Wie man bestehende Software-Angebote in die IT-Wolke heben kann Softwarehäuser unter Druck – Keine Zukunft ohne Cloud?

Autor / Redakteur: Silke Kilz* / Elke Witmer-Goßner

Statt in Lizenzen zu investieren, nutzen immer mehr Unternehmen Cloud-Anwendungen aus dem Netz – eine Entwicklung, die traditionelle Softwarehäuser zunehmend unter Druck setzt. Trotzdem haben bisher nur wenige deutsche Hersteller ihr Geschäftsmodell an das kommende Cloud-Zeitalter angepasst.

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Auch wenn viele Software-Anbieter noch keinen ernsthaften Gedanken an einen kompletten Umstieg oder zumindest die Erweiterung ihrer Services verschwenden – früher oder später kommt keiner mehr um die Cloud herum.
Auch wenn viele Software-Anbieter noch keinen ernsthaften Gedanken an einen kompletten Umstieg oder zumindest die Erweiterung ihrer Services verschwenden – früher oder später kommt keiner mehr um die Cloud herum.
(Bild: Pixelvario, Fotolia)

Zu diesem Ergebnis kommen auch die Analysten des Marktforschungs-unternehmens Crisp Research in ihrer aktuellen Trendstudie „Platform-as-a-Service – Zukunft der deutschen Software-Industrie“ (hierzu auch unser Beitrag „Der steinige Weg vom traditionellen Softwarehaus zum Cloud-Provider“). Danach verfügt gerade mal ein Viertel der befragten Softwarehäuser über ein existierendes Cloud-Business, rund 16 Prozent der Unternehmen haben sich bisher noch gar nicht mit der IT-Wolke auseinandergesetzt.

Die Zurückhaltung ist nachvollziehbar. Denn ein über Jahre gewachsenes Portfolio, das für das klassische Client-Server-Modell entwickelt wurde, in ein Software-as-a-Service (SaaS)-Modell zu transferieren, ist sowohl technisch als auch organisatorisch gesehen ein komplexes Unterfangen. Noch dazu ist eine Cloud-Transformation mit erheblichen Investitionen verbunden. Das verdeutlicht auch die Crisp-Befragung. Danach scheuen 62 Prozent der Unternehmen den hohen Aufwand für den Betrieb einer SaaS- bzw. Cloud-Applikation, knapp 60 Prozent halten die notwendigen Investitionen für die Neuentwicklung für zu hoch.

PaaS liegt im Trend

Um eine bestehende Software-Lösung technisch an die IT-Wolke anzupassen, bieten sich Platform-as-a-Service (PaaS)-Lösungen an. Das sind Entwicklungsumgebungen aus dem Netz, auf denen die Unternehmen ihre Webanwendungen konstruieren können, ohne selbst in teure Plattformen investieren zu müssen. Obwohl solche PaaS-Angebote weltweit hohe Wachstumsraten verzeichnen, werden sie hierzulande gerade mal von 16 Prozent der Befragten genutzt.

Der Grund dafür sind häufig Datenschutzbedenken, denn die meisten PaaS-Umgebungen werden in den Rechenzentren US-amerikanischer Cloud-Anbieter betrieben. Doch auch hier ist der Markt in Bewegung: „Inzwischen werden Technologien wie OpenShift oder das Microsoft Azure Pack auch im hosted Modell von hiesigen Providern angeboten“, erklärt Steve Janata, Crisp-Analyst und Autor der Studie. Einige deutsche Unternehmen wie Pironet NDH, ein Tochterunternehmen der Cancom, stellen zudem auch eigene Entwicklungsplattformen in ihren lokalen Rechenzentren zur Verfügung. „Diese Entwicklung macht PaaS-Angebote zunehmend auch für deutsche Unternehmen interessant“, weiß Janata.

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Über die Studie

Für ihre Studie „Platform-as-a-Service – Zukunft der deutschen Software-Industrie“ haben die Analysten von Crisp Research 83 deutsche Softwarehäuser befragt. Der Fokus der Untersuchung liegt auf dem Mittelstand: Etwa zwei Drittel der teilnehmenden Unternehmen beschäftigen weniger als 50 Mitarbeiter. 46 Prozent der Befragten sind Geschäftsführer oder Vorstände, 44 Prozent sind als Chief Technology Officer (CTO) oder Leiter der Entwicklungs- oder Strategieabteilung tätig.

Die Studie steht auf der Seite Business-Cloud.de im Web kostenfrei (auch in Englisch).zur Verfügung.

Wenn man die Softwareunternehmen nach den zentralen Anforderungen fragt, die ein PaaS-Anbieter erfüllen sollte, stehen für fast 80 Prozent der Softwarehersteller hohe Sicherheitsstandards und einsprechende ISO-Zertifizierungen an erster Stelle, 75 Prozent halten einen deutschen Rechenzentrumsstandort für unabdingbar. Ein flexibles, wachstumsorientiertes Bezahlmodell ist für 60 Prozent der Unternehmen bei der Wahl eines PaaS-Anbieters ausschlaggebend. Rund zwei Drittel der Firmen haben bisher jedoch noch keine abschließende Entscheidung für oder gegen eine bestimmte PaaS-Lösung getroffen. „Der Kampf um die wichtige Zielgruppe der Softwarehersteller hat gerade erst begonnen“, so Janata.

Mieten statt kaufen

Neben den technischen Hürden kommen beim Umstieg auf die IT-Wolke auch zahlreiche betriebswirtschaftliche und organisatorische Änderungen auf die Unternehmen zu. Beispiel Vertrieb: Dieser ist bei einer Cloud-Lösung zwar meistens deutlich einfacher als der einer Lizenzsoftware, da die Dienste aus der Wolke in den meisten Fällen über die Webseite angeboten werden. Dennoch ist auch bei SaaS-Lösungen Beratung gefordert, zum Beispiel bei der Anpassung der Anwendung an Kundenwünsche oder der Schulung der Nutzer.

Auch das Preis- und Abrechnungsmodell unterscheidet sich vom klassischen Lizenzgeschäft: Statt um einen Einmal-Verkauf geht es jetzt um eine laufende, nutzungsabhängige Abrechnung. Ergo unterschreiben die Kunden auch keine klassischen Kaufverträge, sondern eher eine Form von Mietvertrag, in dem sich der Software-Hersteller zu kontinuierlichen Online-Services verpflichtet. Diese Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit verlangt wiederum nach entsprechenden Service Level Agreements, welche unter anderem die kontinuierliche Bereitstellung der Dienste, die zulässige Ausfallrate, die Reaktionszeiten bei Störungen oder die Wiederanlaufzeit der Systeme nach einem Ausfall regeln.

Hilfe beim Umstieg

Der Cloud-Spezialist Pironet NDH bietet daher neuerdings ein so genanntes Go-To-Market Program an, das neben einer deutschen PaaS-Plattform auch Support- und Serviceleistungen beinhaltet. Dazu gehören Hilfen bei der Formulierung von Leistungsdokumentation und Service Level Agreements bis hin zur Anpassung der Abrechnungsmodelle und der Übernahme von Supportdienstleistungen, beispielsweise im Rahmen eines 24/7 Help Desk für Endanwender. Eine Besonderheit ist auch das Preismodell des Cloud-Anbieters: Um die normalerweise hohen Anfangsinvestitionen für Softwarehersteller zu vermeiden, können diese die Entwicklungsumgebung sowie die Plattformen in der Anfangsphase kostenfrei nutzen.

Ob mit oder ohne externe Unterstützung: Dass die Cloud in den nächsten Jahren ein zentraler Wachstumstreiber sein wird, davon sind laut Crisp Research fast zwei Drittel der befragten Softwarehäuser überzeugt. Etwa 28 Prozent sehen in Cloud-basierten Lösungen außerdem eine große Chance, sich Zugang zu neuen Märkten zu verschaffen, sei es geografisch oder innerhalb neuer Kundengruppen. Auch das geplante Neugeschäft der Unternehmen verdeutlicht die Bedeutung der IT-Wolke: Fast jede fünfte Firma plant in den nächsten drei Jahren, über 50 Prozent der Umsätze im Neugeschäft über Cloud-basierte Modelle zu realisieren.

„Die Kunst besteht für die Softwarehäuser jetzt darin, Cloud Computing und die notwendigen Ressourcen sukzessive neben dem bestehenden Angebot aufzubauen, um langfristig eine Co-Existenz von klassischem Softwarelizenzgeschäft sowie der eigenen Cloud-Sparte zu etablieren“, stellt Janata abschließend fest. Wer in den kommenden Jahren zu den Gewinnern gehören möchte, sollte den Schritt in die Cloud daher nicht mehr auf die lange Bank schieben.

Silke Kilz.
Silke Kilz.
(Bild: Enric Mammen)
* Silke Kilz ist Autorin für IT- und TK-Themen in Köln.

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