Cloud ERP und der Trend zu Industrie 4.0 Generationswechsel bei ERP-Systemen führt in die Cloud

Autor / Redakteur: Henrik Hausen* / Elke Witmer-Goßner

Immer mehr Unternehmen verlegen ihre Geschäftsprozesse in die Cloud – sie nutzen den Generationswechsel im ERP-Markt, um sich in ihrer Unternehmensplanung stärker auf die Entwicklungen zur Industrie 4.0 auszurichten.

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Auch für die IT steht irgendwann der sprichwörtliche Tapetenwechsel an – das Bereitstellungsmodell Cloud ist dann interessante Option.
Auch für die IT steht irgendwann der sprichwörtliche Tapetenwechsel an – das Bereitstellungsmodell Cloud ist dann interessante Option.
(Bild: Jörg Lantelme, Fotolia)

So prognostiziert das europäische Marktanalyseunternehmen Pierre Audoin Consultants (PAC) ein Wachstum im Cloud-ERP-Markt von bis zu 30 Prozent weltweit. Die amerikanischen Marktforscher Forrester Research sagen ebenfalls voraus, dass die Nachfrage nach Cloud-ERP weiter rapide wächst. Bei sehr kleinen Unternehmen ohne eigene IT-Infrastruktur ist die Ressourcenplanung aus der Wolke bereits auf dem Vormarsch. Noch macht der Markt für ERP aus der Cloud etwa ein Zehntel des Gesamtmarkts für ERP aus. Das Volumen in Deutschland liegt nach Angaben von IDC bei etwa 300 Millionen Euro.

Gemietete Software-as-a-Service (SaaS) wird zunehmend in klassischen ERP-Bereichen wie Personal, Einkauf, Supply Chain Management, Finanzen, Rechnungswesen zum bevorzugten Bezugsmodell. Dieser Trend zeichnet sich aber auch in Bereichen ab, die klassischerweise noch wenig mit der Cloud zu tun haben, wie etwa Produktion und Instandhaltung. Einige Unternehmen binden Maschinen inzwischen direkter an ein Cloud ERP-System an, andere steuern ihre Instandhaltung mittlerweile aus der Cloud.

Der Zeitpunkt passt

Im ERP-Markt findet zurzeit ein Generationswechsel statt. In vielen Unternehmen wurden ERP-Anwendungen um die 2000er-Jahre angeschafft. Bei diesen Altsystemen gibt es jetzt Erneuerungs- oder Ergänzungsbedarf. Entweder werden die Altsysteme ergänzt, manchmal Teile ersetzt oder die Systeme komplett neu aufgesetzt. Derzeit weist Cloud-ERP die höchste Zuwachsquote in der Firmengruppe auf, die ihre Altsysteme ergänzen wollen, weil sich deren Wartung und Upgrades nicht mehr lohnen, heißt es bei Forrester Research. Zudem gehen große Konzerne vermehrt dazu über, ihre Tochter-Unternehmen über die Cloud in zentrale ERP-Systemlandschaften zu integrieren. Darüber hinaus bevorzugen Kunden zunehmend Software-Plattformen. Sollen beispielweise in kleineren Gesellschaften CRM oder Service mit ein „bisschen“ ERP eingeführt werden und an einem anderen Standort nur Finance, wollen die Kunden dies alles auf einer Plattform haben.

Sichere Daten aus Deutschland

In Deutschland ist in vielen Unternehmen eine gewisse Skepsis gegenüber Cloud-ERP-Systemen zu spüren. Sie speist sich zum Teil aus Sicherheitsbedenken. Doch diese lassen sich leicht entkräften. Professionelle Cloud-Anbieter können beim Thema Sicherheit inzwischen mehr leisten als ein einzelnes Unternehmen. Unternehmen sollten auf Zertifizierungen des Cloud-Anbieters achten und sich dessen Sicherheits-Konzept genau erläutern lassen. Sie sollten auch darauf bestehen, dass die Daten verschlüsselt übertragen werden, jedoch die Zugänglichkeit benutzerfreundlich ist. Überdies halten viele Unternehmen schon längst nicht mehr alle Daten im eigenen Haus vor, so werden etwa Personalabrechnungen mit sensiblen Daten häufig als Rechenzentrumsleistungen erbracht.

68 Prozent der von Forrester befragten Unternehmen wollen mit Cloud-ERP ihre Gesamtkosten senken. Deshalb werden kurze Einführungszeiten und geringer Aufwand für Wartung, Pflege und Weiterentwicklungen besonders wichtig. Software zu mieten anstatt sie zu kaufen, bietet den Kunden hier Mehrwert. Ein anderes Ziel sind schnellere, agilere und gut integrierbare Prozesse – wie sie für die zunehmende Vernetzung der Wertschöpfungsketten in Richtung Industrie 4.0 benötigt werden.

Für Cloud-ERP-Lösungen gibt es prinzipiell bei der Unternehmensgröße keine Einschränkungen. Es kommt auf die kaufmännischen Rahmenparameter und die Komplexität des abzubildenden Geschäfts an. Es gibt Cloud-Angebote, die für sehr kleine Unternehmen interessant sein können. Ein Komplett-ERP-System wie SAP Business ByDesign ist für Unternehmen ab etwa 75 Mitarbeitern und etwa ab 25 Usern interessant. Auch die Branche spielt keine Rolle. Dienstleister profitieren genauso von einer Cloud-ERP-Lösung wie Handelsunternehmen, Produktions- und Fertigungsunternehmen.

Cloud-ERP-Angebote haben sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt – so dass der „Functional Fit“ unter Umständen sogar größer sein kann als bei einem On-Premise-System. Cloud-Lösungen verfügen sowohl über Standardprozesse als auch über Entwicklungswerkzeuge für kleinere oder größere Anpassungen an die Prozesse im Unternehmen. In wenigen Unternehmen, wo die Spezialisierung sehr hoch und Prozesse in Produktion oder Logistik extrem komplex sind, können individuelle Lösungen eine gute Wahl sein. Unternehmen können darüber hinaus „zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“, nämlich die Gelegenheit nutzen, bei der Einführung einer Cloud-ERP-Lösung die eigenen Prozesse zu hinterfragen und an neue Anforderungen anzupassen.

Daten guter Qualität

Ein ERP-Cloud-System bietet eine gute Voraussetzung dafür, dass sich alle Prozesse eng ineinander verzahnen lassen und Unternehmensdaten zentral vorliegen. Wenn dies der Fall ist, werden die Informationen etwa für Reports oder Analysen erheblich besser und aussagekräftiger. Von der Qualität der Daten hängt die Qualität der Analysen und Reports letztlich ab, ob es nun um Unternehmenskennzahlen geht oder um Auswertungen für strategische Entscheidungen. Das heißt auch, dass diese Analysen erheblich einfacher zu erstellen sind, vor allem, wenn Unternehmensdaten in einer einzigen, leistungsfähigen Datenbank vorgehalten werden. Ein Teil der modernen Cloud-ERP-Systeme läuft auf leistungsfähigen In-Memory-Datenbanken, die Auswertungen in Echtzeit ermöglichen.

Einige Unternehmen beginnen damit, auch Maschinen und Geräte an ein Cloud-ERP-anzudocken. Eine Maschine, die indirekt mit einem Cloud-ERP-System verbunden ist, kann das Ende eines Produktionsschrittes online und adhoc übermitteln und das ERP-System kann mit diesem Wissen sofort die Rechnung anstoßen. Das Unternehmen gewinnt Zeit, die Rechnungen sind schnell beim Kunden. Außerdem gewinnt das Unternehmen Liquidität und minimiert Fehlerquellen, die in manuellen Prozessen vorkommen können. Auf Dauer, so die Prognose von Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft, kommt kein Unternehmen im Zuge von Industrie 4.0 mehr darum herum, Daten aus allen Unternehmensebenen auf der Planungsebene zu erfassen und auszuwerten, damit später mit Marktteilnehmern und anderen Unternehmen kommuniziert werden kann.

Was muss eine gute und vollständige Cloud-ERP-Lösung können? Sie sollte innerhalb weniger Wochen eingeführt sein. Das System sollte Standardprozesse vorhalten, aber auch anpassbar, skalierbar, erweiterbar und releasefähig sein. Während der Upgrades sollten Kunden keine Einschränkungen hinnehmen müssen. Eine Integration und Anbindung an vorhandene Anwendungen sollte über wenige Schnittstellen problemlos möglich sein, damit die Kommunikation und Zusammenarbeit mit Kunden und Geschäftspartner einfacher wird. Insgesamt können Unternehmen mit einem Cloud-ERP-System die Gelegenheit nutzen, ihre IT-Lösungen und damit auch die Datenbanken zu konsolidieren und zu verschlanken – oder sogar auf eine einzige Datenbank für alle Unternehmensdaten umstellen.

Mobil, vernetzt und kooperativ

Moderne Cloud-ERP-Systeme ebnen den Weg in die Industrie 4.0. Denn die offen angelegten Prozesse aus der Cloud erleichtern die Integration und Vernetzung von Prozessen und Daten erheblich. Virtuelle, standortübergreifende Zusammenarbeit und Mobilität sind innerhalb von Unternehmen schon Alltag geworden. Mit Industrie 4.0 werden Unternehmen ihre Produktionsanlagen, Produkte, und Technologien und Services als so genannte „Cyber Physical Systems“ über die Unternehmen hinaus immer stärker vernetzen. Aus heutigen Lieferketten werden Wertschöpfungsnetzwerke, neue Marktteilnehmer und Vertriebswege entstehen. Intelligente Produkte, Roboter oder Produktionsanlagen werden entwickelt, die in der Lage sind, selbst Aktionen auszulösen und sich eigenständig steuern. Technologisch verfügen Unternehmen mit einem Cloud-ERP-System über die Voraussetzung, den noch weiten Weg in die vernetzte Industrie 4.0-Welt zu gehen.

Künftige Software-Generationen werden deshalb zunehmend gemietet werden, damit sich Unternehmen voll auf ihre eigene Entwicklung konzentrieren können. Ob diese dann im Rechenzentrum des Anbieters laufen oder über ein OEM-Modell eines Service-Providers, ist zweitrangig. Ob Unternehmen sich für eine Public oder Private Cloud entscheiden, hängt von der Größe der Lösung, vom Budget und vom Geschäftsmodell ab. Im Fokus ist nicht der Besitz, sondern die Nutzung der Software. Je nachdem, ob der Bedarf größer oder geringer wird, kann sie auch nach oben oder unten skaliert werden.

Henrik Hausen, all4cloud GmbH.
Henrik Hausen, all4cloud GmbH.
(Bild: all4cloud)

* Der Autor Henrik Hausen ist Geschäftsführer der all4cloud GmbH.

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