Cloud-Migration beim Medienunternehmen Turner Streamen in der Wolke

Von Marius Dunker*

Ob Netflix, Spotify oder die ARD-Mediathek – die Unterhaltungsindustrie hat wie kaum eine andere Branche den Sprung in Sachen Digitalisierung geschafft. Es gilt: Wer heute als Medien- und Content-Macher auf digitale Distributionswege verzichtet, hat morgen kein Publikum mehr.

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Für ein zeitgemäßes cloud-basiertes Streamingangebot war die Digitalisierung des jahrzehntealten Fernseharchivs nur ein Teil einer Mammutaufgabe bei Turner (im Bild das CNN Center in Atlanta).
Für ein zeitgemäßes cloud-basiertes Streamingangebot war die Digitalisierung des jahrzehntealten Fernseharchivs nur ein Teil einer Mammutaufgabe bei Turner (im Bild das CNN Center in Atlanta).
(Bild: gemeinfrei© paulbr75 / Pixabay )

Wie aber schafft man es, sein Portfolio erfolgreich in die Cloud und zuverlässig an den Kunden zu bringen? Diese Frage stellte sich auch Turner Broadcasting System. Das US-amerikanische Medienunternehmen ist Teil von Time Warner und betreibt verschiedene Kabelsender – darunter auch CNN. Im Zuge einer umfassenden Digitalisierung des Konzerns, sollte die Distribution von Medieninhalten ein neues (digitales) Gesicht erhalten.

Ziel war es, Zuschauer zukünftig über mehrere Kanäle zu erreichen, Inhalte flexibel und individualisiert anzubieten, Einblicke in das Medienverhalten zu gewinnen und damit auch als Werbe- und Anzeigeplattform wettbewerbsfähig zu bleiben. Eine Herkulesaufgabe bei dieser Neuausrichtung: Der Content von mehreren Jahrzehnten an Sendungen, Mitschnitten und Beiträgen musste in die Cloud, darunter eine 15 Petabyte große Bibliothek archivierter CNN-Videos.

Ein erster Schritt der Cloud-Migration war die Auswahl des Cloud- Anbieters. Hier entschied sich Turner für Amazon Web Services (AWS). Zum einen hatte AWS bereits bei ähnlichen Migrationsprojekten unterstützt, zum anderen bot die Public Cloud sowohl die Größe als auch die Skalierbarkeit, um mit dem wachsenden Angebot an Medieninhalten von Turner mitwachsen zu können. Gleichzeitig versprach der Umzug in die AWS-Cloud mehr Agilität, weniger Aufwand und niedrigere Kosten im Vergleich zu den On-Premises-Rechenzentren.

Ein wichtiges Thema stellt in diesem Zusammenhang auch die Cloud-Sicherheit dar – vor allem dann, wenn einem sehr breiten Publikum der Zugriff auf Informationen (bzw. Content) in der Cloud erlaubt werden soll. In Sachen Infrastruktur und Prozesssicherheit sorgen die Cloud-Anbieter in der Regel selbst für eine sichere Cloud-Computing-Umgebung, um Datenverlust, die Beeinflussung der verschiedenen Nutzer in der gemeinsamen (shared) Cloud-Infrastruktur oder auch Angriffe (z. B. Denial-of-Service) abzuwehren. Bei der Migration zu einem Cloud-Service gilt es darüber hinaus, die Systeme kontinuierlich im Rahmen von Audits, Sicherheitsprüfungen, Penetrationstests und Schwachstellenanalysen (Software Vulnerability Management) zu prüfen.

Transparenz in der IT-Infrastruktur: Fehlanzeige!

Das Identifizieren von Schwachstellen und End-Of-Life-Anwendungen setzt ein hohes Maß an Transparenz voraus. Gerade aber diese Transparenz fehlte bei Turner und bereitete dem Team bereits bei der Entwicklung des Migrationsplans erhebliche Kopfzerbrechen. Die über Jahre gewachsene und immer komplexer gewordene IT-Infrastruktur des Konzernes erlaubte keinen ganzheitlichen Überblick sämtlicher IT-Assets. Zudem gab es keine Metriken und KPIs (Key Performance Indicator), um Anwendungen und Systeme hinsichtlich ihrer Nutzung, ihres ROIs oder ihrer Relevanz für den Geschäftsbetrieb zu bewerten und einzuordnen. „Die erste Frage, die ich bei Beginn des Projekts unserem Team stellte, war: Wie viel Geld geben wir eigentlich für unsere Rechenzentren aus? Niemand konnte mir das beantworten”, erklärt Don Browning, Vice President of Cloud Architecture bei Turner Broadcasting System.

Ein Beispiel für Business-Service-Mapping von Flexera.
Ein Beispiel für Business-Service-Mapping von Flexera.
(Bild: Flexera Software)

Diese Betriebsblindheit in Sachen IT-Landschaft ist längst kein Einzelfall. Gerade im Zuge der digitalen Transformation mussten sich viele Unternehmen gleich zu Beginn eingestehen, dass die Transparenz in IT-Assets in vielen Fällen zu wünschen übriglässt. Je mehr Unbekannte in der IT-Gleichung jedoch auftauchen, desto schwieriger ist es, den schnellsten, sichersten und kosteneffizientesten Weg in die Cloud zu ermitteln. Die genaue Abbildung von Business Services ist essenziell für die Cloud Migration. Die IT muss Abhängigkeiten ermitteln können und wissen, welche Systeme und Anwendungen betroffen sind, wenn eine bestimmte Anwendung in die Cloud wandert. Kann sie das nicht, bleibt nichts anderes übrig, als nach dem Trial-and-Error-Prinzip vorzugehen – und dabei möglicherweise viel Zeit, Geld und Arbeit in den Sand zu setzen.

Manuell lässt sich die maßstabsgetreue Abbildung der IT-Landschaften (Mapping) bei der hohen Komplexität der heutigen Anwendungsarchitektur kaum noch bewerkstelligen. Auch Configuration Management Datenbanken (CMDB) stoßen schnell an ihre Grenzen. Neue Mapping-Tools setzen daher auf einen hohen Automatisierungsgrad und identifizieren alle IT-Assets (einschließlich der jeweiligen Netzwerkdaten) einer Umgebung über einen Bottom-Up Approach. Dabei kommen mittlerweile auch intelligente Algorithmen zum Einsatz.

Bausteine des Migrationsplans: Mapping & technische Analyse

Turner versuchte sich drei Monate lang erfolglos daran, einen Überblick über die eigene IT-Infrastruktur zu gewinnen. Schließlich empfahl AWS die Unterstützung eines externen Partners und verwies auf unsere ITAM- und Cloud-Experten bei Flexera. „Vor dem Scan durch Flexera hatten wir ehrlich gesagt keine Ahnung, mit was wir es zu tun hatten“, so Browning. „Danach hatten wir alle Details, die wir brauchten. Ich wusste, wie viele Server es gab, wo sie waren und mit welchen Systemen sie kommunizierten. Ich kannte ihre Kapazitäten. Und ich verstand, ob und wie wir sie in die Cloud bringen würden.“

Insgesamt identifizierte Turner dank der Analyse mehr als 10.000 Geräte und mehr als 600 Anwendungen. Mit dieser genauen Karte der IT-Infrastruktur nahm der Migrationsplan schnell konkrete Formen an. In der Regel verläuft die Cloud-Migration wie jeder gut geplante Umzug in mehreren Schüben: Einfache, weniger systemkritischen Anwendungen kommen zuerst an die Reihe. Wichtige, geschäftsrelevante Anwendungen folgen mit Sicherheitsabstand später. Um die Spreu vom Weizen zu trennen und zu beurteilen, für welche Anwendungen sich die Migration überhaupt lohnt, empfiehlt es sich vorab, die Business Services technisch zu bewerten. Die Analyse zeigt, welcher Ansatz der Cloud-Migration zum Unternehmen passt. Beim Lift & Shift werden Anwendungen und Daten beispielsweise ohne größere Veränderungen in die Cloud verschoben. In anderen Fällen sind Re-Architecting-/Modernisierungsansätze nötig. Scorecards sind ein gutes Hilfsmittel, um die Reihenfolge für die Migration festzusetzen und gleichzeitig organisatorische Anforderungen sowie langfristige Ziele zu erfüllen.

Ähnlich verfuhr auch Turner und teilte seine Ressourcen und IT-Assets in zwei Gruppen auf: Cloud-fertig und nicht Cloud-fertig. In der ersten Gruppe fanden sich vor allem Anwendungen und Datenbanken mit wenigen Abhängigkeiten. Danach begann das Unternehmen mit der Migration von Legacy-Servern und Systemen mit mehreren Abhängigkeiten. Alles in allem dauerte der gesamte Prozess nur wenige Monate.

Zombie-Server abschalten & Kosten optimieren

Ein wichtiges Ziel der Cloud-Migration war für Turner die Kostenreduktion. Schon früh stellte sich die Frage: Wie viel kann in den nächsten drei bis fünf Jahren durch den Umzug in die Cloud eingespart werden? Cloud-Migration wird nicht umsonst gleichgesetzt mit Kostenoptimierung. Das Cloud-Modell bietet dafür bekanntlich einen hervorragenden Hebel – allerdings nur, wenn auch ein kontinuierliches Cloud-Management über alle Anwendungen und Cloud-Anbieter hinweg sichergestellt ist. Dazu gehört unter anderem die Anpassung von Cloud-Instanzen an den tatsächlichen Gebrauch, das Lizenzmanagement zur Umverteilung von nicht genutzten Lizenzen sowie das Monitoring von Rabatten und Preisaktionen der jeweiligen Cloud-Anbieter.

Die Kostenanalyse bei Turner ergab klare Einsparungspotenziale. Einen ersten Erfolg in diese Richtung verbuchte das Team bereits während des Mappings der IT-Infrastruktur, wobei insgesamt 1.000 sogenannte Zombie-Server identifiziert wurden. „Zombies“ sind physische Server, die sozusagen im Leerlauf oder mit geringer Auslastung arbeiten und nichts zur Rechenkapazität beitragen. In einem Unternehmensbereich fanden sich insgesamt 144 solcher Zombies, die allesamt und unmittelbar nach der Analyse vom Team abgeschaltet wurden. Für ein Unternehmen, dass lange Zeit bei seinen IT-Assets im Dunkeln tappte, kein schlechter Anfang.

Marius Dunker, Flexera Software GmbH.
Marius Dunker, Flexera Software GmbH.
(Bild: Peter Vogel. Fotografie. Hamburg)

* Der Autor Marius Dunker ist seit 2019 Vice President DACH Sales bei Flexera Software und unterstützt in seiner Funktion Kunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Bereich Software Asset Management und Lizenzoptimierung. Vorab hat er bei Flexera den Bereich Customer Success in EMEA aufgebaut und verantwortet.

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