Warum sind westliche Internetfirmen in China gescheitert? – Teil 2

In China weht Gegenwind in Orkanstärke

| Autor: Elke Witmer-Goßner

Vorurteile lassen sich widerlegen

Gemeinhin werden die staatliche Kontrolle und Zensur sowie der Mangel an angemessenem IP-Schutz in China als Hauptgründe für das Scheitern von WIFs genannt. Diese Ansicht teilten die befragten Ex-Manager allerdings nicht. Ehemalige Führungskräfte von Yahoo und Google bewerteten diese Faktoren eher als sekundär und führten ihre Misserfolge in China stattdessen auf die schon genannten anderen wichtigen Gründe zurück. Dennoch ist das Management des regulatorischen Umfelds und der Regierungsbeziehungen für WIFs von strategischer Bedeutung. Alle Firmen, ob im In- oder Ausland, müssen sich an die lokalen Gesetze und Vorschriften halten, dies gilt besonders für Internet-Dienste. In China werden einige Internetdienste als ideologisch sensibel angesehen und die Gesetze und Vorschriften, die ihre Nutzung regeln, sind oft strenger – oder einfach anders – als im Westen. Wenn ein WIF sich weigert, mit den zuständigen Behörden zusammenzuarbeiten oder sich an lokale Gesetze und Vorschriften zu halten, könnten seine Dienste blockiert oder verboten werden. Selbst ein vorübergehender Dienstausfall könnte den Wettbewerbern auf dem hart umkämpften chinesischen Internetmarkt erhebliche Vorteile verschaffen, da einige Nutzer möglicherweise nie wiederkommen.

Interessanterweise hat Prof. Lis Untersuchung also ergeben, dass staatliche Zensur und Kontrolle nicht als Hauptgründe für das Scheitern von WIFs in China angesehen werden können. Ideologisch gesehen stimmen einige WIFs möglicherweise nicht mit der Art und Weise überein, wie das Internet in China regiert oder überwacht wird. Die Einhaltung der lokalen Gesetze und Vorschriften sei jedoch Voraussetzung dafür, dass ein Unternehmen in jedem Land tätig sein könne, betont Li. Der Versuch, China durch eine direkte Konfrontation mit der chinesischen Regierung durch einen oder eine Gruppe von WIFs – wie groß oder mächtig sie auch sein mögen – zu verändern, sei äußerst riskant. Zumindest bis jetzt hätten WIFs keine andere Wahl, als sich auf China einzustellen – oder sich eben vom chinesischen Markt fernzuhalten. Tatsächlich gibt es Gerüchte, dass Google einen neuen Anlauf unternehmen will, um noch einmal Geschäft in China zu generieren. Über Partnerschaften – Wirtschaftsexperten sprechen vom chinesischen Internetkonzern Tencent – will Google angeblich vor allem sein Cloud-Business im das Reich der Mitte ankurbeln. Und unter dem Codenamen „Dragonfly“ soll Google bereits auch an einer neuen Suchmaschine speziell für China arbeiten, die die strengen Zensurvorschriften erfüllt. Google-Chef Sundar Pichai teilt die ethischen Bedenken seiner Vorgänger also anscheinend nicht.

Ergänzendes zum Thema
 
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China expandiert erfolgreicher

Die Gründe für das systematische Scheitern von WIFs in China sind äußerst komplex. WIFs waren im Gegensatz zu anderen Branchen, wo westliche Unternehmen mehr Vorteile in Bezug auf Technologien, Produkte und Dienstleistungen, Strategie und Organisation ausspielen konnten, mehr im Nachteil. Ähnliche Muster konnten aber bei Cloud Services, Mobilfunk, Fintech und einigen nicht-digitalen Sektoren (z.B. Solarenergie, Elektroautos und Hochgeschwindigkeitszüge) beobachtet werden. Zudem hat sich ein neues Konkurrenzfeld zwischen chinesischen und weltlichen Unternehmen inzwischen auch in den Bereichen Künstliche Intelligenz (KI) und maschinelles Lernen (ML), fahrerlose Autos sowie einigen Branchen, in denen westliche Unternehmen traditionell große technologische Vorreiter sind, gebildet.

Mit der Zeit sind die chinesischen Internetfirmen selbst sehr gewachsen und verfolgen selbstbewusst eigene Globalisierungsstrategien. Sie agieren aktiv in anderen Märkten – von Indien, Südostasien, Afrika bis hin zu den USA und Europa, so dass sich die Konflikte zwischen CIFs und WIFs sowohl in China als auch international verschärfen dürften. Historisch gesehen werden chinesische Unternehmen eher als schnelle Anwender von Innovationen wahrgenommen, die anderswo entwickelt wurden, denn als bahnbrechende Erfinder selbst. Aber die Situation kann sich schnell ändern. Schon heute bewegen sich mehr Waren über Alibabas Plattformen als über Amazon und Tencents WeChat ist Facebook, FaceTime, WhatsApp, PayPal und LinkedIn in einem. Und China hat einen massiven Vorsprung vor den USA und Europa beim mobilen Bezahlen.

Viele chinesische Firmen treten heute mit großem Selbstvertrauen und Erfolg auf der Weltbühne auf, so dass sie sich auch Experimente leisten können. Seine vielen unterschiedlichen Kulturen und Traditionen erlauben es China zudem, eigene Managementtheorien und -praktiken aufzubauen. Erst kürzlich kündigten die Onlinehändler JD.com und Alibaba an, sich verstärkt in Europa engagieren zu wollen. Dabei haben sie vor allem den deutschen Markt im Visier. Noch in diesem Jahr will JD.com eine Niederlassung in Deutschland gründen. Auch Akquisitionen schließt CEO Richard Liu nicht aus. Und auch Alibaba sieht in Deutschland große Chancen. Der Europa-Hub in Belgien stößt bereits an seine Grenzen. Und da heute schon mehr als 50.000 Pakete allein nach Deutschland ausgeliefert werden, könnten Pläne für ein Logistik-Drehkreuz am Hamburger Hafen bald konkret werden.

Prof. Li hält es für notwendig und wichtig, diese und andere noch aufkommenden Phänomene in China weiter zu untersuchen, um Lehren für die Zukunft zu ziehen und Globalisierungsstrategien in sich rasch wandelnden Industrien zu beleuchten. Dies auch in Hinblick darauf, neue allgemeine Managementtheorien für das digitale Zeitalter formulieren zu können.

Prof. Feng Li, Cass Business School, University of London.
Prof. Feng Li, Cass Business School, University of London. (Bild: Prof. Feng Li)

Professor Feng Li, Autor der Studie „Why Have All Western Internet Firms (WIFs) Failed In China? A Phenomenon-Based Study“, lehrt Informationsmanagement an der Cass Business School an der University of London. In seiner Forschungsarbeit untersucht er, wie digitale Technologien strategische Innovationen und organisatorische Veränderungen in der digitalen Wirtschaft ermöglichen. Er berät Führungskräfte und politische Entscheidungsträger beim Übergang zu neuen Technologien, Geschäftsmodellen und Organisationsformen. Seine Forschung wurde bisher mit über 40 Millionen Pfund (60 Millionen US-Dollar) externer Forschungsmittel unterstützt. Prof. Li ist zudem Fellow der British Academy of Management.

China – Das Land der begrenzten Möglichkeiten

Warum sind westliche Internetfirmen in China gescheitert? – Teil 1

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14.08.18 - Google, eBay, Amazon und Uber haben eines gemeinsam: Sie wollten ihren Erfolg auch auf dem chinesischen Markt fortführen – und sind gescheitert. Die Gründe, warum sie im Reich der Mitte nie richtig Fuß fassen konnten, hat Prof. Feng Li von der Cass Business School der Universität London in einer umfassenden Studie erforscht. lesen

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