Politik und Finanziers sind in der Pflicht Kein Geld? Keine Digitale Transformation!

Autor / Redakteur: Götz Piwinger* / Elke Witmer-Goßner

Politik und Banken bremsen den deutschen Mittelstand bei der Digitalisierung aus, anstatt die Chance für einen historischen Binnenmarktschub zu nutzen. Der Begriff „historisch“ klingt zwar dramatisch. Doch weil sich die Situation gleich von zwei Seiten so darstellt, sei er mir verziehen. Da wäre zunächst das Bedürfnis des Mittelstandes an Beratung.

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Ohne Moos, nix los – das gilt insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen, die gerne auch von IT-Innovationen und -Trends profitieren möchten, stattdessen von Politik und Banken aber ausgebremst werden.
Ohne Moos, nix los – das gilt insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen, die gerne auch von IT-Innovationen und -Trends profitieren möchten, stattdessen von Politik und Banken aber ausgebremst werden.
(Bild: Alswart, Fotolia)

Nur selten kamen die Impulse für neue Geschäftsideen oder Produkte in mittelständischen Unternehmen von externen Beratern. Bisher sind diese Wachstumsimpulse durch eigene Marktbeobachtungen und Erfindergeist entstanden. Die Einführung der neuen Marktideen erfolgte in selbst bestimmter Geschwindigkeit, deren Finanzierung in selbst bestimmtem Tempo. Bei der „Digitalisierung“ ist das nun anders: Die Presse skandiert vom Rückstand deutscher Unternehmen bei Cloud-Nutzung und Digitalisierung. Fürsorgliche Verbände und Kammern warnen ihre Mitglieder vor dem Niedergang aufgrund einer „Cloud-Verweigerung“. Die Diskussion ist bei den Unternehmerstammtischen angekommen. Und die Firmen würden den Schritt auch gerne gehen – wenn die Sache nicht so verflixt kompliziert und vermutlich auch teuer wäre.

Experten-Wahn voraus

Was bedeutet aber „Digitale Transformation“ in betriebswirtschaftlicher Hinsicht? Auf der CeBIT 2015 überschlugen sich die Vorträge, beispielsweise in Mittelstands-Halle 4 mit 61 Sprechern zum Thema „Digitalisierung von A-Z“. Da war von Zauberformeln, Unternehmenserfolg, zentralen Rechtsfragen, Industrie 4.0, Prozessoptimierung und Potenzialausschöpfung die Rede. Aber kein einziger Vortrag beschäftigte sich mit betriebswirtschaftlichen Fragen – eine schändliche Unterlassung für eine künftige Business-Messe. Kann es vielleicht daran liegen, dass die Wahrheit schmerzhaft ist? Jeder Provider wirbt für seinen Service. Doch in der Summe wird eine Firma nicht nur Kunde für Software-as-a-Service (SaaS) sein, sondern auch SaaS-Anbieter werden. Beide Enden am Wurstring der Digitalisierung bringen betriebswirtschaftliche Veränderungen mit sich.

Der Bezug von SaaS bedeutet die Umstellung von Geschäftsprozessen, Weiterbildungsmaßnahmen für die Beschäftigten, Liquidität gegen AfA (Absetzung für Abnutzungen) und Rückstellung, Rollenveränderung in IT und Management, Berücksichtigung rechtlicher Belange und Compliance, kurzum, der Umstrukturierung des Unternehmens in nahezu jeder Hinsicht. Der Lohn für diesen Kraftakt: Wirtschaftliche Stabilität in der Zukunft, weniger Abhängigkeit von Fachkräften, prozessuale Skalierbarkeit, Attraktivität und Wert des Unternehmens etc. Diese schlaglichtartige Kurzbetrachtung lässt bereits erahnen, dass die Transformation auf der „Input-Seite“ ein großes Projekt ist. Und zwar völlig unabhängig von akademisch-philosophischen Diskussionen ob „Top-Down“ oder „Bottom-Up“, zunächst ist das ganze Vorhaben betriebswirtschaftlich zu betrachten (get a budget).

Transformation gibt's nicht geschenkt

Der Wandel zur Abgabe von SaaS-Leistungen (Service statt Produkt) ist ebenfalls eine betriebswirtschaftliche Herausforderung, denn der einmalige Verkaufserlös – eventuell mit kleinem Servicevertrag – wird zur bedarfsbezogenen Miete. Die Vorteile für die Transformation zum SaaS Anbieter liegen ebenfalls auf der Hand: Skalierbare Lieferleistung, leichte Erweiterung des Portfolios, Automatisierung der Vertriebsprozesse, Erschließung neuer Kundengruppen, um nur einige zu nennen. Neben diesem buchhalterischen Aspekt steht auch eine Investition im Raum, um die zeitweise nach unten schwenkende Umsatzkurve während der Transformation finanziell abzustützen. Der technisch-organisatorische Teil der Transformation ist also nur eine Seite der Medaille, die Umstellung zum SaaS-Anwender und SaaS-Provider bedeuten in jedem Fall erhöhen Investitionsbedarf.

Bei KMU hängt die Entscheidung pro oder contra „Digitalisierung jetzt!“ vom Alter des Unternehmers und vom individuellen Schmerzempfinden der Firma und ganz entscheidend von der finanziellen Situation des Unternehmen ab. Befindet sich ein kleines oder mittelständisches Unternehmen nun in der glücklichen Lage, einen entscheidungsfreudigen Unternehmer, leicht servicekonvertierbare Produkte und über ausreichend Rücklagen zu verfügen, steht dem Vorhaben nichts im Wege. Sobald nur eines der drei Merkmale fehlt, wird das Vorhaben klemmen und mit fortschreitender Zeit zur Qual, weil inzwischen Start-Ups und Wettbewerber durchgezogen haben.

Es muss bald einen Weg geben, um auch dem Rückgrat der deutschen Wirtschaft – den KMU – Werkzeuge und Mittel zur Umsetzung der Digitalisierung an die Hand zu geben. Zur Definition der notwendigen Maßnahmen haben wir in Deutschland genügend praxiserprobte Fachkräfte aus dem Bereich „digitale Strategie“ zur Verfügung.

Schöne, leere Worte

Vom „digitalen Wirtschaftswunder“ ist die Rede. Wenn die Steuereinnahmen derzeit in Deutschland sprudeln, liegt dies nicht nur an der guten Wirtschaftslage, sondern auch an der repressiven Steuerpolitik (erst kassieren, dann fragen). Politiker aller Couleur träumen vom digitalen Aufstieg Deutschlands mit vollem Datenschutz und Datensicherheit, Homeoffice, der weiteren Eroberung weltweiter Märkte. Der Haken daran ist: Es fehlen die politischen Rahmenbedingungen. Und zwar komplett! Nachdem es bis heute noch nicht einmal Standards und Rahmenbedingungen für die Nutzung von Cloud Computing im Mittelstand gibt, kann von Unterstützung bei der Digitalisierung keine Rede sein. Keine Rahmenbedingungen, keine Fördergelder, keine erleichterten Kredite, keine praktische Beratung! Dagegen nur bunte Broschüren, Ratgeber und die Beauftragung der klassischen Förderpartner, wie Industrie- und Handelskammern, Handwerkskammern und hochschulnahe Institute. Aber die können leider kaum helfen.

Kreditmarkt klemmt

Es ist geradezu grotesk: Banken können sich unbegrenzt Mittel von der Europäischen Zentralbank (EZB) zu Spott-Konditionen leihen. Das Geld wird benutzt, um als institutioneller Anleger an den Börsen zu spekulieren oder um Staatsanleihen zu kaufen, die von der EZB garantiert zurückgekauft werden. Nur an einer Stelle landet das Geld nicht: Bei Klein- und mittelständischen Unternehmen und damit auch bei den Bürgern. Worin liegt dieser Missstand begründet?

Nach der „Neuen-Markt-Krise“ und der „Immobilienblase“ wurde Banken unterstellt, sie würden mit zu geringer Eigenkapitaldecke und für viel zu geringe Sicherheiten Geld verleihen. Daraus resultiert das sogenannte „Basel II/III-Abkommen“. Das führte neben der Erhöhungspflicht der Eigenkapitalquote unter anderem dazu, dass kredit-anfragende Unternehmen äußerst umfassende Sicherheiten und Berichte liefern müssen. Die persönliche Haftung eines GmbH-Geschäftsführers ist heute schon nahezu selbstverständlich. Die Bank hat es auf seine Immobilien und seine Lebensversicherungen als Sicherheit abgesehen. Durch diese strengen Vergabekriterien, hängen tausende Investitionswünsche der europäischen Wirtschaft hinterher. Die Forderung nach dem „digitalen Wirtschaftswunder“ ist aus wirtschaftlich-politischer Sicht also ein Oxymoron, eine sich selbst widersprechende Formulierung. Denn wenn die Banken auf der einen Seite unbegrenzt Geld zu Billigstzinsen von der EZB erhalten, können sie es doch nicht an die Unternehmen weitergeben.

Gelder fließen zu langsam

Immer wieder werden die gleichen Akteure mit der Lösung des Problems beauftragt: EU-Fördermittel fließen an den Bund, der Bund beauftragt ein ihm nahestehendes Unternehmen zur Verteilung, Länder beantragen beim Bund und Kommunen, Verbände, Vereine und hochschulnahe Institute schließlich beantragen beim Land oder werden beauftragt. Um ein Negativbeispiel aus der Vergangenheit dieses System zu benennen: In Deutschland wurden bei weitem nicht alle EU-Fördermittel für den Breitbandausbau abgerufen. Anstatt die Mittel direkt von der EU an die Kommunen zweckgebunden zu verteilen, wurden die Kriterien nach politischem Gehorsam der Kommune und bemerkenswert dümmlichen Förderkriterien nach langwieriger Antragstellung durch alle Institutionen an die Kommunen weitergeleitet. Die Auswirkungen sieht man beispielsweis in der schönen Eifel: Die junge Generation zieht weg und Unternehmen siedeln um, weil einfach keine befriedigende Bandbreite verfügbar ist.

Es muss möglich sein, einfache Direktkredite in angemessener Höhe und ohne irrwitzige Absicherung von den Banken an die Unternehmen vergeben zu können. Die Voraussetzungen und ein Abrufplan lassen sich dazu definieren. Beratungsleistungen zur Digitalen Transformation als Wirtschaftsförderungsmaßnahme und die Kammern als Branchenlöser mit einbeziehen. Dieses Paket würde wirklich ein historisches Wirtschaftswunder auslösen.

Götz Piwinger, German Cloud.
Götz Piwinger, German Cloud.
(Bild: German Cloud)
* Der Autor Götz Piwinger ist Unternehmer, Publizist und Gründer der Initiative German Cloud. Er setzt sich für die mittelstandsfreundliche, digitale Transformation im Mittelstand unter der Maßgaben von Datenschutz und Datensicherheit ein.

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