Starke IDC-Studie: Prozesse in Rechenzentren ändern sich radikal Zwang zum Cloud Computing – IT-Organisationen müssen umdenken

Redakteur: Michael Hase

Europäische Unternehmen werden ihre Ausgaben für Public-Cloud-Services laut IDC bis 2014 mehr als verdreifachen. Doch der erfolgreichen Aneignung des Cloud-Computing-Modells stehen nach Einschätzung der Marktforscher in vielen IT-Organisationen eingefahrene Denkweisen und Prozesse entgegen. Da sich die IT-Welt rasend schnell verändert, müssen IT-Verantwortliche und ihre Mitbeiter aber umdenken.

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Cloud Computing verändert IDC zufolge die Prozesse in Rechenzentren auf tiefgreifende Weise. Bild: IBM
Cloud Computing verändert IDC zufolge die Prozesse in Rechenzentren auf tiefgreifende Weise. Bild: IBM
( Archiv: Vogel Business Media )

Cloud Computing steht vor dem Durchbruch auf breiter Front. Davon sind die Marktforscher von IDC überzeugt. Zahlreiche Unternehmen werden sich das Computing-Modell in den kommenden beiden Jahren aneignen und in ihre IT-Strategie einbinden, wie aus dem IDC-Whitepaper „Accelerate Hybrid Cloud Success: Adjusting the IT Mindset“ hervorgeht.

Bereits vor gut einem Jahr, als die Analysten westeuropäische Anwender befragten, rechnete jedes dritte Unternehmen damit, dass Cloud Computing bis Ende 2011 entscheidend für seinen Geschäftserfolg wird (siehe: Grafik 1).

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Auf Basis solcher Daten prognostiziert IDC, dass die Ausgaben für Public Cloud-Services in Europa, dem Nahen Osten und Afrika (EMEA) bis 2014 auf insgesamt 18,8 Milliarden Dollar anwachsen werden. Im vergangenen Jahr lag die Summe bei 5,3 Milliarden Dollar.

Antwort auf fehlende Agilität

In dem aktuellen Whitepaper, das der Virtualisierungsspezialist VMware gesponsert hat, stellt IDC die zunehmende Akzeptanz von Private Clouds, in einen größeren Zusammenhang. Das Phänomen beschreiben die Analysten als Teil der Entwicklung, in deren Verlauf sich in Unternehmen alternative Modelle zur Bereitstellung von IT herausbilden.

Ermöglicht durch die weite Verbreitung der Virtualisierung, sind die neuen Bereitstellungsmodelle laut IDC eine Antwort auf „tiefgehende strukturelle Probleme“ der Unternehmens-IT. Die Analysten nennen vor allem „die fehlende Agilität der IT, die nicht in der Lage ist, auf sich schnell ändernde geschäftliche Anforderungen zu reagieren“.

Als Konsequenz daraus wandelt sich die IT-Abteilung in vielen Unternehmen zu einer Service-orientierten Organisation. Ein wachsender Anteil der angebotenen Dienste wird dabei von externen Providern bezogen. Zugleich virtualisiert die IT-Abteilung die internen Ressourcen und stellt sie ihren internen Kunden ebenfalls als Service bereit.

Technische und organisatorische Hürden

Doch der erfolgreichen Aneignung von Cloud Computing stehen laut IDC in vielen Unternehmen sowohl technische als auch organisatorische Hemmnisse entgegen. So richteten sich insbesondere gegen Public Clouds bislang vor allem technologische Bedenken in puncto Sicherheit, Leistungsfähigkeit und Verfügbarkeit, wie eine IDC-Studie von 2008 belegt (Grafik 2).

Die Analysten halten die organisatorischen Hemmnisse allerdings für die größere Herausforderung. Nach ihrer Einschätzung verändern die neuen Bereitstellungsmodelle die Infrastrukturen und Prozesse in den Rechenzentren so tiefgreifend, dass IT-Abteilungen ihre gewohnten Denkweisen in mehrfacher Hinsicht revidieren müssen.

Die technologischen Hürden lassen sich dagegen einfacher überwinden. Forderungen der Anwender nach mehr Performance oder besserer Interoperabilität der Cloud-Services würden die Anbieter schnell erfüllen, erwarten die Marktforscher.

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IT-Abteilungen müssen die Weichen stellen

In organisatorischer Hinsicht müssen IT-Abteilungen jedoch „wichtige Weichenstellungen vornehmen, wenn sie einen Nutzen aus der On-demand-Welt ziehen wollen“, heißt es in dem Whitepaper. Menschen und Prozesse müssten einen tiefgreifenden Evolutions- und Reorganisationsprozess durchlaufen, um den geschäftlichen Anforderungen gerecht zu werden.

Tatsächlich beobachtete IDC bereits im vergangenen Jahr, dass sich technologische Bedenken gegenüber der Cloud allmählich abschwächen. Ein Grund dafür liege darin, dass die Service-Provider ihre Angebote kontinuierlich erweitern und die eingesetzten Technologien zunehmend reifer werden.

Gerade beim Thema Sicherheit erkennen die Analysen vor allem mentale Barrieren. Selbst wenn das Rechenzentrum eines Providers zertifiziert und alle Compliance-Anforderungen erfüllt seien, gebe es psychologische Vorbehalte dagegen, dass sich Applikationen und Daten „anderswo“ befinden.

Klare SLAs erforderlich

IDC rät daher Anwendern, mit Cloud-Anbietern klare Service Level Agreements (SLA) zu vereinbaren. Über diese SLAs könnten zunächst interne und externe Bereitstellungsmodelle beschrieben und voneinander abgegrenzt werden, um dann festzulegen, wie bei Bedarf mehr Services in die Public Cloud verlegt werden.

Denn die Analysten rechnen damit, dass sich die Modellen in Zukunft ergänzen und vermischen: Demnach werden Unternehmen sowohl Private Clouds einsetzen, die die IT-Organisation für interne Mitarbeitern bereitstellt, als auch Public Clouds nutzen, die unbeschränkt für einen breiten Markt bestimmt sind. Und sie werden auf eine Kombination aus beiden Modellen setzen, die IDC als Hybrid Cloud bezeichnet (Grafik 3).

Neue Rolle für Admins

In jedem Fall wird Cloud Computing die Rolle des Administrators verändern. Da Virtualisierung innerhalb der Infrastruktur zu einer Konvergenz der Systeme führt, überschneiden sich bereits die Zuständigkeiten für Server, Storage und Netzwerke. Die Grenzen werden mit der Cloud weiter verschwimmen, so dass ein Silo-Denken in der Administration künftig nicht mehr zeitgemäß ist.

Außerdem müssen Applikations-Administratoren zunehmend Support für Anwendungen leisten, die gar nicht im Datacenter des Unternehmens laufen, sondern irgendwo in der Cloud.

Solche Verschiebungen können IDC zufolge Widerstände innerhalb der Organisation provozieren. An der Stelle ist daher das Führungsgeschick der IT-Chefs gefordert. Sie sollten Veränderungen vorsichtig planen und gemeinsam mit ihren Führungskräften frühzeitig neue Rollen und Verantwortlichkeiten definieren.

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Das Management verändert sich

Hybride Cloud-Modelle erfordern darüber hinaus eine andere Management-Software. Sie muss laut IDC mehrere Schichten vom Hardware- und System-Management bis zur Software-Überwachung umfassen, um die Bereitstellung von Applikationen auf einer übergeordneten Ebene zu standardisieren.

Daraus ergeben sich neue Management-Konzepte. Vertikale Ansätze, die sich an IT-Komponenten wie Servern, Storage, Netzwerk, Betriebssystemen, Middleware, Anwendungen orientieren, werden den Analysten zufolge abgelöst. Solche Differenzierungen innerhalb der Infrastruktur treten im Cloud-Modell in den Hintergrund.

Stattdessen sind Unternehmen auf Management-Konzepte angewiesen, die auf automatisierten Prozessen und weitreichenden Policies basieren (Grafik 4).

Automatisierte Verwaltung gefordert

Einen wachsenden Teil der Hardware, der Middleware und des Software-Stacks müssen private Rechenzentren laut IDC künftig automatisiert verwalten. Die darauf basierenden Dienste wiederum werden mit Services verknüpft, die von Drittanbietern aus der Cloud kommen.

Der hybride Cloud-Ansatz werde bei der Mehrheit der europäischen Unternehmen in den kommenden zwei bis drei Jahren die IT-Strategie entscheidend mitbestimmen, erwarten die Marktforscher.

Soweit der Ansatz auch Public-Cloud-Anteile enthält, bekommt es die interne IT-Abteilung aber mit externen Wettbewerbern zu tun. Die Situation setzt die IT-Mitarbeiter unter Druck, interne Services ebenso flexibel, transparent und kosteneffizient zu liefern, wie die Nutzer es von externen Cloud-Anbietern gewohnt sind. Beispielsweise weisen Angebote wie Infrastructure as a Service in der Regel klare Kosten-Leistungs-Parameter auf.

IDC ist davon überzeugt, dass IT-Abteilungen diese Herausforderung nur dann bestehen werden, wenn sie selbst hocheffiziente Modelle für die Bereitstellung von Services implementieren.

IT-Mitarbieter mit Business-Orientierung

Grundsätzlich verändern sich durch Cloud-Modelle langfristig die Kostenstrukturen in der IT. Ein neues Verbrauchsmodell, das intern wie extern auf dem Pay-per-use-Prinzip basiert, erfordert eine andere Finanzplanung. So verwandeln sich Anschaffungskosten in laufende Betriebskosten, wenn statt des Kaufs von physischen Servern zunehmend virtuelle Maschinen gemietet werden.

Alles in allem müssen IT-Mitarbeiter dem IDC-Papier zufolge stärker als bisher Business-orientiert denken und in der Lage sein, Entscheidungen unter geschäftlichen Gesichtspunkten zu treffen. Gefragt seien Manager, „die betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten in technische Anforderungen übersetzen können, und umgekehrt“.

Aus Sicht von IDC gibt es für Unternehmen keinen Grund, den Herausforderungen auszuweichen und auf die Nutzung von Cloud Computing zu verzichten. „Die IT verändert sich mit hoher Geschwindigkeit“ Unnötige Verzögerungen seien daher riskant. „Heute treibt die IT das Geschäft. Und wenn die IT hinterherhinkt, wird das Geschäft das ebenfalls tun.“

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