Der Umstieg auf das neue Apple-Betriebssystem sollte nicht leichtfertig forciert werden Mac OS X Lion, der vielleicht Letzte seiner Art

Autor / Redakteur: Bernhard Schoon / Rainer Graefen

Wie versprochen, hat Apple im August das neue Betriebssystem Mac OS X Lion für den Macintosh auf den Markt gebracht. Für den Anwender gibt‘s vor und nach der Installation aber einige Überraschungen.

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Mission Control und Launchpad sind die markantesten neuen Features in Mac OS X Lion, sie haben sogar eigene Tasten erhalten.
Mission Control und Launchpad sind die markantesten neuen Features in Mac OS X Lion, sie haben sogar eigene Tasten erhalten.
( Archiv: Vogel Business Media )

Zu Mac OS X Lion kommt man auf zwei Wegen: Entweder ist das Betriebssystem auf einem fabrikneuen Macintosh bereits installiert - zu erkennen an der Lion-Tastatur mit den neuen Symbolen für die Features Mission Control und Launch Pad - oder man führt auf einem älteren Mac ein Update durch.

Doch muss man sich spätestens jetzt von alten Gewohnheiten trennen: Noch wird Lion für 23,99 Euro ausschließlich über den Mac App Store vertrieben, eine Installations-DVD von Apple ist nicht erhältlich.

Entsorgungstradition

Nachdem Apple sich zuletzt von Bluray distanzierte, scheint das Unternehmen den optischen Datenträgern jetzt vollends abzuschwören und keine große Zukunft mehr zuzugestehen.

Solche einseitigen „Ressourcenkürzungen“ haben eine gewisse Tradition: Schon 1998 hatte sich das Unternehmen zum Verzicht auf ein Disketten-Laufwerk im allerersten iMac entschlossen. Das sorgte unter konservativen Anwendern anfangs für Bestürzung, da der iMac damit die altbwährte Floppy mit 1,4 Megabyte zum Altpapier degradierte.

Der zeitaufwändige Download von Mac OS X Lion dürfte auch nicht jeden freuen, der seinen Mac eigentlich zum Arbeiten benötigt. Doch Abhilfe ist bereits in Sicht: Etwas komfortabler als ein Download aus dem Mac App Store ist der Kauf eines USB-Sticks mit Mac OS X Lion für 59 Euro.

Den höheren Preis dürften vor allem Anwender mit einem langsamen Internet-Anschluss oder mit Mac OS X 10.5 (Leopard) gerne zahlen, die damit direkt und ohne Snow Leopard auf Lion (Mac OS X 10.7) upgraden können. Wann der Stick auch in Deutschland angeboten wird, ist jedoch noch offen.

Nicht mit allem kompatibel

Ist Lion erst einmal installiert, lässt sich das Betriebssystem auf dem neuen MacBook Air und dem Mac mini über eine Internet-Verbindung wiederherstellen. Ein MacBook Pro oder den iMac mit Lion muss man im Fehlerfall wohl bei einem Fachhändler abliefern, denn diese Hardware ist noch nicht für eine Online-Wiederherstellung vorbereitet.

Vorsichthalber sollte man als Besitzer dieser Produkte die Installations-Datei nach dem Download auf eine DVD oder USB-Stick speichern. Die Benutzung erlaubt Apple im Lizenzabkommen aber nur für den eigenen Rechner.

In der Historie des Macintosh kam es nur beim Wechsel des Prozessors, anfangs von Motorola, danach PowerPC und jetzt Intel, zu gravierenden Umstellungen. Mit Lion müssen sich aber auch Inhaber jüngerer Macs darauf einstellen, dass Lion nicht auf ihrem Rechner läuft oder dass alte Software mit Lion nicht mehr funktioniert.

So lässt sich Lion nur auf einem Mac mit einem Prozessor ab dem Intel Core 2 Duo auf Lion updaten, der bis 2007 verwendete Intel Core Duo reicht also für ein Download der Installations-Software nicht mehr aus.

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Rosetta kommt ins Software-Museum

Anwender mit Mac OS X 10.5 (Leopard) müssen ihren Rechner zuerst auf Mac OS X 10.6 (Snow Leopard) updaten, erst danach ist der Aufstieg auf Lion möglich. Wer Mac OS X 10.6 bereits besitzt, sollte es kostenlos auf die 10.6.8 aktualisieren, da diese letzte Version des Snow Leopard bereits serienmäßig über einen Zugriff auf den Mac App Store besitzt, der für den Downloas unerlässlich ist.

Dieser Zwischenschritt allein wäre ja noch zu verkraften, dumm gelaufen, heißt es aber für einige andere: Mac OS X-Programme mit reinem PowerPC-Code eignen sich nicht mehr für Lion.

Der Grund: Ältere Macs mit Intel-Prozessor besaßen noch den Code-Übersetzer Rosetta, mit dem auch PowerPC-Software lief. In Mac OS X Lion ist Rosetta jedoch nicht mehr vorhanden.

Für die Anwendungsprogrammen aus den großen Software-Schmieden braucht man sich wohl keine Sorgen machen, da sie mit Sicherheit schnell die Lion-Versionen ihrer Programme nachlegen werden.

Betroffen sind eher Nischen-Programme oder betriebseigene Applikationen und Datenbanken sowie Wissens- und Lern-Software, deren Inhalte nicht ständig aktualisiert werden müssen. Schulen und Unternehmen sollten daher den Umstieg auf Lion erst später vornehmen, sobald sie absolut sicher sind, dass die ältere Software auch wirklich läuft.

PowerPC-Programme identifizieren

Die PowerPC-Programme erkennt man im Apfel-Menü „Über diesen Mac“ und „Weitere Informationen“ über die Software. In der Programmliste lassen sich die PowerPC-, Universal- und Intel-Programme ausweisen.

Wer noch ein wichtiges PowerPC-Programm besitzt, sollte mit der Umstellung auf Lion warten, bis eine zu Lion kompatible Version erhältlich ist, andernfalls müsste die Software zusammen mit Mac OS X 10.6 ausgemustert werden.

Auch manche Universal- oder Intel-Software für den Macintosh könnte Schwierigkeiten auf dem Mac OS X Lion machen. Der Grund: Lion verhält sich zu neueren Programmen mit Universal- oder Intel-Code nicht so verträglich wie die älteren Mac OS-Versionen.

Also aufgepasst. Die Systemvoraussetzungen neuer Anwendungs-Programme sollten ausdrücklich auf die Kompatibilität mit Mac OS X Lion hinweisen. Setzt ein Programm nur Mac OS X 10.5 oder höher voraus, muss es zu Lion nicht unbedingt kompatibel sein, sondern lediglich zu Mac OS X 10.6.

Kurz: Wer bei einem wichtigen Programm nicht sicher ist, ob es auch mit Lion arbeitet, sollte so lange bei einer älteren Version von Mac OS X bleiben, bis das Programm auch ganz sicher unter Lion läuft.

weiter mit:RAID-Support schwächelt

RAID und andere Einschränkungen

Mit jedem neuen Betriebssystem muss sich Apple einer gnadenlosen Anwenderschaft stellen. Bei Lion vermissen kritische User bereits wichtige Leistungsmerkmale, die Apple schnell nachbessern sollte.

So ist es noch nicht möglich, OS X Lion auf einem RAID-Array zu installieren. Nach dem stundenlangen Herunterladen des Betriebssystems und während der Installation von Mac OS X Lion auf einem RAID-System erwartet den Anwender zum Schluss die Schreckensmeldung, dass Filevault und die Recovery-Partition auf einem RAID-Verbund nicht lauffähig sind.

Mit der Meldung muss auch der Anwender rechnen, der die Startpartition mit dem Boot Camp Assistant manuell modifizierte, also sobald die Festplatte eine andere als die serienmäßige Partition für Boot Camp aufweist. Humaner ist da schon der folgende Mangel.

Wer damit leben kann, dass die Wiederherstellungs-Partition und die Hilfsprogramme einer Installations-DVD, darunter Tools zur Wiederherstellung von Daten, zur Übernahme von Backups aus Time Machine oder zur erneuten Installation von Mac OS X Lion über das Internet nicht verfügbar sind, klickt nach der Fehlermeldung einfach auf “Fortsetzen“.

Um trotzdem alle Features von OS X Lion zu erhalten, sollte der Anwender ein vollständiges Backup der Festplatte anlegen, das auch die Boot Camp Partition enthält. Nach der Installation von Mac OS X 10.6 ist die Installations-Software für OS X Lion erneut aus dem Mac App Store herunterzuladen und zu installieren.

Abschied vom Raubkatzen-Alias?

Lion, der Löwe als König der Tiere, könnte die letzte Version des Mac OS X sein, das im Jahr 2000 erstmals freigegeben wurde. Als weitere Varianten hätte Apple noch die Raubtiere „Lynx“ (Luchs) und „Cougar“ (Berglöwe) vorrätig gehabt, die Markennamen waren sogar schon vorsorglich geschützt.

Die nächste Version des Betriebssystems für den Mac trägt wahrscheinlich keinen Tiernamen mehr und wird eng an das iOS für das iPhone und iPad angelehnt. Vorsichtige Prognose der Branchenkenner: „Mac iOS“ für den Macintosh, erhältlich ab Frühjahr 2013. Einfach abwarten.

Warten müssen die Highend-Anwender auch schon überlange auf ein neues Modell des Mac Pro. Das könnte an der unzureichenden Marktreife neuer und noch performanterer Prozessoren liegen.

Immerhin besitzen die aktuellen MacBook Pro, iMac, MacBook Air und Mac mini die Sandy-Bridge-Chips von Intel und eine Thunderbolt-Schnittstelle, um die es am Markt jedoch recht ruhig geworden ist.

Vielleicht wartet Apple nur noch auf die neuen Xeon-Prozessoren mit der Sandy-Bridge-Architektur, die Intel gegen Ende des Jahres auf den Markt bringen müsste. Dann hätte ein neuer Mac Pro auch die ultimativen Highend-Prozessoren.

Vielleicht löst sich Apple ja doch nicht von seiner professionellen Anwenderschaft, die das Unternehmen in seiner schwersten Zeit immer am Leben gehalten hat.

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