Deutsche Oracle-Anwender mucken auf - Hersteller bezieht Stellung Gravierende Probleme beim Virtualisierungs-Tool Oracle VM 3

Redakteur: Ulrike Ostler

Anfänglich waren es über 40 Service-Requests zu „Oracle VM 3“ und nur ein Kunde, der diese beim Hersteller eingereicht hat. Jetzt ist die Liste erheblich kürzer. Doch alle Probleme konnte Oracle bisher nicht aus der Welt schaffen, sagt die Deutsche Oracle Anwendergruppe (Doag) und spart nicht mit Kritik.

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Die Doag feuert Blitze auf Oracle - das Gemälde ist ein Fresko aus dem Palazzo Ruspoli in Rom und Zeigt einen zornigen Zeus.
Die Doag feuert Blitze auf Oracle - das Gemälde ist ein Fresko aus dem Palazzo Ruspoli in Rom und Zeigt einen zornigen Zeus.
(Bild: Wikipedia)

Noch spricht der Support in manchen Fällen weiterhin von einem Einzelfall, so die Doag. Dabei erhielt die Anwendervereinigung von verschiedenen Seiten – sowohl von Partnern als auch von Endanwendern – negatives Feedback zu Oracle VM 3. Diese möchten zwar anonym bleiben, haben laut Doag aber einer Veröffentlichung ihrer Probleme zugestimmt.

Grundsätzlich verhinderten die Probleme den Einsatz von Oracle VM nicht, meint Björn Bröhl, Leiter der Infrastruktur & Middleware Community der DOAG. „Doch Implementierung und Betrieb von Oracle VM sind mit einem unnötigen Mehraufwand verbunden, der bei Anwendern für große Unsicherheit sorgt. Da Oracle das Produkt als strategisch betrachtet und es auch in Kombination mit Exalogic einsetzt, sollte den aufgeführten Problemen aus Sicht der DOAG und der Anwender eine gewisse Beachtung zuteilwerden“, so der DOAG-Leiter weiter.

Das sagen Doag-Mitglieder:

Manche Stolpersteine beschreiben die Anwender als „kleine Unannehmlichkeiten, mit denen man leben kann“, andere Fälle erweisen sich im produktiven Einsatz als durchaus heikel. VM-Kunden sprechen sogar von einer „Zumutung“ – und fühlen sich von Oracle allein gelassen.

Abscheinend ist bei Oracle VM 3, wo man auch hinschaut, etwas zu bemängeln. Es fängt bereits mit der Installation an: Wer sich einen Kickstart für eine automatisierte Installation erträumt hatte, wird enttäuscht sein. Den gibt es nämlich nicht. Virtuelle Maschinen können nur per Clon oder manueller Installation erzeugt werden. „Dabei sind automatisierte Installation State-of-the-Art“, kommentiert Bröhl.

Auch die automatisierte Installation von Betriebssystemen in virtuellen Maschinen ist Out-of-the-Box nicht möglich. Noch ärgerlicher: Die Versuche, Upgrades bei Oracle VM von der Version 3.0.1. nach 3.0.2 und 3.0.2 nach 3.0.3 durchzuführen, sind kläglich gescheitert oder dauern mehrere Stunden.

Die Mängel bilden einen roten Faden durch Oracle VM 3

Laut Doag ziehen sich Verbesserungswünsche durch die gesamten Anwendungsszenarien: Fehlendes Benutzerkonzept für die Administration, fehlende Oracle VM API zur Nutzung von Skripten, kein HA Feature für den VM Manager, keine Snapshots per NFS - das sind nur ein paar Punkte aus der Liste, die die Anwendervereinigung erstellt hat.

Zwar trifft nicht jeder Mangel alle Oracle-VM-Anwender. Doch manche Einschränkungen rufen laut Doag allgemeines Unverständnis hervor, zum Beispiel das fehlende Benutzerkonzept: „Wie sollen mehrere Administratoren ohne Benutzerkonzept Oracle VM 3 vernünftig administrieren? Von personalisierten Accounts ganz zu schweigen“, kritisiert Bröhl.

Missverständnisse sind programmiert

Andere Eigenartigkeiten des Produktes indes verbuchen die Kunden unter Kurioses: So sei beispielsweile Windows zwar als Betriebssystem freigegeben. Datenbanken auf Windows seien im Oracle-VM-Verbund allerdings nicht zertifiziert. „Das ist eine seltsame Einschränkung, da Oracle einiges unternimmt, um Windows optimal auf Oracle VM zu unterstützen“, so Bröhl.

Auch die Support Policies seien unklar: „Oracle Entreprise Manager 12c Cloud Control“ darf sich nicht auf dem gleichen Server befinden wie „Oracle VM Manager“. Für eine größere Umgebung werde die Architektur recht kompliziert. „Wenn das Ganze noch hochverfügbar sein soll, brauche ich jede Menge Hardware. Das macht den Einspareffekt der Virtualisierung zunichte“, zitiert die Doag die Stimme eines betroffenen Anwenders.

Oracle enttäuscht

Dabei hätten sich die Kunden viel von der neuen Version Oracle VM 3 versprochen. Als der Hersteller vor einigen Jahren direkt mit der Version 2 die erste Version veröffentlichte, seien sich die Anwender zunächst nicht sicher gewesen, was sie damit anfangen sollten.

Zu diesem Zeitpunkt setzten bereits viele Unternehmen Produkte von VMWare strategisch für die Virtualisierung ein. Wollte Oracle nun mit seiner eigenen x86-Virtualisierungs-Lösung in das Massengeschäft einsteigen oder sollte Oracle VM lediglich eine stabile Basis für den virtuellen Betrieb anderer Oracle Technologien sein?

Ungeachtet dieser Frage habe sich das Interesse der Anwender auf der darauf folgenden Doag-Konferenz + Ausstellung gehalten. Die Vorträge zu Oracle VM seien so gut besucht gewesen, dass fast alle wiederholt werden mussten. Nach und nach hätten immer mehr Anwender Oracle VM ausprobiert und manch einer entschied sich zum Produktiveinsatz.

Anwender kritisieren die OVM-Lizenzierung

Die Möglichkeit, alle Lösungen aus einer Hand zu bekommen und einen durchgängigen Stack aufzubauen, hätten diese Anwender als sehr vorteilhaft empfunden. Unter dem (von Cisco entlehnten) Motto „Unified Computing“ habe man sich vertikal aufgebaute Lösungen vorgestellt, die nur aus Oracle-Produkten bestanden – vom Betriebssystem über die Virtualisierungslösung bis hin zu den Applikationen – damals allerdings noch ohne Hardware.

Hinzu seien die Vorzüge in puncto Lizenzierung gekommen. Oracle-Produkte konnten auf größerer Hardware mit der Oracle VM auf nur einem Teil der CPU-Kerne lizenziert werden (Hard-Partitioning). „Kurz: Das Interesse für das neue Produkt war da“, resümiert die Doag.

Sicherlich sei mit dem Release 2 und den folgenden Patches der Funktionsumfang immer noch nicht mit demjenigen einer VMWare-Lösung vergleichbar gewesen. Doch das Produkt habe sich im Betrieb stabil verhalten und sei daher auch für größere Umgebungen anzuwenden gewesen.

Dementsprechend hoch waren offenbar die Erwartungen für das Release 3. „Diesen Erwartungen wird das Produkt, das verspätet im Sommer 2011 auf den Markt kam, nicht gerecht“, lautet nun das Fazit der Doag.

Hier die komplette Liste, die die Doag jetzt in ihren Newsletter veröffentlicht hat:

Installation

  • Kickstart für Installation ist nicht vorhanden, das bedeutet das Oracle VM nicht automatisiert installiert werden kann (niedrig)
  • Automatisiert Installation von Betriebssystemen in virtuellen Maschinen ist „Out-of-the-Box“ nicht möglich (niedrig)
  • Upgrades haben alle nicht fehlerfrei funktioniert: 3.0.1 --> 3.0.2 oder 3.0.2 --> 3.0.3 (hoch)

Die Oracle-Antwort:

  • Oracle VM Server unterstützt voll und ganz Kickstart-Installationen.
  • Sowohl der “Oracle Enterprise Manager OpsCenter 12” als auch in Linux-Distributionen eignen sich dafür, ein automatisiertes Installieren der Oracle VM Server ausführen zu können. Nachdem die Oracle VM installiert ist, wird die Datei anaconda-ks.cfg erzeugt, die sich dafür nutzen lässt.
  • Jeder, der irgendwie mit Linux Kickstart vertraut ist, kann denselben Prozess nutzen. Weil aber Oracle VM ein eigenständiges Produkt ist, gibt es daszu auch eine eigenes Kickstart-File, beziehungsweise eine eigene Konfiguration. Aber diese unterscheidet sich davon nicht mehr als die von unterschiedlichen Linux-Distributionen.
  • Die Bemerkung ist unklar. Oracle ist der einzige Hersteller eines kompletten Virtualisierungsprodukts, der außerdem noch eine frei verfügbare Linux-Distribution https://edelivery.oracle.com/linux bereitstellt, die sich in den „Oracle VM Manager“ integrieren lässt. Unternehmen wie VMware und Citrix können kein Betriebssystem anbieten. Die Images sind konfiguriert und auf Oracle-Linux-Umgebungen angepasst. Außerdem lässt die Oracle VM zu, dass Kunden ihre eigenen Images installieren, sogar jedes andere Betriebssystem können sie nutzen.
  • Wir können auf zahlreiche Kunden verweisen, die mit Oracle VM 3.0.1 arbeiten und auf die Versionen 3.0.2 oder 3.0.3 migriert haben. Wir bedauern, dass einige Kunden Probleme hatten und begrüßen jeden Bericht darüber, damit wir dies ausräumen können. Zudem bieten wir einen vollständigen Upgrade-Support an; das betrifft jede Vorgänger-Version von Oracle VM 3 zu neuen Versionen, inklusive 3.0.3 bis 3.1.1.

Administration

  • Oracle VM Manager liefert kein Benutzerkonzept, das bedeutet es ist nur Administrator-Benutzer vorhanden (hoch)
  • Oracle VM API welche für die Automatisierung bzw. die Benutzung von Skripten zur Administration benötigt wird ist nicht vorhanden (hoch)
  • Einbinden von ISO ist nur über http, ftp oder nfs möglich; es können keine ISO-Files direkt auf den Oracle VM Server kopiert werden (mittel)
  • Xentop und andere Tools sind nicht benutzbar, da virtuelle Maschinen intern mit einer ID bezeichnet werden, unter Oracle VM 2 wurden die Namen der virtuellen Server verwendet (mittel)

Die Oracle-Antwort:

  • Die Oracle-VM-Abos schließen „Oracle Enterprise Manager 12c Cloud Control” und “Oracle Enterprise Manager“ sowie „OpsCenter” ein. Wir sehen das Set zusammen mit „Oracle VM Manager“ und „Oracle VM Server“ als eine Produkt-Suite. Unsere Konkurrenz bietet ebenfalls verschiedene zugehörige Komponenten. Doch nicht immer können die Produkte ohne eigene Lizensierung in vollem Umfang genutzt werden. Im Vergleich zum Wettbewerb machen wir ein leicht verständliches Angebot.
  • OEM12c etwa bietet eine vollständig Rollen-basierte Zugangskontrolle, die Integration von LDAP/Directory Services und ein Self-Service-Portal für Endnutzer und Administratoren in Clouds – und das alles ohne zusätzliche Lizenzkosten (siehe: Oracle´s Virtualization Blog)
  • Das Tool OpsCenter bietet zwei verständliche, öffentliche, standardisierte Cloud-APIs. Somit haben Kunden und Partner sowohl vollen Zugang zum Cloud-Deployment /provisioning RESTful API, inklusive Java-Bindings und einem Command-Line-Interface, als auch zu /Oracle VM 3.1.1 mit einem Oracle VM Core CLI Interface. Mher informationen gibt es hier: EM12c API, EMOC API/CLI, OVM 3.1.1 Command Line Tools.
  • Seit der Version Oracle VM 3.1.1 unterstützt die Virtualisierungstechnik den Möglichkeit des Repository-Exports von einem Server zu einem remoten System. Kunden können Oracle VM Server Repositories remote mounten, ISO-Files in diese kopieren und auffinden. Außerdem lassen sich ISO-Dateien direkt auf den Server kopieren unter Umgehung der APIs, und zwar im Manager durch die Nutzung von ftp/http oder den Export von Repositories. Sollte ein nfs-basiertes Repository gegeben sein, können die Nutzer ISAO-Dateien direkt auf den nfs-Server stellen und sichtbar machen. Konkurrenzprodukte wie RHEL und VMWare ESX4i besitzen überhaupt keinen lokalen Shell-Zugang.
  • Dem Oracle VM Server liegt ein Appliance-Modell zugrunde. Die Kontrolle geschieht über das Management-Tool. Auch andere Hersteller bieten dieses Art der Verteilung, zum Beispiel RHEL (allerdings mit besagten Einschränkungen). Der Oracle VM Manger versorgt die Nutzer mit einer kompletten Sicht auf die virtuellen Maschinen, die CPUs und Memory und mehr. Während Oracle VM2 jedoch noch viele Administrations-Aufgaben auf dem Server erforderte. Erlaubt die Version 3 eine remote Administration.

Betrieb

  • CPUs und Netzwerkkarten lassen sich nicht im Betrieb zugeschalten (mittel)
  • „Oracle VM Manager“ bietet kein HA Feature; bei Ausfall des Managers kann die Umgebung nicht mehr administriert werden; auch bei der Verwendung von Oracle Enterprise Manager Cloud Control wird der Manager zur Kommunikation mit den VM`s benötigt (hoch)

Die Oracle-Antwort:

  • Ab Release OVM 3.1.1 unterstützen wir das Zufügen von virtuellen CPUs im laufenden Betrieb.
  • vNICs stehen auf der Roadmap für das kommende Hauptrelease.
  • OVM-Kunden haben das Recht „Oracle-Clusterware“ zu nutzen/zu lizenzieren, um Oracle VM Manager die Repository-Datenbank zu schützen. Kunden, die umfassend High Availability benötigen, haben freien Zugang und das Recht OV auf einem oder mehreren Servern zu installieren, zusammen mit dem Repository in einer einzigen Instanz oder im RAC-Modus. Mit Hilfe von Clusterware lässt sich die Manager-Instanz schützen und bei einem Fehlverhalten der Applikation oder des Servers neu starten. Der Wettbewerb verlangt für HA-Funktionen zusätzliche Gebühren oder verweist auf Produkte von dritter Seite.
  • Eine alternative Sicherungsmöglichkeit bieten aber auch zwei getrennte OVM-Installationen. Der OVM-Manager, der ein Set an Server-Pools verwaltet kann auf einer virtuellen Maschine installiert sein, die zu einem Pool gehört, das von einem anderen Manager-Instanz aus administriert wird. Oracle VM HA sorgt für den Restart der Instanz, falls ein Server oder eine Applikation spinnt. Auch diese Möglichkeit kostet nicht mehr.

Backup

Snapshots per NFS sind nicht möglich (mittel)

Die Oracle-Antwort:

Das Standard-NFS unterstützt keine Snapshots. Es ist allerdings möglich, Snapshots vom NFS-Server zu machen. 3rd-Party-Storage-Plugins könnten weitere Features zur Verfügung stellen.

Sonstiges

  • Windows lässt sich zwar als Betriebssystem in einer VM verwenden, Oracle Datenbanken auf Windows sind jedoch auf Oracle VM nicht zertifiziert (mittel)
  • VNC bereitet Probleme bei der Verwendung einer deutschen Tastatur (mittel)
  • Support Policies sind unklar; so darf „Oracle Enterprise Manager Cloud Control“ nicht auf dem gleichen Server wie der Oracle VM Manager installiert sein (mittel)
  • Storage-Plugins zur besseren Unterstützung von Storage-spezifischen Funktionalitäten fehlen. Es gibt lediglich Ankündigungen, zum Beispiel von Netapp. Der Hersteller will entsprechende Plugins eventuell in Q2/Q3 2012 bereit stellen (mittel)
  • Storage-Alignment ist für Guest-Systeme unbekannt; das kann IO-Probleme zur Folge haben, da bei Nichtbeachtung für jeden IO in der virtuellen Maschine bis zu 3 IO`s auf dem Storage geschrieben/gelesen werden müssen
  • Es besteht nach wie vor keine Möglichkeit Hard-Partitioning für die Lizenzierung in der Administrationsoberfläche von Oracle VM Manager und Cloud Control zu konfigurieren (mittel)

Die Oracle-Antwort:

  • Die Windows-Zertifizierung ist unabhängig von OVM. Wir evaluieren allerdings konstant, die Unterstützun von Betriebssystemen anderer Hersteller.
  • Oracle VM 3.1.1 stellt die volle Unterstützung deutscher Tastaturen und entsprechende Mappings über den Server-Pool zur Verfügung.
  • Oracle Enterprise Manager 12c kann auf demselben Server wie Oracle VM Manager installiert werden. Darüber hinasu können die Produkte dasselbe Repository nutzen, allerdings benötigt Oracle VM Manager eine eigene „Weblogic“ Server Instance. Dies aber kann sich ebenfalls auf demselben Server befinden.
  • Storage-Plugins von anderen Herstellern unterliegen ihrer Kontrolle und ihren Zeitplan. Das Netapp-Plugin wird derzeit noch für OVM 3.1.1 getestet. Wir erwarten allerdings, dass es bald auf den Markt gelangt. Viele OVM-Installationen nutzen jedoch direkt Fibre Channel oder iSCSI LUNs.
  • Es gibt auch keine Bedenken hinsichtlich des Input/Output. Denn das Verhalten ist identisch mit dem in physikalischen Umgebungen.
  • Oracle VM unterstützt über ovm_utils voll und ganz die Funktion des hard partitioning

Inhaltsquelle:

Der Artikel fasst im Wesentlichen den Inhalt des aktuellen Doag-Newsletter "Doag-Zufriedenheitsbarometer" zusammen.

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