Pflicht zur Innovation im Handwerk Ein PDF macht noch keine Digitalisierung

Ein Gastkommentar von Daniel Fellhauer* 3 min Lesedauer

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Das deutsche Handwerk steht vor einem gefährlichen Trugschluss: Während Betriebe glauben, mit digitalen Angebots-Tools und PDFs bereits modern aufgestellt zu sein, stagniert eine Branche, die ihr eigentliches Problem verkennt. Nicht der Fachkräftemangel ist die größte Bedrohung, sondern ein hausgemachter Digitalisierungs­mangel und verkrustete Führungs­strukturen.

Der digitale Wandel im Handwerk braucht Mut zur Innovation und moderne Prozesse.(Bild: ©  Fxquadro - stock.adobe.com)
Der digitale Wandel im Handwerk braucht Mut zur Innovation und moderne Prozesse.
(Bild: © Fxquadro - stock.adobe.com)

Das Handwerk ist eine tragende Säule der deutschen Wirtschaft: Rund 5,6 Millionen Beschäftigte in über einer Million Betrieben sorgen für eine stabile Konjunktur sowie hochwertige Produkte und Dienstleistungen. Etwa 342.000 junge Menschen erhalten im Handwerk eine qualifizierte Ausbildung. Gleichzeitig steht die Branche vor massiven Heraus­forderungen: Der oft zitierte, angebliche Fachkräftemangel, Nachwuchsprobleme und zunehmender Wettbewerbsdruck belasten Betriebe aller Größen.

Kein Fachkräftemangel, sondern Digitalisierungsdefizite

Das Handwerk klagt über fehlende Hände, doch tatsächlich fehlt es vor allem an strukturierter Spezialisierung und modernen Prozessen. Viele Betriebe halten an festgefahrenen Denkweisen wie „das haben wir schon immer so gemacht“ oder „so wie bei euch geht das bei uns nicht“ fest.

Das Handwerk glaubt digital zu sein
– ist es aber nicht.

Doch ich bin überzeugt: Fachkräftemangel im Handwerk ist „künstlich erzeugt“: ein Resultat aus fehlender Spezialisierung und ineffizienten Prozessen. Die Verantwortung hierfür liegt oft in der Führungsetage: Viele „Boomer-Chefs“ verpassen das digitale Momentum und lehnen die Digitalisierung aus Prestigegründen oder mangelndem Verständnis ab, statt den tatsächlichen Nutzen von Prozessautomatisierung zu erkennen.

Dabei beginnt echte Innovation mit einer simplen betriebswirtschaftlichen Analyse. Und anstatt in teure Software ohne echten Mehrwert zu investieren, ist die Rückbesinnung auf die Kernfrage des Unternehmertums gefordert: Welche Arbeit machst du am liebsten oder womit verdienst du am meisten Geld? Die Antwort auf diese Fragen müsse der Ausgangspunkt für neue Geschäftsmodelle und eine konsequente Spezialisierung sein. Welche Arbeit ist profitabel und wie lassen sich die dafür nötigen Abläufe standardisieren? Dabei beginnt echte digitale Revolution im Handwerk oft schon bei der Analyse von WhatsApp-Verläufen.

PDF als digitales Trugbild: Der traurige Ist-Zustand

Der aktuelle Zustand ist ernüchternd: Eine echte Transformation finde nahezu gar nicht statt. Ein PDF ist lediglich das digitale Abbild eines analogen Prozesses, keine echte Digitalisierung. Viele Betriebe nutzen zwar Angebotssoftware, verstehen aber nicht, dass Digitalisierung bei der Abbildung von Abläufen beginnt, nicht beim Enddokument.

Ein überraschender Treiber für die Digitalisierung ist derzeit WhatsApp. Es ist das meistgenutzte Tool auf dem Bau, um schnell Texte und Bilder auszutauschen. Genau hier liegen die Schätze vergraben. In den sich ständig wiederholenden Fragen und Bildern auf WhatsApp liegen die Ansatzpunkte für echte Standardisierung und Softwarelösungen.

Vom „Stammtisch-Modus“ zurück in die Zukunft

Ohne eine echte digitale Strategie wird das Handwerk seine Attraktivität für junge, technikaffine Nachwuchskräfte endgültig verlieren. Dabei müssten oft nur wenige Stellschrauben gedreht werden: Zum einen Fokus auf Standardisierung, indem Dokumentation und Personalplanung automatisiert werden. Zudem sollte die Ausbildung modernisiert werden. Digitalisierung muss fester Bestandteil in Meisterschulen und Berufsschulen werden.

Institutionen sollten als Treiber fungieren. Kammern und Verbände müssen zu Zukunftsgestaltern werden, statt den Status quo zu bewahren. Das Handwerk wirkt oft wie ein alter Stammtisch – es braucht aber endlich Zukunft. Deshalb appelliere ich an Betriebe und Entscheider gleichermaßen: Digitalisierung darf nicht als Bedrohung, sondern muss als einzige Chance zur langfristigen Wettbewerbsfähigkeit gesehen werden. Es geht nicht um teure Prestige-Software, sondern um den Mut zur Veränderung und zur radikalen Prozessoptimierung.


* Der Autor Daniel Fellhauer ist Seriengründer, Transformationsexperte und Buchautor. 2009 gründete er während der Finanzkrise die Febesol GmbH und baute in den Folgejahren mehrere Unternehmen im Bereich Solar, Wärmepumpen und erneuerbare Energien auf. Von 2020 bis 2021 leitete er als CEO die S.U.N. Solar Uitvoering Nederland BV. 2025 war er zudem Chief Transformation Officer bei Thermondo. Heute ist er eingesetzter CEO seiner ursprünglich gegründeten Firma Febesol.

Bildquelle: Febesol GmbH

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