Strategie für den Umzug in die Cloud Migration Factory – mehr als nur Lift & Shift

Ein Gastbeitrag von Maximilian Morlock und Marcus Peters*

Für viele Unternehmen ist die Cloud mittlerweile fester Bestandteil der aktuellen IT-Strategie. In den vergangenen Jahren wurden mögliche Kostenvorteile berechnet, Risiken bewertet, zwischen einer Single- oder Multi-Provider-Strategie abgewogen und schlussendlich der passende oder die passenden Provider ausgewählt. Jetzt soll die erste Anwendung endlich in die Cloud!

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Nach einem oft zeit- und ressourcenintensiven Entscheidungsprozess für die Cloud, muss auch die Strategie zur Migration der Anwendungen gut durchdacht sein.
Nach einem oft zeit- und ressourcenintensiven Entscheidungsprozess für die Cloud, muss auch die Strategie zur Migration der Anwendungen gut durchdacht sein.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Aber wie ist die technologische Revolution zu starten? Die Cloud ist für viele Organisationen Neuland. Um schnell Ergebnisse liefern zu können, wird häufig auf das noch bekannteste Pferd gesetzt. Im Rahmen einer einfachen Lift-and-Shift-Migration werden dann bestehende Anwendungen durch ein einfaches Rehosting in die Cloud gehoben. Technische Schulden werden übernommen und der fachliche Nutzen wird nicht hinterfragt. Die Anwendungsarchitektur bleibt klassisch.

Dabei ist die Cloud so viel mehr als nur ein weiteres Rechenzentrum, das virtuelle Maschinen beheimatet. Um das volle Potenzial zu nutzen, müssen Lösungen neu gedacht werden. Die vielen Vorteile der unzähligen PaaS- und SaaS-Komponenten bringen nur dann etwas, wenn sie auch zum Einsatz kommen. Wie kann der Weg in die Cloud also besser bestritten werden?

Die Herausforderung: In die Cloud – jetzt und vollständig

Die Systemlandschaft eines Unternehmens ist vielfältig und auch heute schon weit weg von einem einheitlichen und homogenen System. Sie besteht aus unzähligen Eigenentwicklungen und einer bunten Mischung verschiedener Standardsoftware. Dieser „Technologiezoo“ soll nun in kurzer Zeit in die Cloud gehoben werden.

Um ein derartiges Vorhaben erfolgreich durchzuführen, sind zwei entscheidende Faktoren zu berücksichtigen: Erstens ist für jede Anwendung zu entscheiden, ob und in welcher Form sie in die Cloud migriert wird. Hierbei ist insbesondere zu berücksichtigen, ob eine Anwendung für die Organisation noch einen Nutzen stiftet. Und zweitens wird durch die Zielvorgabe, schnell Ergebnisse zu liefern, ein Vorgehen benötigt, dass nahezu beliebig skalieren kann. Das Vorhaben sollte praktisch nur durch die Anzahl an verfügbaren Personen beziehungsweise Finanzmittel begrenzt sein.

Lösungsansatz „Migration Factory“

An dieser Stelle setzt die Migration Factory an. In einem strukturierten, deterministischen Verfahren wird die bestehende IT-Landschaft analysiert, bewertet und in die Cloud überführt.

Eine Migration Factory beschreibt die passende Mischung aus Menschen, Tools und Prozessen mit dem Ziel, eine große Menge an Anwendungen in die Cloud zu bringen. Sie überführt hierbei eine große Menge einzelner Migrationsvorhaben in eine hoch standardisierte Massenfertigung. Hierzu wird ein einheitlicher Weg in die Cloud definiert, der von allen Anwendungen beschritten wird. Die auf diesem Weg zu erstellenden Artefakte sowie die zu treffenden Entscheidungen werden vereinheitlicht.

Typischerweise besteht der Aufbau einer Migration Factory aus sechs Phasen. Im Zuge der Migration durchläuft jede Anwendung jede dieser Phase. Die für die einzelnen Anwendungen durchzuführenden Schritte sind hierbei immer gleich. Diese Vereinheitlichung ermöglicht es innerhalb eines Schrittes beliebig zu skalieren. Der Output einer Phase entspricht einer definierten und erwarteten Form. Haben beispielsweise viele Anwendungen die Phase der Relevanzbetrachtung abgeschlossen, können beliebig viele Teams zur Durchführung der Zielplattformbestimmung eingesetzt werden. Diese Teams beginnen ihre Arbeit mit dem Ergebnis der vorrangegangenen Phase. Da sie wissen in welcher Form und mit welchen Inhalten die letzte Phase abgeschlossen wurde, müssen sie diese nicht zwingend auch selbst durchgeführt haben.

Am Anfang steht die Inventarisierung

Um den Weg in die Cloud zu beginnen, muss eine Organisation den Umgang des anstehenden Vorhabens kennen. Hierzu ist es erforderlich, dass bekannt ist, welche Anwendungen für einen Umzug in die Cloud in Frage kommen. So selbstverständlich wie dieser Satz klingt, so schwierig gestaltet sich die Umsetzung in der Praxis.

Ein vorhandener IT-Bebauungsplan oder ein Enterprise-Architekturtool ist eine gute Grundlage zur Erstellung des Anwendungsinventars. Viel Wissen über die aktuelle Struktur und den Umfang der aktuellen Systemlandschaft steckt in den Köpfen der Betriebsmitarbeiter. Im Rahmen der Inventarisierung muss dies verschriftlicht werden. Das Ziel ist eine vollständige und aktuelle Liste aller zu migrierenden Anwendungen.

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Eigenschaften und Relevanzbetrachtung

Als Basis zur Bestimmung eines Migrationspfades werden die technischen Eigenschaften einer Anwendung ermittelt. Hierbei wird unter anderem bestimmt, auf welchen Servern eine Anwendung aktuell betrieben wird, ob es spezielle Anforderungen an die zugrunde liegende Datenhaltung gibt oder ob eine Anwendung nur aus dem internen Firmennetz oder auch von extern erreichbar ist. Verbindungen zu Drittsystemen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Hier ist davon auszugehen, dass diese auch in der Cloud-Lösung wiederhergestellt werden müssen. Auch spezielle Anforderungen an die Skalierbarkeit oder Verschlüsselung einer Anwendung werden erfasst.

Neben den technischen Eigenschaften wird festgestellt, ob eine Anwendung in ihrer jetzigen Form für die Organisation überhaupt noch relevant ist. Die Geschäftsfelder, in denen sich eine Organisation bewegt, unterliegen einem stetigen Wandel. Nicht selten passt eine Anwendung in Ihrer aktuellen Form nicht mehr zu den Zielen und der Vision eines Unternehmens. Sie stellt keinen Mehrwert dar und hat damit ihre Daseinsberechtigung verloren. Können die technischen Eigenschaften häufig noch allein durch die IT auf Basis der vorhandenen Dokumentation oder durch Analyseskripten ermittelt werden, ist es obligatorisch, die Relevanzbetrachtung einer Anwendung gemeinsam mit den fachlich Verantwortlichen durchzuführen. Bedenkt man die Anforderung einer unbedingten Skalierbarkeit der Fabrik, muss diese Informationsbeschaffung möglichst effizient erfolgen.

Für kleinere Migrationsvorhaben eignet sich das Format eines Kurzmeetings mit dem Fachbereich. Das Meeting hat eine festgelegte, für jede Anwendung wiederholbare Struktur und ein Vorabbriefing aller Beteiligten. In sehr großen Migrationsvorhaben übersteigt die Anzahl benötigter Meetings schnell den leistbaren Rahmen. An dieser Stelle sollte auf eine voll digitale Erfassung aller Informationen über Online-Fragebögen gesetzt werden.

Die Zielplattform definieren

Sind alle Informationen zusammengetragen, gilt es für jede Anwendung eine passende Heimat in der Cloud zu finden. Die sechs Rs der Cloud-Migration sind hierzu eine gute Grundlage. Anwendungen, die in Ihrer jetzigen Form bereits stabil und zukunftsfähig aufgestellt sind, werden nahezu ohne Anpassungen in die Cloud verschoben und dort weiterbetrieben (Rehost). Tauscht man hierbei einige Komponenten wie beispielsweise den einer Anwendung zugrunde liegenden Message Bus oder die Datenbank durch verwaltete Cloud-Komponenten aus (Replatform), kann die Anwendung ebenfalls ohne größere Anpassungen migriert werden. Durch die teilweise Nutzung von PaaS-Komponenten kann hierbei zusätzliches Einsparpotenzial gehoben werden.

Anwendungen, die auch unabhängig vom anstehenden Migrationsvorhaben Modernisierungsbedarf aufweisen, sollten für die Cloud neu entwickelt werden (Refactor). Dieser Modernisierungsbedarf ist immer dann gegeben, wenn eine Anwendung fachliche Anforderungen nicht mehr erfüllt oder auf stark veraltete, nicht mehr supportete Technologie setzt. In der Cloud werden zahlreiche Lösungen vollverwaltet als „Software as a Service“ angeboten. Für viele Anwendungsfälle kann auf eine solche Standardsoftware zurückgegriffen werden (Replace). Ein typisches Beispiel hierfür ist der Austausch der Kollaborationslösungen durch Cloud-Dienste wie Microsoft 365 oder die Google G-Suite.

Anwendungen, die umgehend oder in absehbarer Zeit nicht mehr benötigt werden, werden nicht migriert (Retire). Sie erreichen in ihrer aktuellen Form das Ende des Lifecycles und werden abgeschaltet. Schlussendlich ist nicht für jede Anwendung eine Cloud-Migration sinnvoll. Einige Anwendungen verbleiben deshalb unangetastet in ihrer aktuellen Form (Retain).

Migrieren und Sortieren

Eine Migration Factory ist der optimale Ansatz zur Organisation großer Migrationsvorhaben. Sie standardisiert den Migrationsprozess und ermöglicht so ein hohes Maß an Skalierung innerhalb des Prozesses. Im Laufe der Migration wird jede Anwendung fachlich insbesondere hinsichtlich ihres Mehrwertes für das Unternehmen geprüft. Neben der reinen Migration ergibt sich hieraus die Möglichkeit zum Aufräumen der eigenen Systemlandschaft. Die strukturierte Überführung der Anwendungen in festgelegte Zieltechnologien führt außerdem zu einer Standardisierung der Systemlandschaft in der Cloud. Dies wirkt sich auch langfristig positiv auf die Betriebsstabilität des Gesamtsystems aus.

Maximilan Morlock (li.) und Marcus Peters, Adesso SE.
Maximilan Morlock (li.) und Marcus Peters, Adesso SE.
(Bild: Adesso SE)

* Über die Autoren: Maximilian Morlock (li.) ist Software Engineer bei der Adesso SE und brennt bereits seit seiner frühen Jugend für Themen rund um Programmierung und Webentwicklung. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich digitale Kollaborationslösungen und Wissensmanagement. Seit 2015 fokussiert er seine Arbeit auf die Entwicklung von Cloud-Lösungen. In dieser Zeit hat er eine Vielzahl von Cloud-Migrationen erfolgreich abgeschlossen. Marcus Peters (re.) ist seit rund 30 Jahren in verschiedenen Rollen in der IT-Branche unterwegs. Bei der Adesso SE sorgt er als Senior Business Development Manager dafür, dass Kunden für ihre IT-Strategie passende Lösungen auf der Basis von Microsoft-Technologien bekommen.

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