Unabhängigkeit durch Diversifizierung Wie erreicht man digitale Souveränität?

Autor / Redakteur: Dr. Stefan Sigg* / Elke Witmer-Goßner

In der digitalen Welt ist die Cloud allgegenwärtig. Ohne Cloud keine digitale Transformation, das ist die Erkenntnis der letzten Jahre, aber besonders auch der letzten Monate, in denen die Pandemie als Katalysator der Digitalisierung fungierte.

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Der pragmatische Weg, zu große Abhängigkeiten von Cloud-Anbietern aus USA und China zu vermeiden, ist Vielfalt in die IT-Landschaft zu bringen.
Der pragmatische Weg, zu große Abhängigkeiten von Cloud-Anbietern aus USA und China zu vermeiden, ist Vielfalt in die IT-Landschaft zu bringen.
(Bild: © vectorfusionart - stock.adobe.com)

Die Allgegenwärtigkeit der Cloud beruht jedoch leider nicht auf ihrer Angebotsvielfalt, sondern ganz im Gegenteil auf der starken Machtkonzentration an sehr wenigen Orten auf dieser Welt. Die Hyperscaler, die den Markt für cloud-basierte Infrastrukturen auf globaler Ebene dominieren – Amazon, Microsoft, Google, Alibaba und Tencent –, befinden sich entweder in den USA oder in China.

Der digitale Eiserne Vorhang

Ihre Dominanz ist in letzter Zeit zu einer Quelle der Sorge, vielleicht sogar der Angst geworden. Im Laufe der letzten Jahre ist weltweit ein digitaler Eiserner Vorhang zwischen Ost und West gefallen, der es für Unternehmen schwieriger macht, über neue Grenzen hinweg digital zu agieren. Jedes Unternehmen, das zu sehr von Daten oder Technologien aus einem bestimmten Land abhängig ist, geht ein potenzielles Risiko ein.

Digitale Technologien sind längst in den Fokus internationaler Handelskonflikte gerückt. China hat Ende 2020 ein neues Gesetz zur Exportkontrolle verabschiedet, mit dem die Ausfuhr von sicherheitsrelevanten Technologien unterbunden werden kann – eine direkte Reaktion auf die Sanktionen der US-Regierung gegen chinesische Unternehmen wie Huawei. Ein Kurs der Entspannung ist auch von dem neuen US-Präsidenten Joe Biden nur bedingt zu erwarten. Je nachdem, wie sich der Handelskonflikt weiterentwickelt, könnten sich Unternehmen auch bei Cloud-Diensten bald auf nur einer Seite des digitalen Eisernen Vorhangs wiederfinden.

Während Unternehmen auf der ganzen Welt vor allem in Pandemiezeiten die Vorteile von Cloud-Anwendungen zu schätzen wissen und die Technologien schnell annehmen, indem sie z.B. Software-as-a-Service-(SaaS)-Angebote nutzen und ihre Rechenzentren unter Verwendung von Infrastructure-as-a-Service (IaaS) migrieren, sehen sie sich der Gefahr ausgesetzt, sich zu sehr von einem einzigen Anbieter abhängig zu machen – vor allem in Europa, wo Unternehmen und sogar Länder gleichzeitig nach Selbstbestimmung und Offenheit streben. Dies ist eine jener interessanten Herausforderungen, bei denen zwei große Kräfte in entgegengesetzte Richtungen ziehen. Eine gute Balance zu finden, ist nicht einfach.

Eine Lösung für Europa?

Ein großer Hoffnungsträger schimmert am Horizont: Gaia-X. Das von Deutschland und Frankreich initiierte Projekt Gaia-X definiert und etabliert die Grundlagen für ein europäisches und darüber hinaus gehendes föderiertes und interoperables Cloud-Ökosystem für Daten und Services, das sich durch Eigenschaften wie digitale Souveränität, Schutz und Vertraulichkeit von Daten und Offenheit auszeichnen soll.

Gaia-X soll die technologische Abhängigkeit von China und den USA reduzieren und somit nicht nur wichtige Wertschöpfungsanteile, sondern auch politische Handlungsoptionen und wirtschaftlichen Bewegungsspielraum steigern. Auch wenn es dediziertes Nicht-Ziel von Gaia-X ist, einen europäischen Hyperscaler zu schaffen, soll das neue digitale Ökosystem zum Eckstein der digitalen Souveränität von Europa und gleichgesinnter Staaten werden.

Digitale Souveränität in der Praxis

Der Begriff der Daten- bzw. Cloud-Souveränität wird jedenfalls auf Unternehmens-, Branchen- und Länderebene nach wie vor viel diskutiert. Laut Wikipedia ist Souveränität das volle Recht und die Macht eines Organs über sich selbst ohne jegliche Einmischung von außen. Diese Art von Freiheit ist möglicherweise jedoch nicht das, was man bei einer Migration in die Cloud bekommt. Im Gegenteil, Cloud-Anwendungen könnten in Zukunft ein ernsthaftes Problem darstellen, wenn z.B. die Betriebskosten mit zunehmender Nutzung auf unvorhersehbare Weise dramatisch ansteigen.

Ein Wechsel zu einem anderen Anbieter ist nicht nur komplex und aufwändig, sondern häufig auch mit Kosten für den Rücktransfer der Daten verbunden – besonders für kleine und mittlere Unternehmen oft eine unüberwindbare Hürde. Auch die Bedeutung und Dringlichkeit von Datensicherheit, Datenschutz und Privatsphäre sind dramatisch gewachsen, und bei weitem nicht alle Fragen sind geklärt. Volle Souveränität, wie oben definiert, ist nicht realistisch. Nur die Hyperscaler haben die Finanzkraft und die Fähigkeiten, global skalierbare Cloud-Dienste anzubieten, zumindest für Infrastruktur und Big-Data-Speicher. Die Frage ist also: Wie können Unternehmen die Risiken von Lock-in und Abhängigkeiten vermeiden, die sie in eine schwache (Verhandlungs-)Position bringen?

Diversifizierung streut das Risiko

Technologieprojekte waren in den letzten zehn Jahren oft von Verzögerungen oder geprägt. Die Herausforderung bestand darin, die Lücke zwischen der Strategie und der Umsetzung zu überbrücken. Jetzt, da Unternehmen eine Phase des schnellen Wandels durchlaufen haben – und immer noch eine Phase der Ungewissheit erleben – gibt es hoffentlich zwingende Faktoren für einen neuen Ansatz. Einen, bei dem die Komplexität aus dem Prozess entfernt wird und die Unternehmen sich auf den Aufbau ihrer eigenen Agilität und Widerstandsfähigkeit konzentrieren.

Unternehmen könnten beim Aufbau ihrer Technologie-Infrastrukturen von Fondsmanagern lernen. Sie setzen auf ein breites Investitionsportfolio, um Verlustrisiken auf den Kapitelmärkten abzufangen. Für Digitalisierungsvorhaben bedeutet das: Mit mehreren Anbietern zusammenarbeiten, unabhängige Spezialisten identifizieren und ein starkes Partner-Ökosystem etablieren. Diversifizierung streut das Risiko und steigert die eigene Fähigkeit, sich flexibel an unvorhergesehene Ereignisse anzupassen.

Konkret bedeutet dies, dass Unternehmen sich auf eine vielfältige Umgebung vorbereiten sollten, die aus Multi-Cloud-Services, hybriden Bereitstellungen und dem Einsatz von Edge Computing besteht. Der Schlüssel dazu ist, die verschiedenen Systeme, Anwendungen und Geräte systematisch zu integrieren und sie nicht durch benutzerdefinierten Code fest zu verdrahten. Eine wohldefinierte Entkopplung ist ein wichtiges Konzept, um ein höheres Maß an Souveränität zu erreichen. Es gilt, vertraglich und technisch festgeschriebene Abhängigkeiten zu vermeiden. Die Industrie hat dafür eine technologische Lösung: APIs. Ein API-getriebenes Unternehmen zu werden, hat sich daher zu einem strategischen Ziel entwickelt, das von vielen C-Level-Führungskräften gefordert wird.

Souveränität durch pragmatische Diversifizierung schaffen

Dr. Stefan Sigg, Software AG.
Dr. Stefan Sigg, Software AG.
(Bild: Weedezign)

Alles Mögliche kann schief gehen; aber das Erreichen eines gewissen Maßes an Souveränität und Diversifizierung in der Cloud verschafft mehr Autonomie und Macht. So verbessert man die eigene Widerstandsfähigkeit, reduziert Abhängigkeiten und stärkt Verhandlungspositionen.

* Der Autor Dr. Stefan Sigg ist Chief Product Officer und in dieser Position Vorstandsmitglied der Software AG.

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