Transatlantische Effekte in Deutschland und EU Beeinflusst die Deregulierung in den USA unsere Compliance-Strategien?

Ein Gastbeitrag von Philipp Verhoeven* 4 min Lesedauer

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In puncto USA-Deregulierung geht es unter anderem um Herausforderungen und Chancen für die EU durch die Lockerung von Vorschriften in den USA und deren Auswirkungen auf Compliance-Strategien sowie Risikomanagement bei transatlantischen Unternehmen.

Die Deregulierung in den USA stellt EU-Unternehmen vor neue Herausforderungen, indem sie Balanceakte zwischen flexibleren US-Vorschriften und strengen EU-Standards erfordert, und zugleich Chancen zur Optimierung von Compliance-Strategien bietet.(Bild: ©  Lamina - stock.adobe.com)
Die Deregulierung in den USA stellt EU-Unternehmen vor neue Herausforderungen, indem sie Balanceakte zwischen flexibleren US-Vorschriften und strengen EU-Standards erfordert, und zugleich Chancen zur Optimierung von Compliance-Strategien bietet.
(Bild: © Lamina - stock.adobe.com)

Die Vereinigten Staaten haben vor Kurzem eine ehrgeizige Deregulierungsagenda auf den Weg gebracht, die einen grundlegenden Wandel in der amerikanischen Regulierungslandschaft einläutet. Im Januar 2025 wurde eine Durchführungsverordnung herausgegeben, die gemeinhin als „10-für-1“-Regel bezeichnet wird und von den amerikanischen Bundesbehörden verlangt, für jede neu eingeführte Vorschrift zehn bestehende zu streichen.

Dieser politische Ansatz baut auf früheren Deregulierungsbemühungen auf und hat den Abbau von Vorschriften und Überregulierung in zahlreichen Sektoren in den USA beschleunigt. Besonders betroffen sind die Bereiche Umweltschutz, Energie und Finanzdienstleistungen.

Balanceakt zwischen US-Deregulierung und strengen EU-Standards

Auch hierzulande und in der gesamten Europäischen Union müssen sich Unternehmen, die in den USA tätig sind und Handelsbeziehungen unterhalten, mit den möglichen Auswirkungen der Deregulierung auseinandersetzen. Insbesondere sollten EU-Unternehmen ihr Augenmerk auf die Komplexität eines doppelten regulatorischen Umfelds richten und dabei ein Gleichgewicht zwischen weniger strengen US-Vorschriften und strengeren EU-Standards suchen. Einige Unternehmen sind auch besorgt über den Druck, dem die EU-Regulierungsbehörden jetzt ausgesetzt sind, um ihre Reaktion und den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit mit den USA zu überdenken.

Gleichzeitig zwingt diese Deregulierungsphase die betroffenen EU-Unternehmen, ihre bislang hauptsächlich auf die USA ausgerichteten Compliance-Aktivitäten zu rationalisieren, ohne gleichzeitig die strengen EU-Vorschriften zu vergessen. Aber die EU versucht auch selbst Vorschriften abzubauen. Bereits im Januar wurde von der EU Kommission ein weitreichendes Strategiepapier angekündigt, der sogenannte Kompass für Wettbewerbsfähigkeit. Geplant ist unter anderem, die Meldepflichten für kleine und mittlere Unternehmen um 35 Prozent zu reduzieren und die Berichtspflichten des europäischen Lieferkettengesetztes zu vereinfachen. Und die neue deutsche Regierung plant insgesamt weitreichenden Bürokratieabbau, der Milliarden einsparen und auch Unternehmen entlasten soll.

Allerdings bedeutet es nur weil eine Compliance-Anforderung verschwindet nicht, dass auch das zugrunde liegende Risiko weg ist. Unabhängig vom bürokratischen Umfeld sind solide Risikomanagementprozesse und eine proaktive Compliance der beste Weg, um sich als Unternehmen zu schützen.

Die Bedeutung der Risikomanagement-Strategie

Die meisten staatlichen Regulierungsmaßnahmen wurden historisch in Folge von zugrunde liegenden, erkannten Risiken ausgelöst. Eine Reihe von aufsehenerregenden Betrugsfällen und Insolvenzen in der Finanzberichterstattung in den USA löste beispielsweise einen Druck zur Verbesserung der internen Kontrollen der Finanzberichterstattung aus, der sich schließlich im Sarbanes-Oxley Act (SOX) von 2002 manifestierte. Die Allgemeine Datenschutzverordnung der EU (GDPR/DSGVO) entstand aus der wachsenden Besorgnis über zahlreiche Datenschutzprobleme und Verletzungen der Cybersicherheit in den frühen 2000er- und 2010er-Jahren, wie zum Beispiel bei Vodafone Deutschland im Jahr 2013. Und auch aktuell gibt es noch große Cyberangriffe – wie kürzlich erst auf die Website der Bayerischen Staatsregierung am 13. Februar 2025.

Anstatt diese Risiken dem Markt zu überlassen – und die Interessengruppen und Bürger die Konsequenzen tragen zu lassen – haben die Regierungen der USA und der EU versucht, Vorschriften zu erlassen, die alle schützen sollen. Ob ihre Vorschriften dabei wirksam waren ist Ansichtssache und eine Frage der politischen Auslegung. Aber die Absicht war immer Risikominderung von tatsächlichen Gefahren. Deregulierung macht die individuelle Risikomanagementstrategie jedes Unternehmens deshalb wichtiger denn je.

Ein praktischer Ansatz für die Deregulierung in den USA

Für deutsche Unternehmen wäre es aus verschiedenen Gründen nicht unbedingt praktikabel, alle bestehenden Investitionen in Risikomanagement und Compliance zurückzufahren. Neben der Datenschutz-Grundverordnung (GDPR) und sektorspezifischen Vorschriften wie NIS2 und der Geldwäschebekämpfungsrichtlinie (AMLD) ist schließlich auch die Richtlinie über die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) in Kraft.

Ein strategischer und individueller Plan zum Unternehmensschutz ist sinnvoller als Abriss. Dies beginnt mit zielgerichteten Gesprächen zwischen dem Vorstand und der Geschäftsleitung und ihren internen Kontroll-, Risiko-, Compliance- und Infosec-Teams.

Zu den Fragen, welche die Leitung stellen muss, gehören:

  • Welche inhärenten und verbleibenden Risiken bestehen für das Unternehmen, selbst wenn die US-spezifischen Compliance-Anforderungen weggefallen sind?
  • Reichen die vorhandenen Investitionen aus, um das Unternehmen dabei zu unterstützen, diese Risiken zu vermeiden, abzumildern oder auf die richtige Art und Weise abzufedern?
  • Wenn durch die Deregulierung Ressourcen frei werden, wie können diese dann strategisch umgeschichtet werden?
  • Wie überwachen die Risiko- und Sicherheitsteams die sich ändernden Vorschriften und die Verlagerung von Risiken?
  • Wie werden sich Handels- und Zollpolitik auf die Lieferkette und Material-/Warenkosten auswirken?
  • Könnte die Rücknahme der Energie- und Umweltpolitik in den USA längerfristige Risiken für Ihr Unternehmen schaffen (zum Beispiel potenzielle inflationäre Auswirkungen niedrigerer Energiepreise, rechtliche Verpflichtungen, internationale handelspolitische Herausforderungen, Druck von Investoren/Stakeholdern)?

Stärkung der Widerstandsfähigkeit von Unternehmen in Zeiten des Wandels

Eine Ära der Deregulierung ist auch eine Gelegenheit, Risiken mit neuer Aufmerksamkeit zu betrachten. Es ist eine Chance, das Risikomanagement und die Aufsicht neu zu bewerten. Dabei kann es sinnvoll sein, den Schwerpunkt auf starke interne Kontrollen zu legen und Governance-Prozesse zu optimieren, die Risikoüberwachung in Echtzeit unterstützen und eine fundiertere Entscheidungsfindung ermöglichen. Mit der Nutzung von Grundlagentechnologien wie GRC-Lösungen, KI und Analytik lassen sich wachsende Herausforderung und sich ändernde regulatorische Anforderungen im Ausland bewältigen. Das kann dazu beitragen, Governance-, Risiko- und Compliance-Daten und -Aktivitäten zu rationalisieren, indem ein einziges Repository mit Risiken, Kontrollen und Aktionsplänen gepflegt wird, das regelmäßig aktualisiert und überprüft werden kann.

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Die Deregulierung „made in USA“ bietet nicht unbedingt nur operative Erleichterungen, sondern erfordert auch einen strategischeren Ansatz für das Risikomanagement. Vorausschauende Unternehmen werden diese Zeit als Gelegenheit wahrnehmen, robuste und individuelle Governance-Rahmenwerke aufzubauen, die über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinausgehen. EU-Unternehmen können durch automatisierte technische Lösungen potenzielle regulatorische Unstimmigkeiten in einen Wettbewerbsvorteil umwandeln.


* Der Autor Philipp Verhoeven ist Director of Sales bei Auditboard Deutschland.

Bildquelle: Auditboard

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