Verschiebung vom Lizenzvertrieb zum Service-Geschäft Microsoft wandelt sich von der Windows zur Cloud Company

Redakteur: Michael Hase

Microsoft-Chef Satya Nadella setzt die Cloud-Strategie des Unternehmens entschiedener fort als sein Vorgänger. Gerade in Deutschland, wo der Software-Riese im Cloud Business hinterherhinkt, tun sich Reseller schwer mit der Umstellung vom Lizenzvertrieb aufs Service-Geschäft. Doch auch hier halten Partner den Microsoft-Kurs für alternativlos.

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Der neue CEO Satya Nadella richtet Microsoft konsequent auf die Megatrends der IT-Branche aus.
Der neue CEO Satya Nadella richtet Microsoft konsequent auf die Megatrends der IT-Branche aus.
(Bild: Microsoft)

Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um: Microsoft setzt mittlerweile konsequent auf genau die beiden Trends, die das traditionelle Geschäftsmodell des Software-Konzerns am stärksten gefährden: Cloud Computing untergräbt langfristig das Lizenzgeschäft, und bei mobilen Endgeräten, die sich weiterhin explosionsartig verbreiten, wird Windows durch die dominierenden Betriebssysteme Android und iOS in die Nische gedrängt.

Gewiss, Microsoft hat mit der Business Productivity Online Suite (BPOS), aus der später Office 365 hervorging, und der Plattform Azure längst eigene Cloud-Initiativen gestartet. Anfangs näherte sich der IT-Riese dem Bereitstellungsmodell nur zögerlich, um es zuletzt immer enger mit der Marktstrategie zu verzahnen. Ebenso kämpft der Hersteller mit dem Betriebssystem Windows Phone, dem Tablet Surface oder der Übernahme der Gerätesparte von Nokia tapfer um Marktanteile.

Doch erst der neue CEO Satya Nadella, der Steve Ballmer im Februar an der Spitze von Microsoft ablöste, richtet den Konzern mit letzter Konsequenz auf die beiden Megatrends aus. Mit seinem Mantra „Mobile first, Cloud first“ macht der neue Chef unmissverständlich klar, wohin er das Unternehmen steuert.

Öffnung der Cloud-Plattform

Seither ließ Nadella mit einigen Vorstößen aufhorchen: Beispielsweise kündigte er auf der Entwicklerkonferenz Build im April an, Microsoft werde Windows für Geräte mit Displays bis neun Zoll kostenlos bereitstellen, wie das Google mit Android generell tut.

Wie der Manager im Cloud-Geschäft agiert, konnte man bereits an seiner Strategie für Azure erkennen. In seiner vorherigen Funktion als Chef der Cloud and Enterprise Group zeichnete der Informatiker für die Cloud-Plattform verantwortlich, die er erfolgreich im Markt etablierte. So stiegen Microsofts Umsätze mit Infrastruktur- und Plattform-Services im ersten Quartal dieses Jahres laut Synergy Research um 154 Prozent (siehe „Ergänzendes zum Thema“). Ein Erfolgsfaktor Nadellas bestand darin, dass er Azure für fremde Technologien öffnete. So können Kunden inzwischen virtuelle Linux-Maschinen oder Oracle-Datenbanken auf der Plattform nutzen. Ballmer bezeichnete Linux vor einigen Jahren noch als „Krebsgeschwür“.

Office auf Chrome und Ubuntu?

Eine ähnliche Öffnung plant der CEO bei Office 365. Bei seinem ersten Auftritt in der neuen Rolle gab er die Verfügbarkeit von Office auf Apples iPad bekannt, wo sich Word, Excel und Co. in Kombination mit einem Office-365-Abonnement vollständig nutzen lassen.

Das soll aber erst der Anfang sein, wie Nadella ankündigte. Demnach wird Microsoft „Office 365 überall hinbringen“. Soll heißen: „auf alle Smartphones, alle Tablets und alle PCs“. Somit können Nutzer künftig wohl mit Office auf Android, Chrome oder Ubuntu rechnen. Zugleich bedeutet der Vorstoß, dass die Service-Angebote aus Sicht Nadellas inzwischen Vorrang vor Windows besitzen. In der Cloud kann sich Microsoft nicht mehr gegenüber konkurrierenden Plattformen abschotten, wie das im Client-Server-Modell möglich war.

Lesen Sie weiter, wie Microsoft aus Sicht von Partnern im Cloud-Business positioniert ist.

Deutscher Channel hinkt beim Cloud Computing hinterher

Eine Herausforderung für Microsoft besteht nach wie vor darin, den Channel bei der Transformation mitzunehmen. Viele Partner tun sich schwer, den Wechsel vom klassischen Lizenzgeschäft hin zum Vertrieb von Cloud-Services zu bewältigen. Das gilt insbesondere für Deutschland, wo der Anbieter mit dem Cloud Business etwa 15 bis 18 Monate hinter fortgeschritteneren Märkten wie UK oder Skandinavien hinterherhinkt, wie Mittelstands-Chef Floris van Heijst schätzt (siehe Interview auf IT-BUSINESS.de).

Da es für Azure bislang noch kein Channel-Modell gibt (das soll im Sommer kommen), konzentriert sich das indirekte Cloud-Geschäft vor allem auf Office 365. Von den 36.500 Microsoft-Partnern in Deutschland vertreiben bislang rund 2.400 die Services.

Einer dieser Partner ist das Bielefelder Systemhaus Insys, das bereits eine fünfstellige Zahl an Office-365-Seats verkauft hat. „Der Weg in die Cloud ist für Microsoft alternativlos“, betont Insys-Vorstand Thomas Honemeyer, im Gespräch mit IT-BUSINESS. Der Software-Anbieter „musste darauf reagieren, dass sich das Hardware-Ökosystem in den vergangenen Jahren radikal verändert hat“. Nutzer seien zunehmend mobil, wechselten mehrmals am Tag das Device und wollten mit jedem Gerät auf Daten und Applikationen zugreifen. „Plattform-unabhängige Services lassen sich aber nur in der Cloud bereitstellen.“

Prozesse statt Infrastruktur

Für die Wolke liefert Microsoft aus Sicht Honemeyers marktführende Technologien und Services. „Als Partner bin ich froh, dass das Unternehmen diese Strategie so konsequent verfolgt.“ Der Hersteller biete ein Cloud-Portfolio, „mit dem wir als Systemhaus wettbewerbsfähig agieren können“.

Allerdings habe die Cloud das Geschäft deutlich verändert, berichtet der Insys-Chef. Da Dienstleistungen rund um Hardware und On-Premise-Software wegfielen, verlagere sich das Betätigungsfeld von der Infrastruktur zu den Prozessen. „Früher haben wir Sharepoint installiert. Heute bilden wir Geschäftsprozesse auf der Plattform ab.“ Für die Ostwestfalen hat sich die Ausrichtung auf die Cloud bislang jedenfalls gelohnt: „Wir gewinnen Kunden, weil andere Partner noch nicht Cloud-ready sind.“

„Mitunter recht brachial“

Kritischer beurteilt Markus Stinner, Geschäftsführer von Microcat aus Martinsried bei München, den aktuellen Microsoft-Kurs: „Den Strategiewechsel empfinde ich als zu abrupt.“ Dabei gehe der Software-Anbieter mitunter „recht brachial vor“. Der Systemhaus-Chef stört sich daran, dass der Hersteller seine Cloud-Angebote zu einseitig priorisiert. „Microsoft sollte den Kunden entscheiden lassen, welchen Deployment-Weg er einschlagen will, und ihn die ganze Bandbreite der Möglichkeiten nutzen lassen.“ Wer Dienste bereitstellt und wo das Equipment steht – ob bei Microsoft, beim Dienstleister oder im Rechenzentrum des Kunden – ist laut Stinner zweitrangig.

Aber auch er hält den aktuellen Kurs des Software-Riesen für alternativlos. „Microsoft wird durch den Wettbewerb und den Markt in Richtung Cloud getrieben.“ Bei Kunden beobachtet der Microcat-Chef eine zunehmende Offenheit gegenüber dem Thema. „Die Entwicklung kann man nicht mehr umkehren. Daraus ergeben sich für uns als Systemhaus auch Chancen.“ Und die sieht Stinner nicht in der Infrastruktur, sondern auf Ebene der Prozesse: „Heute geht es bei den Kunden darum, wie wir die Produktivität der Mitarbeiter und damit die des Gesamtunternehmens erhöhen.“

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