „habe dazu keine persönliche Erfahrung.

Diversität, Gleichheit und Inklusion

„Die Zahlen zeigen eindeutig, dass Chancengleichheit für die Mitglieder unseres Netzwerks nach wie vor ein großes Thema ist, und dass es offensichtlich Maßnahmen und Programme braucht, um Veränderungen anzustoßen“, so Hartmann. „Denn die Situation, dass Frauen sich gegenüber ihren männlichen Kollegen benachteiligt sehen, gibt es nicht erst seit gestern.“

Dass die Ergebnisse nicht überraschend sind, bestätigt Niebauer: „Die Ergebnisse unterstreichen einmal mehr, wie viel Arbeit hier noch vor uns liegt. Vor diesem Hintergrund finde ich den ‚Trend‘, die DEI-Programme in Unternehmen abzuschaffen, sehr bedenklich.“ DEI steht dabei für Diversity, Equity and Inclusion.

Das Ziel dahinter ist es, dass alle Menschen die gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, körperlichen Einschränkungen oder der sexuellen Orientierung. Die Women-Umfrage soll nur einen Aspekt daraus beleuchten.

Mindset mitentscheidend für beruflichen Erfolg

Gefragt danach, was den größten Einfluss auf den Erfolg von Frauen im IT-Umfeld habe, nennen 27 Prozent äußere Rahmenbedingungen: Bestehende Strukturen und Netzwerke würden es Frauen objektiv schwerer machen, so die Befragten. Für zehn Prozent ist das persönliche Mindset ausschlaggebend: Erfolg hänge in erster Linie davon ab, wie man sich selbst präsentiert und behauptet. Mit 60 Prozent sagt die Mehrheit, dass sowohl Rahmenbedingungen als auch Mindset im gleichen Maße erfolgsentscheidend sind. Drei Prozent wählen „Sonstiges“ und merken im Freifeld unter anderem an, dass optische Gründe eine Rolle für den Erfolg spielen und Stereotype dafür sorgen sollen, dass Frauen erst gar nicht die gleiche Haltung wie Männer entwickeln.

„Es ist bemerkenswert, dass der Großteil der Befragten so stark reflektiert und nicht nur äußere Faktoren, sondern auch die eigene Einstellung als Kriterien identifiziert. Demzufolge können wir Frauen unseren Erfolg zumindest teilweise selbst steuern“, so Hartmann. „Aber eben nur zum Teil, denn was bleibt, sind unter anderem strukturelle Hürden, bestehende Vorurteile und überkommene Rollenbilder, die Frauen per se in eine schlechtere Ausgangslage als Männer versetzen“, fügt Niebauer an.

Schwierige Arbeitsrealität für Frauen in der IT

Bei der Mehrheit von insgesamt 108 Rückmeldungen (bei Freitextantworten) kamen auf die Frage nach der Arbeitsrealität von Frauen in der IT diese Antworten:

  • „Als Frau muss man sich doppelt bewähren.“
  • „Man wird nicht ernst genommen, Männer werden mehr gehört.“
  • „Häufige Abwertung typisch ‚weiblicher‘ Eigenschaften wie Emotionalität.“

Förderung von Frauen oft abhängig vom Vorgesetzten

Genannt wird, dass Care-Arbeit immer noch bei Frauen verortet wird und spätestens, wenn Frauen wegen Erziehungszeiten ausfallen, gehen Projekte und Führungsverantwortung an Männer über. Förderung von Frauen ist laut Umfrage oftmals stark vorgesetztenabhängig. In den höheren Führungsriegen würden sich dann ohnehin kaum mehr Frauen befinden mehr und Gehälter klaffen laut den Aussagen im Rahmen der Umfrage im Vergleich Mann/Frau stark auseinander. „Das sind erschreckende Erfahrungen, die innerhalb von Women@DSAG geteilt werden“, resümiert Hartmann.

Mut mache Hartmann aber, „dass nicht alle Antworten negativ ausfallen. Es gibt auch einige wenige erfreuliche Erfahrungen.“ Auf der positiven Seite stehen Kommentare wie:

  • „Es bestehen zwar noch Unterschiede, aber es tut sich etwas.“
  • „Austausch auf Augenhöhe, obwohl der Großteil der Kollegen männlich ist.“
  • „Im Unternehmen gibt es Diversitätsprogramme, die gelebt werden – Gleichberechtigung im Arbeitsumfeld ist zu spüren.“

Einsatz von Unternehmen und Politik gefragt

„Auch wenn der Wandel vereinzelt spürbar ist, braucht es unbedingt weiterhin den starken Einsatz für Chancengleichheit“, so Hartmann. „Wenige Positivbeispiele und Lippenbekenntnisse reichen nicht. Das Ziel muss eine tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern sein, auf allen Ebenen. Denn Fakt ist: Das eigene Netzwerk spielt immer noch eine entscheidende Rolle. Ich spreche aus eigener Erfahrung, wenn ich sage, dass viele Frauen ihre Jobs nur deshalb erfolgreich ausüben können, weil sie familiäre Unterstützung bei der Care-Arbeit bekommen.“

Hier seien Unternehmen und Politik gleichermaßen gefragt, Abhilfe zu schaffen. Sei es mit wirkungsvollen Frauenförderungs- und Gleichstellungsprogrammen, sei es mit Unterstützungs-Maßnahmen beim Wiedereinstieg für Frauen nach Familienpause, mit funktionierender Infrastruktur zur Betreuung von Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen.

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Während in den neuen Bundesländern ein kleiner Fortschritt erkennbar ist – unter anderem mit Blick auf die höhere Verfügbarkeit von Kita- und Krippenplätzen – und beispielsweise in Sachsen-Anhalt mehr Frauen in Führungspositionen sind als im Bundesdurchschnitt, gäbe es flächendeckend noch großen Nachholbedarf.

Niebauer ergänzt: „Die Rechnung ist einfach: Attraktive Arbeitsbedingungen locken mehr Frauen in die IT – und die braucht es.“ Laut Bitkom-Berechnungen liegt der Frauenanteil – Stand Mai 2024 – gerade einmal bei 30 Prozent in der deutschen IT-Branche. Niebauer weiter: „Es ist in mehreren Studien nachgewiesen, wie beispielsweise von McKinsey in ‚Diversity wins: How inclusion matters‘, dass heterogene Teams im Vergleich zu homogenen Gruppen erfolgreichere Entscheidungen treffen. (IT-)Unternehmen, die noch stark an der homogenen Teamstruktur festhalten, sollten sich bemühen, dies zu ändern. Denn mit Blick auf die IT-Fachkräftelücke ist es unabdingbar, ein attraktiver Arbeitgeber für Mann und Frau zu sein.“

Vom 4. Februar bis 2. März 2025 haben 139 Personen an der Umfrage teilgenommen. Befragt wurden die Mitglieder der Initiative Women@DSAG – Frauen innerhalb der DSAG und aus dem SAP- bzw. IT-Umfeld. 92 Prozent der Umfrageteilnehmerinnen sind ansässig in Deutschland, vier Prozent in Österreich und vier Prozent in der Schweiz.

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