Länderübergreifendes Potenzial nutzen GovTech und die Grenzen des europäischen Binnenmarktes

Von Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves* 4 min Lesedauer

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Scheitert die europäische Verwaltungsdigitalisierung an nationalen Interessen? Professor Niehaves präsentiert aktuelle Forschungsergebnisse und fordert ein Umdenken. Für die europäische Idee und auch für eine bessere Verwaltung vor Ort.

Braucht es einen freien europäischen GovTech-Binnenmarkt? (©  mg photo - stock.adobe.com / KI-generiert)
Braucht es einen freien europäischen GovTech-Binnenmarkt?
(© mg photo - stock.adobe.com / KI-generiert)

Dass externe Dienstleister oft einen wichtigen Beitrag zur Verwaltungsdigitalisierung leisten, dürfte selbst dem kritischsten Auge nicht verborgen bleiben. Zu oft mangelt es der Verwaltung an internen Personalkapazitäten oder schlicht an spezifischem Fachwissen für sehr spezielle Aufgabenstellungen.

Manchmal überzeugt aber auch die Außensicht und „Objektivität“ der Externen, die es braucht, um festgefahrene Argumente wieder zu lösen oder durch schwierige Interessenlagen zu navigieren. Externe Expertise bringt oft frische Perspektiven und innovative Ansätze mit, die intern möglicherweise fehlen. Durch ihre Erfahrung in verschiedenen Projekten und Kontexten können Externe bewährte Praktiken und neue Technologien einführen, die den Digitalisierungsprozess erheblich beschleunigen.

Dass die Betriebsgröße oder Mitarbeitendenzahl der externen Dienstleister für diese potenziell wertvollen Beiträge nicht entscheidend ist, dürfte in den meisten Fällen ebenso nachvollziehbar sein. Gerade Start-ups denken sich oft mit großem Engagement in konkrete Aufgabenstellungen der öffentlichen Verwaltung hinein und bringen mit Tatkraft hochinnovative Lösungen hervor. Ihre Agilität und Bereitschaft, neue Wege zu gehen, ermöglichen es ihnen, schnell und effizient auf spezifische Anforderungen zu reagieren. Oftmals sind es genau diese jungen, dynamischen Unternehmen, die durch ihre unkonventionellen Ansätze und ihre Fähigkeit, schnell auf Veränderungen zu reagieren, den entscheidenden Unterschied machen. Start-ups bringen eine Kultur der Innovation und Risikobereitschaft mit, die für die öffentliche Verwaltung von unschätzbarem Wert sein kann.

Dass sich innovative Ideen einschlägiger Start-ups nicht nur in Deutschland finden lassen, dürfte Sie auch nicht überraschen. Der Markt an GovTech-Lösungen (die Kurzform von Government Technology) boomt weltweit, und viele Start-ups in Europa und darüber hinaus entwickeln ständig neue, zukunftsweisende Ansätze. Diese internationalen Unternehmen bringen frischen Wind in die öffentliche Verwaltung und bieten Lösungen an, die über nationale Grenzen hinweg genutzt werden können.

Es wäre wichtig, dass wir dieses länderübergreifende Innovationspotenzial erkennen und nutzen, um die besten Lösungsansätze für unsere Verwaltungsdigitalisierung zu integrieren. Und das sollte doch mindestens mal im europäischen Binnenmarkt sehr gut möglich sein. Wenn Sie die drei Argumente oben nachvollziehen können, dann würden Sie vermutlich ähnliche Erwartungen entwickeln, wie wir es im Rahmen einer umfassenden Studie für die Europäische Kommission getan haben. Sie würden erwarten, dass Bemühungen, die wirklich auf eine effektive Verwaltungsdigitalisierung ausgerichtet sind, von externer Expertise Gebrauch machen, die auch (!) bei Start-ups zu finden ist. Und zwar nicht nur bei heimischen Start-ups, sondern auch (!) bei denen außerhalb der eigenen Stadtgrenzen, der eigenen Bundeslandgrenzen oder der eigenen nationalen Grenzen. Dies würden Sie – vermutlich – erwarten: Einen funktionierenden mindestens mal europäischen Markt.

Doch was würden Sie wirklich vorfinden? Unsere Studie für die Europäische Kommission umfasst über 110 Interviews mit europäischen GovTech-Start-ups in 18 Ländern und zeigt, dass die Realität ernüchternd ist. Statt eines offenen, grenzüberschreitenden Marktes, der die besten GovTech-Lösungen aus ganz Europa integriert, dominieren Maßnahmen der lokalen Wirtschaftsförderung. Viele Staaten, Städte und regionale Behörden legen ihren Fokus darauf, ihre eigenen heimischen Start-ups zu unterstützen und deren Lösungen zu exportieren.

Diese Exportorientierung einerseits geht oft mit fast schon protektionistischen Maßnahmen andererseits einher, die auswärtige Start-ups vor große Herausforderungen stellen. Hohe beziehungsweise überhöhte Anforderungen wie die Notwendigkeit lokaler Niederlassungen, die Überbetonung der Wichtigkeit lokaler Sprach- und Verwaltungskulturkenntnisse sowie komplexe Vorgaben im Beschaffungsprozess machen es schwierig für ausländische Start-ups, Fuß zu fassen.

Versuche, die besten ausländischen GovTech-Lösungen zu importieren, sind hingegen selten und die wenigen guten Ausnahmen – Grüße z.B. nach Hamburg gehen raus – sind nicht die Regel. Aus Sicht der befragten GovTech-Unternehmerinnen und -Unternehmer befinden wir uns daher nicht in einem freien europäischen GovTech-Binnenmarkt, sondern in einem durch nationale und regionale Wirtschaftsförderungsinteressen geprägten Umfeld. Diese Fragmentierung behindert den Austausch und die Verbreitung innovativer Lösungen und verlangsamt somit den Fortschritt in der Verwaltungsdigitalisierung erheblich.

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Gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Wahlen zum Europaparlament verdeutlichen die Studienergebnisse, dass ein Umdenken erforderlich ist. Für die europäische Idee und auch für eine effektive Digitalisierung der Verwaltung vor Ort. Nur durch die Schaffung eines wirklich offenen und kooperativen europäischen Marktes können wir das volle Potenzial der GovTech-Innovationen ausschöpfen und die Verwaltungsdigitalisierung bestmöglich vorantreiben. Es liegt an uns, die Barrieren zu überwinden und eine integrative, zukunftsorientierte Herangehensweise an den Tag zu legen, die sowohl heimische als auch ausländische europäische GovTech-Lösungen gleichermaßen berücksichtigt.

Die Studie erscheint im Sommer 2024.

* Der Autor Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves
ist Informatikprofessor und Politikwissenschaftler, leitet die Arbeitsgruppe „Digitale Transformation öffentlicher Dienste“ an der Universität Bremen und berichtet in der wissenschaftlichen Kolumne über diverse aktuelle Forschungsergebnisse zur digitalen Verwaltung.

Bildquelle: Björn Niehaves

Dieser Beitrag erschien zuerst in unserer Schwesterpublikation eGovernment.

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