EU Data Act Europas Chance auf eine souveräne industrielle Datenökonomie

Ein Gastbeitrag von Markus Mechnich* 4 min Lesedauer

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Seit Herbst 2025 ist der EU Data Act vollständig wirksam. Für Europas Industrie ist das die Chance, Daten souverän und sicher zu teilen und sich im internationalen Wettbewerb neu zu positionieren.

Der EU Data Act bietet der europäischen Industrie die Möglichkeit, Daten souverän und sicher zu teilen, was eine Neupositionierung im internationalen Wettbewerb ermöglicht.(Bild: ©  Tida - stock.adobe.com)
Der EU Data Act bietet der europäischen Industrie die Möglichkeit, Daten souverän und sicher zu teilen, was eine Neupositionierung im internationalen Wettbewerb ermöglicht.
(Bild: © Tida - stock.adobe.com)

Seit Inkrafttreten des EU Data Acts im Herbst 2025 hat sich die Rolle von Unternehmensdaten grundlegend verändert. Er legt fest, dass Nutzungs- und Gerätedaten sicher, standardisiert und interoperabel bereitgestellt werden müssen und schafft damit die Grundlage für gemeinsame Datenräume, in denen Unternehmen Daten kontrolliert teilen und weiterverarbeiten können. Ziel ist es, Datensilos zu überwinden und den Austausch über Organisations- und Systemgrenzen hinweg rechtlich und technisch abzusichern.

Was auf den ersten Blick wie eine von vielen zusätzlichen Compliance-Richtlinien wirkt, bedeutet allerdings gerade für die Industrie eine strategische Zäsur. Denn die Regulierung verschiebt den Fokus weg von einer rein datenschützenden Perspektive, hin zu einer aktiven Datenwertschöpfung. Für Europas Wirtschaft stecken darin gewaltige Chancen. Sie verfügt zwar in vielen Bereichen bereits über hochdigitalisierte Produktionslandschaften, mit enormem Datenpotenzial – doch bleibt ebendieses bisher allzu oft ungenutzt. Der EU Data Act schafft nun einen strukturierten Rahmen, um dieses Potenzial kontrolliert, nachvollziehbar und sicher zu erschließen.

Unterschiedliche Voraussetzungen, unterschiedliche Chancen in USA und Europa

Für die Einordnung hilft ein Blick auf die USA. Dort sind datengetriebene Geschäftsmodelle im Konsumentenbereich weit entwickelt: Kundendaten, Serviceplattformen oder offene Webdaten werden intensiv ausgewertet. Was in den USA jedoch weitgehend fehlt, ist eine durchgängig vernetzte Industrie. Produktionsdaten stehen seltener im Mittelpunkt und viele industrielle Ökosysteme sind stark fragmentiert. Europas Stärke wiederum liegt genau hier: Die industrielle Basis ist tief integriert, hochgradig digitalisiert und technologisch anspruchsvoll. Was bislang bremste, waren isolierte IT-Landschaften, proprietäre Maschinenschnittstellen und fehlende Interoperabilitätsstandards.

Der EU Data Act setzt genau an diesem Punkt an. Er schafft rechtliche und technische Vorgaben, die den Datenaustausch ermöglichen sollen, ohne Geschäftsgeheimnisse oder Sicherheit zu gefährden. Damit kann Europa in einem Bereich aufholen, der für die Zukunft der KI entscheidend wird: Die sichere, vertrauenswürdige Nutzung industrieller Daten in Echtzeit.

Die eigentliche operative Herausforderung

Ob ein Unternehmen vom Data Act profitiert, entscheidet weniger die juristische Interpretation des Gesetzes, sondern vielmehr die technologische Fähigkeit zur Interoperabilität. In den meisten Produktionsumgebungen sind Datenquellen historisch gewachsen. Systeme unterschiedlicher Hersteller, teilweise jahrzehntealte Maschinen, proprietäre Protokolle und isolierte Softwarelösungen führen dazu, dass Daten zwar vorhanden, aber nicht verbunden, nicht harmonisiert und nicht sicher austauschbar sind.

Aus Security-Sicht hat diese Fragmentierung zwei negative Effekte:

  • 1. Schatten-IT und unkontrollierte Workarounds entstehen dort, wo Teams Daten manuell exportieren oder transformieren.
  • 2. Sicherheitsmechanismen greifen unvollständig, wenn Systeme außerhalb eines gemeinsamen Governance-Rahmens arbeiten.

Eine praktikable Lösung ist die Einführung eines Smart Data Fabric. Diese moderne Datenarchitektur verbindet bestehende Systeme mittels eines virtuellen Daten-Layers, harmonisiert Daten in Echtzeit und stellt Sicherheits- und Governance-Funktionen direkt in der Integrationsschicht bereit. Damit wird Interoperabilität nicht zur Großmigration oder zum monolithischen Re-Platforming, sondern zu einer operativen Fähigkeit, die sich schrittweise und ohne Ausfälle einführen lässt.

Warum Sicherheit zum Kernfaktor des Data Acts wird

Für IT- und Security-Verantwortliche spielt Sicherheit beim EU Data Act eine zentrale Rolle. Nicht, weil das Gesetz selbst detaillierte technische Sicherheitsvorgaben macht, sondern weil es den verpflichtenden Austausch und die Bereitstellung von Daten in vielen Unternehmensbereichen erstmals verbindlich regelt. Damit entsteht automatisch ein höherer Anspruch an Schutzmechanismen, Nachvollziehbarkeit und Governance.

Der EU Data Act verlangt, dass Datenzugänge, Formate und Nutzungsbedingungen so gestaltet werden, dass eine sichere, vertrauenswürdige und interoperable Verarbeitung möglich ist. Daraus ergeben sich in der Praxis mehrere sicherheitskritische Anforderungen, die Unternehmen eigenständig umsetzen müssen:

  • Granulares Identity- und Access-Management, das differenziert regelt, wer welche Daten zu welchen Bedingungen nutzen darf.
  • Nachvollziehbare, auditierbare Datenflüsse, die sicherstellen, dass Datentransfers auch im Störungs- oder Angriffsfall rekonstruierbar bleiben.
  • Durchgängige Sicherheitsmaßnahmen entlang des gesamten Datenlebenszyklus – von der Erfassung über die Übertragung bis zur Verarbeitung in Edge-, On-Prem- oder Cloud-Systemen.

Damit wird Sicherheit nicht zu einer nachgelagerten Kontrollschicht, sondern zu einer Voraussetzung, um Daten gesetzeskonform bereitstellen und zwischen Systemen austauschen zu können. Unternehmen stehen vor der Aufgabe, ihre Sicherheitsarchitektur so auszurichten, dass sie Transparenz, Datenportabilität und Interoperabilität ermöglichen, ohne neue Angriffsflächen zu schaffen.

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Datenstrategie als Sicherheitsstrategie

Damit der EU Data Act nicht zur reinen Pflichtübung wird, brauchen Unternehmen eine Datennutzungsstrategie, die technische, rechtliche und betriebliche Anforderungen integriert. Für Security- und IT-Leitungen bedeutet das konkret:

  • Inventarisierung und Klassifikation aller relevanten Datenquellen – inklusive Sensitivität, Kritikalität und Zugriffspfaden.
  • Governance-Strukturen, die Verantwortlichkeiten, Rollen und Berechtigungen klar definieren.
  • Einführung einer Integrationsplattform, die Interoperabilität, Sicherheit und Datenqualität gemeinsam adressiert.
  • Operationalisierung von Compliance: Automatisierte Policies, auditierbare Protokolle und klare Eskalationswege.

Solche Strukturen sind nicht nur für den EU Data Act notwendig, sondern helfen auch, angrenzende Regulierungen wie den AI Act umzusetzen. Dieser setzt ebenfalls stark auf sichere Datenräume und nachvollziehbare Entscheidungen.

Warum Europas industrielle Stärke jetzt ausgespielt werden kann

Europas Vorteil liegt nicht in der Menge frei zugänglicher Daten, sondern in der Qualität industrieller Daten. Sie entstehen in hochpräzisen, oft sicherheitskritischen Prozessen. Wenn es gelingt, diese Daten sicher zu teilen und interoperabel nutzbar zu machen, entsteht eine Grundlage für

  • KI-Modelle mit echtem Prozessverständnis,
  • resiliente Lieferketten durch Echtzeittransparenz,
  • effizientere Produktion durch Edge-to-Cloud-Analysen und
  • Innovationszyklen, die nicht von einzelnen Hyperscalern abhängig sind.

Damit entsteht eine europäische Datenökonomie, die nicht auf zentralisierte Plattformen setzt, sondern auf verbundene, souveräne und sichere Datenräume. Genau hier entfaltet der EU Data Act seine transformative Kraft.


* Der Autor Markus Mechnich ist Experte für Datenintegration und industrielle Digitalisierung bei Intersystems. Er begleitet Unternehmen dabei, operative Resilienz durch intelligente Vernetzung und Analyse von Produktions- und Lieferketten-Daten zu schaffen.

Bildquelle: Intersystems

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