Automotive Clouds Teil 3 VW, Audi und Porsche setzen verstärkt auf die Cloud

Von Michael Matzer

Autos sind inzwischen rollende Computer, die Künstliche Intelligenz, Machine Learning und Big Data für die Kontrolle der Fahrsysteme nutzen. Cloud-basierte Services unterstützen Fahrzeugführer ebenso wie die Autobauer selbst bei der Steuerung von Unternehmens- und Produktionsprozessen.

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Erst sehen, dann kaufen: Die Audi VR Experience erlaubt es den Kunden, ihr Traumauto in einer visuellen Umgebung zu betrachten, in die sie mittels VR-Brille eintauchen können.
Erst sehen, dann kaufen: Die Audi VR Experience erlaubt es den Kunden, ihr Traumauto in einer visuellen Umgebung zu betrachten, in die sie mittels VR-Brille eintauchen können.
(Bild: Audi AG)

Die Volkswagen-Gruppe stellt jährlich etwa 11 Millionen Autos her und bringt täglich 200 Millionen Teile in ihre Werke. Das ist eine enorme Größenordnung, die eine effektive globale Lieferkette erfordert. Volkswagen arbeitet mit AWS seit 2019 zusammen, um seine 124 Werksstandorte auf eine einzige Architektur umzustellen: die „Volkswagen Industrial Cloud“.

In einem nächsten Schritt will der Konzern das weltweite Netzwerk von mehr als 1.500 Lieferanten in die Industrial Cloud integrieren. Das Unternehmen nutzt unter anderem AWS-Services für Machine Learning – mit Algorithmen, die Informationen verarbeiten, die von Sensoren in den Produktionsstätten gesammelt wurden – und die Appliances der Baureihe AWS Outposts, die On-premises-IT mit Services aus der Public Cloud von AWS verbinden.

Der MOIA Service für Mitfahrgelegenheiten

Eines der wichtigsten Ziele der Industrial Cloud ist die Entwicklung und Integration neuer Services. MOIA, ein eigenständiges Unternehmen der Volkswagen AG, wurde im Dezember 2016 gegründet und konzentriert sich auf die Entwicklung von Mobilitätslösungen. Das Unternehmen verwendet AWS IoT in seiner Architektur sowie in seiner Flottenmanagement- und Mitfahrgelegenheit-Lösung für Elektrofahrzeuge.

Das Unternehmen bietet Mitfahrgelegenheitsservices mit einer vollelektrischen Fahrzeugflotte an und will bis 2025 einer der weltweit führenden Mobilitätsdienstleister sein. Laut Moritz Siuts, Director of Engineering bei MOIA, begann das Unternehmen seine Entwicklung von Grund auf neu und wollte eine stabile, kosteneffiziente Plattform haben, was MOIA zu AWS führte. Mit AWS könne MOIA leicht skalieren und gleichzeitig die Flexibilität bewahren, Erkenntnisse aus gesammelten Daten zur kontinuierlichen Optimierung in die MOIA-Plattform zurück zu spielen. Wireless Car ist seit 2018 ein VW-Tochterunternehmen, das Telematikdienste entwickelt. Es soll digitale Geschäftsmodelle des Autobauers durch die Auswertung und Anreicherung von Fahrdaten entwickeln. AWS spielt in der Erfassung und Verarbeitung solcher Nutzungsdaten eine zentrale Rolle.

Die Volkswagen Industrial Cloud nutzt die Infrastruktur von AWS für automatisierte Automobilfertigung und Logistikprozesse.
Die Volkswagen Industrial Cloud nutzt die Infrastruktur von AWS für automatisierte Automobilfertigung und Logistikprozesse.
(Bild: Volkswagen AG)

Durch die Integration solcher Firmen und Partner baut Volkswagen ein digitales Ökosystem auf. Die Strategie dahinter heißt „Together – Strategy 2025“. Mit ihr will die VW AG ein führender Anbieter von nachhaltiger Mobilität werden. Ein Schlüsselelement dieses Programms ist die One Digital Platform (ODP) des Konzerns, die ein ganzheitliches digitales Ökosystem darstellt, das Volkswagen-Fahrzeuge mit Kunden, Volkswagen-Mobilitätsdiensten und Partnern verbindet. Volkswagen nutzt Services wie AWS Direct Connect, AWS Lambda, Amazon Relational Database Service (RDS) und Amazon Route 53, um sein bestehendes On-Premises-Backend zu migrieren und einen Plattformwechsel durchzuführen, interne Teams zu unterstützen und die Markteinführungszeit zu verkürzen.

Effizientere VW-Kreditverwaltung

VW Credit Inc., die firmeneigene Finanzgesellschaft der Volkswagen Group of America, hat seinen Kundenservice mit Alexa Skill optimiert. Die Tochterfirma, die für die Kreditverarbeitung (Leasing usw.) zuständig ist, reduzierte so die Zeit, die VW-USA-Kunden für den Zugriff auf ihre Kontoinformationen benötigen. Dazu erstellten die Entwickler mit der Serverless-AWS-Technologie wie etwa AWS Lambda eine Alexa Skill.

VW Credit Inc. hatte nämlich erkannt, dass der Zugriff auf Kontoinformationen über ihr Online-Portal oder ihr Callcenter lange dauerte und einen hohen manuellen Aufwand seitens des Kunden erforderte, der die Bedienung mühsam und vermeidbar erscheinen ließ. Mit Alexa Skill können seine Kunden nun kritische Kontofunktionen wie das Bezahlen von Rechnungen oder das Prüfen von Guthaben über ihre Telefone oder Alexa-kompatiblen Geräte ausführen können.

Optimierung von Transport und Logistik

Die Firma RIO arbeitet mit der Volkswagen Group Logistics zusammen, die täglich 18 000 Lkw-Ladungen in ganz Europa befördert. Als Teil der Traton-Gruppe entwickelt RIO digitale Produkte, die Logistik- und Telematikdaten miteinander verbinden, um Transportunternehmen und Spediteuren Echtzeit-Einsicht in ihre Sendungen zu bieten.

Das Unternehmen hat mit der Cloud begonnen und setzt nun auf eine AWS-First-Strategie, wobei es Lösungen, die in AWS erstellt sind, gegenüber selbst gehosteten Lösungen bevorzugt. RIO nutzt AWS, um eine offene, skalierbare und flexible einheitliche Cloud-Plattform für das Transport- und Logistikmanagement zu schaffen, mit der sich alle Beteiligten der Lieferkette verbinden können.

Die Cloud bei der Audi AG

Audi umfasst die Marken Audi, Ducati und Lamborghini, also preiswerte bis hochpreisige PKWs und Motorräder. Produziert werden diese Modelle in zwölf Ländern an 16 Standorten für über hundert Märkte. Weil die Kunden ihren Kaufprozess fast nur noch online beginnen, suchte Audi nach einer Möglichkeit, diese Online-Autokaufreise über alle digitalen Kanäle hinweg und bei den Händlern zu unterstützen. Audi wollte den Kunden für ihr Online-Shopping eine immersive Erfahrung bieten, die durch VR-Technologie und 3D-Rendering realisiert werden konnte.

Das Unternehmen wählte dafür den Anbieter ZeroLight. Nach einer ersten VR-Technologie für Ausstellungsräume sollte ZeroLight auch einen dreidimensionalen Online-Konfigurator bauen. Auf diese Weise konnten sich die Kunden ihr Traumauto optisch vorstellen, bevor sie eine Kaufentscheidung fällten. Im Anschluss entwickelte ZeroLight einen Piloten für das Online-Marketing, der die Kunden in die Lage versetzte, auf der deutschen Webseite den 3D-Konfigurator zur Bewertung des A4-Allroad-Modells zu nutzen.

Die Visualisierung eines Audi Q8 erfolgt hier auf einem Tablet-PC.
Die Visualisierung eines Audi Q8 erfolgt hier auf einem Tablet-PC.
(Bild: Audi AG)

Der anfängliche Pilot für die 3D-Projekte stieß auf genügend positive Resonanz, um einen soliden Business Case für das Ausrollen des 3D-Online-Konfigurators hinsichtlich zusätzlicher Audi-Modelle und -Märkte zu schaffen. Kunden, die den 3D-Konfigurator nutzten, zeigten eine um neun Prozent höhere Aktivität hinsichtlich der Feature-Auswahl. Die drei zusätzlichen Leistungsmerkmale, die sie im Durchschnitt wählten, entsprachen einer Upsell-Steigerung um knapp 1.200 Euro pro Fahrzeug. Die Nutzung des Konfigurators nahm um 66 Prozent zu. Audi rollt inzwischen den Konfigurator weltweit in bestimmten Märkten aus.

Porsche AG mit Schwerpunkt auf Interaktion

Porsche hat Ende Januar das Infotainmentsystem „Porsche Communication Management 6.0“ (PCM) noch stärker auf die Cloud-Nutzung ausgerichtet und es so aufgewertet. Es steht in den Modellen 911, Taycan, Cayenne und Panamera zur Verfügung.

Spotify Premium Kunden können im überarbeiteten PCM 6.0 direkt auf ihre Lieblingslieder und -podcasts zugreifen. Ihr Account wird über die Porsche-ID mit dem Fahrzeug verknüpft um Spotify als weitere Medienquelle nutzen zu können. Das Fahrzeug greift dann direkt, ohne den Umweg über ein Smartphone, auf das Angebot des Streaming-Dienstleisters zu. Das notwendige Datenvolumen hierfür ist bei Porsche Connect inklusive. Alle gespeicherten Playlists sind direkt verfügbar und auch die Like-Funktion sowie die neue Go-To-Radio-Option sind nativ integriert. Letztere findet zum derzeit laufenden Musikstück ähnliche Songs.

Neben der Übersichtlichkeit der Darstellung verbessert das Update des PCM die Umfänge des Voice Pilot. Dieser integrierte Sprachassistent wurde weiter verbessert und soll den Zugriff auf viele Funktionen vereinfachen. Zu diesen gehören der News-Bereich, die Bedienungsanleitung und das Musik-Streaming des Fahrzeuges. Neu ist auch eine kabellose Anbindung von Android Auto.

Charging Planner mit verbesserten Algorithmen

Bei Elektroautos kommt es wegen der begrenzten Akku-Kapazität auf eine möglichst effiziente Planung der Route an. Deshalb hat Porsche im PCM 6.0 die Berechnung der Ladevorgänge im Charging Planner verbessert. Der optimierte Algorithmus priorisiert verstärkt Ladesäulen mit hoher Leistung und plant Ladestopps effizienter.

„Auch diese Verbesserungen basieren auf Kundenfeedback“, sagt Jan Klonz, PR Specialist Connected Car & Future Technologies. Zudem berücksichtige der Charging Planner bei der realistischen Berechnung der Gesamt-Fahrzeit nun auch jene Zeit, die zum Starten und zum Beenden des Ladevorganges an der Ladesäule benötigt wird. Diese Maßnahmen führten in Summe zu einem deutlich befriedigenderen Lade-Erlebnis.

Um die Übersichtlichkeit zu erhöhen, wird während der Fahrt ein dynamisches Zoomverhalten für Ladesäulen eingeführt: In der näheren Umgebung zeigt das System alle verfügbaren Ladeoptionen inklusive Belegungsstatus an. Das spart sinnlose Suchfahrten. In der weiteren Ansicht beschränkt sich die Anzeige auf Schnellladesäulen. Ein neuer Filter erlaubt es, Ladepunkte nach Leistung zu sortieren. Schnellladen spart Wartezeit.

Die Navigation des PCM 6.0 umfasst zudem einen überarbeiteten Routenmonitor, auf dem relevante Ereignisse während der Fahrt individuell ein- und ausgeblendet werden können. Die neuen Funktionen gehören ab sofort zur Serienausstattung jedes neu konfigurierten Porsche 911, Taycan, Cayenne und Panamera.

Automotive-Trends 2022

Vom Edge Computing bis zur Cloud

Edge Computing ist derzeit in vielen Branchen ein wichtiges Thema: von der Telekommunikation über die Energieversorgung bis hin zum Gesundheitswesen. Auch bei der Umsetzung innovativer Smart-City-Konzepte spielt Edge Computing eine entscheidende Rolle.

Besonders dynamisch ist aber die Entwicklung im Automobilsektor: Dort werden Edge-Implementierungen die Entwicklung moderner Fahrzeuge, die softwaregesteuert, autonom und vernetzt sind, massiv vorantreiben. Factory Edge und Vehicle Edge sind hier die Anwendungsszenarien. Factory Edge zielt auf Fertigungs- und Logistikprozesse ab, Vehicle Edge ist die Grundlage für vernetzte Fahrzeuge.

Harald Ruckriegel, Chief Technologist Automotive and Strategic Business Development bei Red Hat, sieht dabei einige zentrale Trends, die die Branche prägen werden:

  • Software-defined Everything: Die Entkopplung der Software von der Hardware ermöglicht eine Standardisierung und bringt geringere Kosten, höhere Skalierbarkeit und Flexibilität sowie vereinfachtes Management. Und neue Funktionen können schneller bereitgestellt werden. Die Fahrzeug-Embedded-Welt war bisher von einer Hochspezialisierung mit der Nutzung zahlreicher Steuergeräte, den sogenannten ECUs (Electronic Control Units) gekennzeichnet. Das Software-defined-Konzept ermöglicht nun auch die Entwicklung von ECUs, die mehrere Funktionen abdecken können. Dadurch müssen auch weniger Steuergeräte verbaut werden.
  • Vernetzung: Edge Computing wird im Automotive-Bereich die Wertschöpfungskette der Hersteller enger von der Forschung und Entwicklung über den Vertrieb und das Marketing bis hin zur Produktion und zum After-Sales vernetzen. Eine Konsequenz ist die stärkere Verknüpfung der Phasen Pre-SOP (Start of Production), SOP und Post-SOP. Bisher eher getrennte Welten wie Vehicle Edge und Factory Edge werden enger zusammenwachsen. Vehicle Edge deckt dabei Fahrzeug-Onboard und -Offboard ab und ist eine Grundvoraussetzung für die Umsetzung des sogenannten ACES-Konzepts (Autonomous - Connected - Electrified - Shared/Services). Und Factory Edge bildet die Basis für innovative Industrie-4.0- und IoT-Szenarien.
  • Open Source: Der Ansatz „Standardisierung über Open Source“, der eine implementierungsgetriebene Standardisierung unterstützt, wird sich etablieren. Dabei kann auf ein umfassendes, kontinuierlich wachsendes Open-Source-Ökosystem zurückgegriffen werden. Gleichzeitig ist auch bei den bestehenden Standards ein verstärkter Trend zur Nutzung von Open Source und modernen Softwaretechnologien erkennbar.
  • Hybrid-Cloud und Multi-Cloud: Die zunehmende Vernetzung und Digitalisierung im Automotive-Bereich erfordern auch die Nutzung einer Hybrid-Cloud- oder Multi-Cloud-IT-Infrastruktur. Nur damit können Anwendungen in kurzen Entwicklungszyklen in einer dynamisch skalierbaren Umgebung bereitgestellt werden. Allerdings können Edge-Themen nicht ohne Weiteres in die Cloud gebracht werden, sondern die IT-Technologien müssen an den Einsatzort verlagert werden. Die Edge stellt somit starke Integrationsanforderungen – etwa hinsichtlich Echtzeitverarbeitung, Security oder Safety. Eine offene Hybrid-Cloud-Plattform muss folglich auch Edge-Implementierungen unterstützen und als gemeinsame horizontale Plattform vom Core bis zur Edge eine einheitliche Entwicklungs- und Betriebserfahrung bieten.
  • Community Engagement: Zahlreiche Communities, Initiativen und Projektgruppen treiben die Entwicklungen im Automotive-Segment aktiv voran. Dazu zählen etwa SOAFEE (Scalable Open Architecture for Embedded Edge), SDV.edge (Software-Defined Vehicle) der Eclipse Foundation oder ELISA (Enabling Linux In Safety Applications). Im Fokus stehen dabei Themen wie Software-defined Vehicle, Edge, Linux als Betriebssystem im Fahrzeug, Container Runtime oder Cloud-Connectivity.

Die meisten Automotive-OEMs intensivieren derzeit ihre Aktivitäten und Entwicklungen rund um Autonomes Fahren und Fahrerassistenzsysteme, Smart Car und Infotainment sowie Mobility Services und Smart City. Edge Computing und Hybrid-Cloud-Modelle sind dabei entscheidende Technologietreiber. Und Open-Source-Lösungen bilden vielfach die elementare Infrastrukturplattform.

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