Dosiert und verantwortungsvoll Google baut überall mehr Künstliche Intelligenz ein

Von Christoph Dernbach und Andrej Sokolow, dpa 5 min Lesedauer

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Der Textroboter ChatGPT von OpenAI hat die Google-Suche alt aussehen lassen. Doch der Netzriese will sich sein Milliarden-Geschäft nicht kampflos abjagen lassen. Die KI-Aufholjagd hat begonnen, auch wenn die Nutzer in Deutschland und der EU zunächst außen vor bleiben.

Mit KI angereicherte Software könne Vorurteile stärken oder für die Produktion von Falschinformationen verwendet werden – Google will deshalb „von Anfang an verantwortungsvoll agieren“.(Bild:  sdecoret - stock.adobe.com)
Mit KI angereicherte Software könne Vorurteile stärken oder für die Produktion von Falschinformationen verwendet werden – Google will deshalb „von Anfang an verantwortungsvoll agieren“.
(Bild: sdecoret - stock.adobe.com)

Im Wettlauf bei Künstlicher Intelligenz rüstet Google mit neuen Funktionen für seine Dienste auf - und verspricht zugleich ein umsichtiges Vorgehen, um keinen Schaden anzurichten. Neben der Suchmaschine sollen auch andere Anwendungen wie Mail, Bürosoftware und Karten mit KI aufgebessert werden, kündigte Konzernchef Sundar Pichai auf der Entwicklerkonferenz Google I/O an.

Dort legte Google auch eine Liste von 180 Ländern vor, in denen der ChatGPT-Konkurrent Bard kurzfristig angeboten werde. Auf der Liste standen aber weder Deutschland noch die anderen 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Das hatte in der Branche Befürchtungen ausgelöst, dass der Einsatz eines maßgeblichen Tools mit Funktionen Künstlicher Intelligenz in Europa für einen längeren Zeitraum nicht möglich sein wird.

Inzwischen kündigte Pichai jedoch an, dass Google seinen KI-Textroboter auch in der Europäischen Union und in Deutschland auf den Markt bringen wird. „Wir werden Bard auf jeden Fall in diese Länder (der Europäischen Union) bringen“, sagte Pichai. Länder wie Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien seien bei der Einführung von neuen Google-Produkten wichtig. Bei einem Start von neuen Diensten spiele eine „Kombination aus mehreren Faktoren“ eine Rolle, betonte der Google-Chef. „Bei einem Produkt wie Bard wollen wir es natürlich gut an die Verhältnisse vor Ort anpassen und alles richtig machen.“

Bei der Einführung in bestimmte Märkte gehe es nicht nur um die Anpassung an die jeweiligen Landessprachen, sondern auch um Regulierungsfragen. Dazu müsse man beispielsweise das maschinelle Lernen der KI-Systeme mit menschlichem Feedback ergänzen. „Damit wollen wir sicherstellen, dass wir die lokalen Normen und die gesellschaftliche Stimmung richtig einschätzen.“ Diese Anforderungen mache die Arbeit aufwendiger: „Die Regulierung ist in einigen Bereichen weltweit unterschiedlich. Daher gibt es mehr zu tun, und wir sind entschlossen, dies zu erreichen.“

Suchanfragen und Funktionsumfang mit Mehrwert

Erhebliche Neuerungen will Google für sein wichtigstes Produkt – die Internet-Suche – ausprobieren. Mit Hilfe Künstlicher Intelligenz soll die Suchmaschine beispielsweise die Frage beantworten können, welcher von zwei Naturparks für eine Familie mit Kindern und Hund besser geeignet ist. Die Antworten werden in ganzen Sätzen formuliert, als Zusatz gibt es die gewohnten Internet-Links. Google legt Wert darauf, dass man sich dabei die Quellen für die Informationen anzeigen lassen kann – was bei anderen KI-Anwendungen nicht selbstverständlich ist.

Bei der Suche nach einem Fahrrad werden zusätzlich zu Ratschlägen, etwa auf die Radaufhängung zu achten, gleich auch passende Angebote von Händlern angezeigt. Zusätzlich könnte man sich zum Beispiel zu Regeln für Handzeichen beim Radfahren in Kalifornien beraten lassen, sagte Google-Managerin Cathy Edwards. „Das sind Dinge, nach denen man früher nie in der Suche gefragt hätte.“

Die KI-Suche ist zunächst auf einen Test beschränkt. Die Software entscheidet selbst, wann sie eine Suchanfrage so beantwortet. Man wolle besser verstehen, in welchen Fällen das sinnvoll sei, heißt es.

Google macht den Großteil seines Geschäfts nach wie vor mit Anzeigen im Umfeld der Internet-Suche. Meist bezahlen Werbekunden dafür, dass ihre Links zu Suchanfragen am oberen Bildschirmrand eingeblendet werden. Bisher ist eine offene Frage, welche Auswirkungen die Ausbreitung ausführlicher Antworten auf Basis Künstlicher Intelligenz auf dieses Geschäftsmodell haben wird.

Pichai demonstrierte auch, wie Software mit wenigen Vorgaben einen Brief formulieren kann. Wenn man eine Geschichte schreibt, soll die Software Vorschläge für weitere Wendungen der Story und automatisch erzeugte Illustrationen liefern können. In Googles Foto-App kann man bald nicht nur ungewollte Objekte und Personen entfernen, sondern zum Beispiel auch die eigene Position im Bild verändern. Fehlende Details, die ursprünglich hinter dem Bildschirmrand blieben, soll die Software dabei von sich aus hinzufügen.

KI-Vorreiter muss im Rennen bleiben

Google arbeitet schon seit Jahren an Anwendungen auf Basis Künstlicher Intelligenz, steht aktuell aber unter Zugzwang, mehr davon preiszugeben. Ende vergangenen Jahres löste das Start-up OpenAI einen neuen Wettstreit bei Künstlicher Intelligenz aus, als es seinen Chat-Bot ChatGPT öffentlich machte. Die Software sorgte für viel Aufsehen, weil sie Sätze wie ein Mensch bilden kann. Sie wird mit gewaltigen Datenmengen trainiert und schätzt Wort für Wort ab, wie ein Satz weitergehen könnte. Das bringt das Risiko mit sich, dass sie völlig falsche Informationen ausgeben kann.

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Googles Erzrivale Microsoft ging einen milliardenschweren Pakt mit OpenAI ein und bringt die KI-Programme auf breiter Front in seine Anwendungen. Google hielt sich bisher damit zurück, unter Verweis auf einen verantwortungsvollen Einsatz der Technologie.

Auf der Google I/O hielt der Konzern daran fest. „Der einzige Weg, auf lange Sicht mutig zu sein, ist, von Anfang an verantwortungsvoll zu agieren“, betonte James Manyika, der bei Google für gesellschaftliche Verantwortung beim Einsatz Künstlicher Intelligenz zuständig ist. Der Konzern sehe die Gefahr, dass die Software Vorurteile stärken oder für die Produktion von Falschinformationen verwendet werden könne. Zum Schutz davor sollen mit Hilfe von Googles Künstlicher Intelligenz erzeugte Dateien mit Metadaten versehen werden, damit sie sofort erkannt werden können.

Auch werde Google eine Software, die automatisch Synchronfassungen von Videos anfertigen kann, nur überprüften Entwicklern zur Verfügung stellen, sagte Manyika. Damit sollen sogenannte Deep Fakes mit angeblichen Handlungen realer Personen verhindert werden. Manyika betonte zugleich, dass Google sich schon vor Jahren dagegen entschieden habe, Schnittstellen für Anwendungen mit Gesichtserkennung öffentlich verfügbar zu machen.

Auch Pichai wehrte sich in einem Pressegespräch gegen die Darstellung, Google liefere sich mit OpenAI oder Microsoft ein „Wettrennen“ um eine Vormachtstellung bei der Künstlichen Intelligenz. „Wir denken nur an ein einziges Rennen, nämlich es richtig zu machen.“ Google habe sich verpflichtet, wagemutig eine Innovation umzusetzen. „Aber wir gehen das Ganze mit einem tiefen Gefühl der Verpflichtung an, es verantwortungsvoll richtig zu machen, denn es geht nicht nur um uns, sondern um viele andere Menschen.“

Bard wird weltweit ausgerollt

Google führte für die neuartigen KI-Funktionen ein neues Sprachmodell mit dem Namen Palm 2 ein, um gegen GPT-4 von OpenAI anzutreten. Palm 2 kann mehr als 100 Sprachen meistern und bringt Schreib-, Programmier- und Analyse-Fähigkeiten mit. Auf der Basis von Palm 2 wird auch Googles Chat-Bot Bard arbeiten. Der Textroboter von Google, der bislang nur in den USA und Großbritannien ausprobiert werden konnte, wird künftig in 180 Ländern in Englisch, Koreanisch und Japanisch verfügbar sein – und eben bald auch auf Deutsch.

Neue Dienste und Funktionen für Google Cloud und Workspace

Google Workspace: Duet AI für Google Workspace vereint alle leistungsstarken generativen KI-Funktionen von Google Cloud und soll Nutzer zur Zusammenarbeit mit KI befähigen, um ihre Produktivität zu steigern. Die neuen Funktionen stellt Google Cloud vertrauenswürdigen Testern über Workspace Labs zur Verfügung.

Duet AI für Google Cloud: Google Cloud bringt außerdem Duet AI für Google Cloud auf den Markt. Der neue KI-gestützte Kollaborateur soll Cloud-Nutzern aller Qualifikationsstufen bei der Lösung ihrer täglichen Geschäftsprobleme helfen.

Vertex AI Updates: Kunden sollen Zugang zu neuen generativen Modalitäten und erweiterten Möglichkeiten zur Nutzung und Abstimmung von Modellen erhalten.

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