Kaum ein deutsches Unternehmen kommt ohne Digital-Importe aus: 96 Prozent antworten auf eine aktuelle Bitkom-Umfrage, dass sie digitale Technologien oder Leistungen aus dem Ausland beziehen – ja, beziehen müssen. Und das wird sich in den kommenden fünf Jahren auch kaum ändern, so die Befürchtung.
Die Abhängigkeit von IT-Technologien vor allem aus den USA und China ist und bleibt groß, digitale Souveränität noch in weiter Sicht.
(Bild: Rawf8 - stock.adobe.com)
„Digital souverän ist ein Land, das eigene substanzielle Fähigkeiten in digitalen Schlüsseltechnologien besitzt und selbstbestimmt darüber entscheiden kann, aus welchen Drittländern es digitale Technologien bezieht. Ein digital souveränes Land ist nicht einseitig von bestimmten Bezugsquellen im Ausland abhängig.“ So definiert der IT-Branchenverband Bitkom „digitale Souveränität“. Doch davon ist Deutschland noch weit entfernt. Im Gegenteil: Die Mehrheit der deutschen Unternehmen ist größtenteils abhängig von digitalen Technologien und Dienstleistungen aus Ländern wie USA, China oder Taiwan. Und diese Abhängigkeit steigt weiter.
Digitale Souveränität als Top-Priorität
Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst betont deshalb die Notwendigkeit, Deutschlands digitale Souveränität zu stärken. Drei zentrale Schritte seien erforderlich: strategische Technologiepartnerschaften, Resilienz gegen technologische Erpressung und alle Menschen und Unternehmen auf dem Weg in das digital souveräne Deutschland mitzunehmen. Wichtig sei vor allem, dass Deutschland seine Fähigkeiten in digitalen Schlüsseltechnologien gezielt weiterentwickele und in digitale Schlüsseltechnologien wie Mikroelektronik, Cybersecurity, KI und Quantencomputing investiere.
Unsere digitale Souveränität ist ausschlaggebend dafür, ob wir auf internationaler Ebene als starker Player wahrgenommen werden und geopolitisch handlungsfähig sind.
Dr. Ralf Wintergerst, Bitkom-Präsident
Mit Blick auf die anstehende Bundestagswahl sagt Wintergerst: „Eine neue Bundesregierung bedeutet eine neue Chance, die Digitalisierung in Deutschland weiter und schneller als bislang voranzubringen. Wir dürfen uns einen gesunden Optimismus leisten, dass das auch funktionieren kann. Von vornherein aufzugeben wäre keine Option.“ Aus Bitkom-Sicht müsse die nächste Bundesregierung einen klaren Fokus auf Digitalpolitik und Deregulierung setzen. Deutschland müsse künftig den Anspruch haben, nicht nur in der digitalen Wirtschaft weltweit ganz vorn mitzuspielen und in Schlüsseltechnologien einen Spitzenplatz zu erreichen, sondern auch Verwaltungsdienste durchgängig für Unternehmen und Privathaushalte anbieten. „Echter Fortschritt wird dabei nur erreicht, wenn es innerhalb der nächsten Bundesregierung einen Antreiber für die Digitalthemen gibt. Wir fordern daher einen echten Digitalminister – oder eine Digitalministerin. Das neue Digitalministerium muss mit allen nötigen Rechten und Ressourcen ausgestattet sein. Diese Forderung findet sich bereits in einigen Wahlprogrammen wieder, ebenso wie gezielte Maßnahmen für die digitale Verwaltung. Alles in allem brauchen wir einen digitalpolitischen Boost. Je ambitionierter die neue Bundesregierung dies umsetzt, desto besser.“
96 Prozent der Unternehmen in Deutschland importieren digitale Technologien und Dienstleistungen. Spitzenreiter sind Endgeräte wie Smartphones und Laptops (90 %), gefolgt von Software-Anwendungen (75 %) und Cybersicherheits-Lösungen (72 %). Besonders kritisch ist die Abhängigkeit von Schlüsseltechnologien wie Halbleitern (83 %), IoT-Komponenten (69 %) und künstlicher Intelligenz (67 %). Selbst bei IT-Dienstleistungen wie App-Programmierung oder Beratung geht es nicht ohne Hilfe von außen.
Insgesamt kommt kaum ein Unternehmen in Deutschland ohne den Import digitaler Technologien und Leistungen aus (96 %). 90 Prozent der Unternehmen, die digitale Technologien oder Leistungen aus dem Ausland beziehen, sehen sich als hiervon abhängig.
(Bild: Bitkom)
Es zeigt sich aber auch ein neuer Trend: Die IT-Importe aus der EU (ohne UK) haben deutlich zugenommen und liegen inzwischen gleichauf mit den USA als Herkunftsregion. Die EU und USA liegen auch bei IT-Exporten an der Spitze. Immer mehr Softwareanwendungen, digitale Dienstleistungen wie App-Programmierung oder digitale Geräte, Maschinen und Bauteile gehen aus Deutschland ins Ausland – hauptsächlich in die EU, gefolgt von den USA und Japan. Allerdings geben auch 71 Prozent der befragten deutschen Unternehmen zu, dass sie keine digitalen Technologien und Leistungen ins Ausland verkaufen.
Dennoch ist die Abhängigkeit von den USA und China weiter sehr groß – insgesamt 90 Prozent der befragten deutschen Unternehmen beziehen Technik aus diesen Staaten. Neben den USA ist China ein wesentlicher Handelspartner für digitale Technologien, doch 68 Prozent der Unternehmen äußern sich besorgt über die politische Dominanz des Landes. Insgesamt importieren 78 Prozent der Unternehmen digitale Güter aus China, gefolgt von Taiwan (41 %) und Japan (36 %). Indien gewinnt an Bedeutung, während Russland aufgrund geopolitischer Spannungen praktisch keine Rolle mehr spielt.
Die bevorstehende Präsidentschaft von Donald Trump in den USA beunruhigt die deutsche Wirtschaft. Jeweils die Hälfte der Unternehmen sieht sich gezwungen, durch den Wahlsieg Donald Trumps ihre Geschäftsstrategie anzupassen bzw. voraussichtlich ihre Lieferketten zu ändern. Praktisch alle Unternehmen fordern, Deutschland müsse sich unabhängiger von den USA machen.
(Bild: Bitkom)
Die bevorstehende Präsidentschaft von Donald Trump sorgt zusätzlich für Unruhe in der deutschen Wirtschaft: Nur 51 Prozent der Unternehmen haben Vertrauen in die Vereinigten Staaten, während 25 Prozent skeptisch sind. Noch kritischer wird China gesehen, dem 44 Prozent kein Vertrauen entgegenbringen. Die EU bleibt mit 97 Prozent die vertrauenswürdigste Region für Handelspartnerschaften. Auch Japan hat wieder an Vertrauenswürdigkeit gewonnen und liegt mit 73 Prozent auf Platz zwei.
Stand: 08.12.2025
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Maßnahmen zur Reduzierung der Abhängigkeit
Viele Unternehmen sind bei einem Stopp von Digitalimporten nur kurzzeitig überlebensfähig: 53 Prozent könnten weniger als ein Jahr durchhalten. Deshalb hat auch mehr als die Hälfte der Unternehmen bereits auf die wachsende Abhängigkeit, aber auch die globalen, politischen Veränderungen reagiert: 59 Prozent diversifizieren ihre Lieferanten, ebenso viele reduzieren Geschäftsbeziehungen zu bestimmten Ländern. Weitere Maßnahmen umfassen die Vergrößerung von Lagerbeständen (42 %) und die Einführung spezieller Risikomanagement-Strategien für die Lieferketten (27 %).
Dennoch müssen die meisten Unternehmen in Deutschland in den sauren Apfel beißen und Risiken eingehen, da bestimmte Technologien nur bei wenigen ausländischen Geschäftspartnern verfügbar seien (67 %), sie hinsichtlich der Verlässlichkeit der Politik am Sitz der Partner gezwungenermaßen Risiken eingehen müsste n (62 %) oder weil sie ausländische Partner bzw. Regierungen unter Druck setzten und sie faktisch keine Möglichkeit hätten, dies abzuwehren (50 %).
Blick nach vorn: Abhängigkeit könnte weiter steigen
91 Prozent der Unternehmen sehen Deutschland aktuell stark oder eher abhängig von Importen digitaler Technologien. 60 Prozent erwarten, dass diese Abhängigkeit in den nächsten fünf Jahren zunimmt. Die deutsche Wirtschaft fordert daher verstärkte politische Anstrengungen, um die Wettbewerbsfähigkeit und Unabhängigkeit zu sichern. „Es geht nicht um Autarkie, sondern um selbstbestimmte Entscheidungen in der digitalen Welt“, so Wintergerst.
Hinweis zur Methodik: Grundlage der Angaben ist eine Umfrage von Bitkom Research im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. Dabei wurden 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten in Deutschland telefonisch befragt. Die Befragung fand im Zeitraum von KW 46 bis KW 50 2024 statt. Die Umfrage ist repräsentativ.