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Greta-Effekt in Ostfriesland Vom Baumwollfaden bis zur Echtzeit-Datenanalyse

Autor / Redakteur: Christian Mehrtens* / Elke Witmer-Goßner

Ein entscheidender Aspekt für die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens sind seine Wertschöpfungsketten. Digitale Technologien helfen, sie krisensicher, effizient und nachhaltig auszurichten. Dieses zeigt das Beispiel eines mittelständischen Tee-Herstellers aus Niedersachsen.

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Die Ostfriesische Tee Gesellschaft Laurens Spethmann GmbH & Co. KG ist seit ihrer Gründung 1907 für ihre Tee-Produkte und die Tee-Handelsmarken Meßmer, Milford und OnnO Behrends bekannt.
Die Ostfriesische Tee Gesellschaft Laurens Spethmann GmbH & Co. KG ist seit ihrer Gründung 1907 für ihre Tee-Produkte und die Tee-Handelsmarken Meßmer, Milford und OnnO Behrends bekannt.
(Bild: gemeinfrei© Joseph Mudra / Pixabay )

Seit zehn Jahren werden Teebeutel bei der Ostfriesischen Tee Gesellschaft (OTG) nicht mehr mit Aluminiumklammern verschlossen, sondern umweltverträglich mit einem Baumwollfaden. Das klingt banal – doch die Zahlen verdeutlichen, dass auch unscheinbare Innovationen einen großen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten können. Die OTG investierte 80 Millionen Euro in die Umrüstung. Bereits 2010 produzierte das Unternehmen 13 Milliarden Teebeutel mit Baumwollfäden und sparte damit 50 Tonnen Aluminium. Der Blick auf den Gesamtmarkt zeigt das Potenzial der Erfindung: Allein 2018 wurden laut Deutscher Teeverband weltweit über 5,8 Millionen Tonnen Schwarz- und Grüntee produziert. Die Füllmenge eines Teebeutels liegt zwischen zwei und drei Gramm.

Auch heute treibt das mittelständische Unternehmen aus Seevetal in Niedersachsen mit einem Jahresumsatz von rund 250 Millionen Euro die Nachhaltigkeit in seiner Branche konsequent voran. Das Unternehmen entwickelt digitale Fabriken mit automatisierten Prozessen und dem Einsatz von Software-Robotern. Das Ziel: der Aufbau von krisensicheren, effizienten und nachhaltigen Versorgungsketten, die schnell und präzise an veränderte Kundenbedürfnisse und volatile Marktlagen angepasst werden können.

Genuss und Nachhaltigkeit

In meinen Augen ist dieser Ansatz genau richtig, um Unternehmen zukunftssicher auszurichten – und das aus mehreren Gründen. Zum einen hat die Covid-19-Pandemie plastisch vor Augen geführt, wie verwundbar Versorgungsketten in nahezu allen Branchen rund um den Globus sind. Zum zweiten wurde der öffentliche Blick auf die Lieferketten schon zuvor durch die Fridays-for-Future-Bewegung geschärft.

Verbraucher erwarten von Unternehmen zunehmend Transparenz und verlangen Nachweise, dass Produkte nachhaltig angebaut und produziert werden. Und drittens drängt sich die Verbindung von Genuss und Nachhaltigkeit bei einem Wellness-Produkt wie Tee geradezu auf und ergibt ein logisches Geschäftsmodell. Nicht nur bei Tee, sondern auch bei anderen Heißgetränken wie Kaffee und Kakao. Nach Statista-Prognosen wird der weltweite Umsatz mit diesen Waren bis 2025 auf etwa 838 Milliarden Euro anwachsen, 2019 lag er noch bei rund 588 Milliarden.

Ganzheitlich denken ohne Insellösungen

Nur mit konsequenter Digitalisierung können Unternehmen diesen Entwicklungen gerecht werden – und sie für die Weiterentwicklung ihres Geschäfts nutzen. Wichtig ist dabei, sich nicht in Insellösungen zu verzetteln, sondern ganzheitlich zu denken – von der Produktentwicklung bis zum Vertrieb. Dazu zählen vorausschauende Nachfrage- und Bedarfsanalysen, prädiktive Wartung und intelligente Steuerung der Logistik genauso wie transparentes Lieferanten- und Nachhaltigkeitsmanagement.

OTG verarbeitet jährlich 10 Milliarden Teebeutel – aneinandergereiht eine Kette von 680.000 km Länge, die 17-mal um die Erde gewickelt werden könnte und 1,8-mal von der Erde zum Mond reicht.
OTG verarbeitet jährlich 10 Milliarden Teebeutel – aneinandergereiht eine Kette von 680.000 km Länge, die 17-mal um die Erde gewickelt werden könnte und 1,8-mal von der Erde zum Mond reicht.
(Bild: Ostfriesische Teegesellschaft)

Bei der Entwicklung der digitalen Fabrik nimmt die Ostfriesische Tee Gesellschaft daher ihre gesamte Wertschöpfungskette in den Blick. Die Rohware kommt, verpackt in Säcken, per Container aus dem jeweiligen Herkunftsland nach Deutschland. Nach der Rezeptur aus der Hand von eigens ausgebildeten Tee-Tastern wird sie gemischt und in Big Bags – flexible Schüttgutbehälter – abgefüllt. Anschließend werden die Maschinen mit den Big Bags bestückt, um die Teebeutel zu befüllen. Komplettiert mit Faden, Etikett und Kuvert wird der Tee schließlich maschinell in Faltschachteln gesteckt.

Analysen in Höchstgeschwindigkeit

Viele dieser Prozessschritte erfordern aktuell noch manuelle Eingriffe. In der digitalen Fabrik dagegen wird die Prozesskette automatisiert ablaufen. Anhand von Echtzeit-Datenanalyse in Verbindung mit Big Data und Künstlicher Intelligenz können wichtige Parameter vorausschauend analysiert werden. Dabei geht es einerseits um die prädiktive Wartung von Maschinen und Robotern, andererseits aber auch um die Bewertung von Wetterveränderungen und anderer Einflussgrößen.

So lässt sich einschätzen, wie viele Ernten stattfinden werden und mit welcher Qualität dabei zu rechnen ist. Das Management kann auf Basis einer Vielzahl von Datenquellen Entscheidung treffen und beispielsweise Produktionsabläufe oder den Marktstart von Produkten anpassen. Zudem steigert die OTG ihre Produktions- und Kosteneffizienz noch einmal signifikant. Der Hauptvorteil liegt jedoch in der hohen Geschwindigkeit, mit der die OTG Produkte künftig entwickeln und in die Regale bringen kann. Dank der Automatisierung soll dies künftig schon in wenigen Tagen möglich sein. Dafür setzt das Unternehmen nicht nur auf digitale Technologien, sondern auch auf agile Arbeitsweisen wie Scrum und Design Thinking.

Homogenität im IT-System

Das Herzstück in einem Gesamtsystem wie diesem bildet, wie schon erwähnt, die Echtzeit-Datenanalyse. Dafür musste die OTG jedoch ein neues IT-System aufbauen. Zuvor waren fünf verschiedene ERP-Systeme über Schnittstellen miteinander verbunden. Das drosselte erheblich die Geschwindigkeit, mit der Daten verarbeitet werden konnten. Stattdessen setzt die OTG nun auf das SAP-HANA-System. In das System werden alle Prozesse und Daten von der Absatz- und Produktionsplanung bis zu Einkauf und Versand integriert. Auch in seinen beiden Hauptlagern will das Unternehmen künftig umfassend Prozesse automatisieren, beispielsweise die Abwicklung der Warenbewegungen und die Verwaltung der Lagerbestände. Die Grundlage dafür wird das SAP embedded Extended Warehouse Management (SAP eEWM) bilden.

Durch die Transparenz und Geschwindigkeit des Systems sowie Unterstützung aus der Cloud kann das Unternehmen schon heute offenlegen, wie, wo und wann die Rohwaren für ihre Produkte angebaut, geerntet und geliefert wurden – obwohl diese aus mehr als 100 Ländern stammen. Ein sehr wichtiger Aspekt für ein transparentes Lieferanten- und Nachhaltigkeitsmanagement – und dafür, die Kundenbedürfnisse in dieser Hinsicht zu erfüllen.

Digitalisierung endet an der Zungenspitze

Christian Mehrtens, SAP SE.
Christian Mehrtens, SAP SE.
(Bild: SAP)

Trotz der umfassenden Digitalisierung gibt es einen Punkt in der OTG-Versorgungskette, der wohl nie automatisiert werden kann: die Arbeit der Tee-Taster. Sieben Jahre dauert es, bis sie die entsprechende Expertise aufgebaut und ihren Geruchs- und Geschmackssinn entsprechend verfeinert haben. Die menschliche Zunge wird sich wohl auch in Zukunft nicht digitalisieren lassen.

* Der Autor Christian Mehrtens ist Leiter Mittelstand Partner bei SAP.

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