Interview mit Matthias Zacher von IDC Kann die Cloud technische Schulden begleichen?

Von Dr. Dietmar Müller und Dr. Dietmar Müller

Bis 2025 werden laut IDC 75 Prozent der CIOs und CFOs gezwungen sein, formelle Verfahren für das Management technischer Schulden einzuführen. Die Frage lautet, welche Verfahren sich hier anbieten. Kann Cloud Computing helfen, und wenn ja: Wie? Matthias Zacher, Senior Consulting Manager IDC, DACH Region, gibt Antworten.

Anbieter zum Thema

Bis 2025 werden laut IDC 75 Prozent der CIOs und CFOs gezwungen sein, formelle Verfahren für das Management von technischen Schulden einzuführen.
Bis 2025 werden laut IDC 75 Prozent der CIOs und CFOs gezwungen sein, formelle Verfahren für das Management von technischen Schulden einzuführen.
(Bild: gemeinfrei, AlexBarcley / Pixabay)

Das Thema der technischen Schulden ist ein großes für die IT-Entscheider weltweit. IDC-Experte Matthias Zacher bezeichnet Projektverzögerungen oder -ausfälle, die durch eine schlechte technische Umsetzung verursacht werden, als eine der aktuell und zukünftig größten Herausforderung für Unternehmen. Dabei beschränkt er den Begriff der technischen Schulden nicht allein auf Softwareprojekte: „Aus unserer Sicht greift das zu kurz. Für IDC umfassen technischen Schulden die Bereiche Software, IT- beziehungsweise eine bestimmte Lösung, IT-Struktur und die Unternehmens-IT insgesamt.“

Bis 2025 werden seiner Meinung nach 75 Prozent der CIOs und CFOs gezwungen sein, formelle Verfahren für das Management dieser technischen Schulden zu forcieren oder einzuführen. Es seien größere Anstrengungen als bisher nötig, um „Projekte ‚in Time‘ und ‚in Budget‘ umsetzen zu können“. Generell gelte es in den nächsten Monaten, „digitale Infrastrukturen einschließlich Cloud Computing in den Griff zu bekommen, das IT-Geschäftsmodell weiterzuentwickeln sowie die Nutzung von Daten und die Datensicherheit zu optimieren“.

Corona sorgte für besonders viele technische Schulden

Dem entgegen stehen aber bekanntlich Probleme wie der Expertenmangel, nicht geplante Kosten, die berühmte „heiße Nadel“ oder im Gegensatz dazu ein „Overengineering“. „Technische Schulden können unterschiedliche Ursachen haben“, so Zacher. „Sie können unbeabsichtigt entstehen, in Kauf genommen werden, um beispielsweise eine Deadline zu halten oder sich aus einem Modernisierungsrückstau ergeben.“ Erschwerend kämen die Bedingungen rund um den Corona-Virus hinzu. Zacher rechnet damit, dass 70 Prozent der CIOs bis 2023 mit technischen Schulden, die während der Pandemie angehäuft wurden, beschäftigt sein werden.

Matthias Zacher, Senior Consulting Manager IDC, DACH Region
Matthias Zacher, Senior Consulting Manager IDC, DACH Region
(Bild: IDC)

Warum aber sind während der Pandemie besonders viel technische Schulden entstanden? „Das Entstehen der technischen Schulden überrascht nicht und ist aus folgenden Gründen nachvollziehbar“, so der bekannte Experte. „Der Ausbruch der Corona-Pandemie forderte von vielen Entscheidern rasches und entschlossenes Handeln. Je nach Modernisierungsgrad der IT und der Qualität der Prozesse in den IT-Abteilungen und Fachabteilungen galt es, den betrieblichen Alltag aufrecht zu erhalten."

Viele IT-Abteilungen hätten so manche Überstunde geschoben, um den Kollegen aus den Büros den Umzug ins Home-Office zu ermöglichen, private Laptops in die Firmennetze einzuhängen, den klassischen IT-Betrieb aufrecht zu erhalten, wichtige begonnene Projekte fortzuführen und alle Projekte erst mal auf den Prüfstand zu stellen und neu zu priorisieren. Entsprechend sei „einiges liegengeblieben und einiges mit der heißen Nadel gestrickt worden, um Abgabetermine zu halten und Luft für andere Projekte zu haben“.

Rasches Handeln ist dringend angeraten

Nun komme es vor allem darauf an, die technischen Schulden zu managen. „Lassen Sie mich es klar sagen: Technische Schulden dürfen nicht weitergeschoben werden. Schulden aller Art müssen irgendwann beglichen werden. Alles gehört auf den Tisch“, beschwört Zacher die deutschen IT-Verantwortlichen.

Dafür gelte es, beherzt umfangreiche Maßnahmen zu ergreifen: „Transparenz ist der erste wichtige Schritt zum Abbau der technischen Schulden. Der zweite besteht eventuell darin, alte Zöpfe abzuschneiden. IT, die Projekt-Owner und die Unternehmensführung müssen gemeinsam bewerten und priorisieren, wie es weitergeht. Risikominimierung im Sinne unternehmerischen Risikos und Optimierung der IT-Prozesse sind die Aspekte, um die es geht. Dort wo es sinnvoll ist, sollte man sich nicht vor Innovationen drücken.“

Ja, Unternehmen müssten die IT-Aufgaben mit Blick auf Innovation priorisieren. Leider bleibe es mitunter aber nicht aus, „dass Unternehmen die Ursachen von technischen Schulden wie schlechter Code, Architektur- und Integrationsmängel oder mangelnde Skalierbarkeit zu spät erkennen.“

Cloud-native Umgebungen bieten Offenheit, Automatisierung und Orchestrierung

Cloud-Provider und Anbieter von Managed Services aller Art stellen naturgemäß in Aussicht, dass technischer Schulden durch den Einsatz einer Cloud-basierten Architektur – allen voran Software as a Service (SaaS) - abgebaut werden könnten. Das bestätigt Zacher: „Eine Cloud-basierte Architektur kann hier sicher helfen, aber sie ist kein Selbstläufer.“

IT bilde immer Geschäftsprozesse und Geschäftsfunktionen ab, verarbeitet Daten, benötige Rechenpower, befinde sich permanent im Wandel und müsse gewartet und gepflegt werden. „Diese Bandbreite gibt genügend Spielraum für technische Schulden“, so der Analyst. „Wenn wir Kriterien einer Cloud-nativen Umgebung wie Offenheit, Automatisierung und Orchestrierung heranziehen, dann besteht das Potenzial technische Schulden zu verringern. Eine Garantie ist das nicht. Und Software as a Service ist meistens lediglich ein Baustein einer Cloud-nativen Umgebung.“

Jetzt Newsletter abonnieren

Täglich die wichtigsten Infos zu Cloud Computing

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung.

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Saas sei zudem eine ambivalente Angelegenheit, gibt der Experte zu bedenken: „SaaS als schlüsselfertige Lösungen mit einer fest umrissenen Funktionalität, z. B. CRM, funktionieren in der Regel sehr gut. Apps auf mobilen Endgeräten sind ein weiteres Beispiel. Völlig anders sieht es in komplexen Cloud-Umgebungen mit einem signifikanten Integrations- und Individualisierungsgrad aus.“ Es gebe eben meist zwei Seiten einer Medaille.

Fazit und Ausblick

Zusammenfassend stellt Zacher fest: „Die Cloud ist nicht die Zauberformel für jedes IT-Problem.“ Andererseits vertritt er klar die Position, dass die Cloud das Kernelement moderner IT-Architekturen und Bereitstellungsmodelle bilden müsse. Insofern sei eine Cloud-Strategie eine wichtige Komponente zur Vermeidung technischer Schulden. „Transparenz, realistische Ziele und erprobte Vorgehensweisen sind aber mindestens genauso wichtig.“

Entscheider, die sich vor eine unlösbare Aufgabe gestellt sehen, können sich trösten, denn sie sind damit nicht allein. Zu Zachers Prognosen gehört es nämlich auch, dass er 40 Prozent der CIOs bis 2024 daran scheitern sieht, „die Fähigkeit der IT zur Bereitstellung moderner digitaler Infrastrukturen, zur Unterstützung von Technologie-basierter Governance des Ökosystems und zur Erzielung besserer Geschäftsergebnisse auf Basis technologischer Architekturen zu verbessern.“

Matthias Zacher trat IDC Central Europe im April 2011 als Senior Consultant bei. Er ist verantwortlich für die Untersuchung von Trends und Branchenentwicklungen im Bereich der Unternehmensanwendungen und IT-Dienstleistungen in Deutschland und der Schweiz und koordiniert und führt Beratungsprojekte durch. Davor war Zacher Senior Advisor bei der Experton Group und Berater bei Meta Group Deutschland für lokale Software- und Dienstleistungsanbieter. Er verfügt über einen Abschluss in Informationswissenschaften und Geschichte der Humboldt-Universität zu Berlin.

(ID:48099064)