So beschleunigen Sie die Migration in die AWS-Cloud Erfolgsfaktoren für die Modernisierung der Unternehmens-IT

Autor / Redakteur: Rostislav Markov* / Elke Witmer-Goßner

Wer mit dem Umzug in die Cloud die interne IT-Abteilung modernisieren will, denkt lieber von Beginn an groß. Wieso einfache Anwendungen selten gute Kandidaten für die Pilotphase darstellen und weiteren Erfolgsfaktoren für die Modernisierung am laufenden Band widmen wir uns in diesem Beitrag.

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Modernisierungs- und Migrationsprojekte sind mehr als die Summe aller Teile: wird die Aufgabe nicht von vorneherein ganzheitlich betrachtet, können sich die Vorteile schnell ins Gegenteil verkehren.
Modernisierungs- und Migrationsprojekte sind mehr als die Summe aller Teile: wird die Aufgabe nicht von vorneherein ganzheitlich betrachtet, können sich die Vorteile schnell ins Gegenteil verkehren.
(Bild: © Romolo Tavani - stock.adobe.com)

Durch die Migration in die Cloud von Amazon Web Services (AWS) im Zuge der Modernisierung der Unternehmens-IT lassen sich historische Altlasten sukzessive abschaffen. In unserem vorherigen Artikel haben wir die Grundlagen einer so genannten Modernisierungsfabrik betrachtet. Bei Migrationen in die Cloud müssen aber noch weitere Erfolgsfaktoren berücksichtigt werden, auf die wir in diesem Beitrag eingehen.

Über das Klein-Klein hinausgehen

Wer schnelle Fortschritte vorweisen will, beginnt die Migration mit möglichst einfachen Anwendungen – etwa einer statischen Webseite oder einer kleinen Open-Source-Hilfsanwendung. Hier kann beim Umstieg wenig schief gehen.

1. Komplexe und repräsentative Anwendungen bevorzugen
Die „quick wins“ oder „low hanging fruits“ erweisen sich allerdings nicht selten als zweischneidiges Schwert. Denn sobald die schnellen Erfolge eingetreten sind, verlangsamt sich die Migrationsgeschwindigkeit.
Stattdessen helfen ausgerechnet die komplexeren Anwendungen dabei, wiederverwendbare Standards und Kontrollmechanismen zu etablieren. Schließlich bilden sie den größten gemeinsamen Nenner aller Anforderungen in Bezug auf Entwurf, Sicherheit und Betrieb. Eine nachhaltige Modernisierung beginnt daher mit der gut durchdachten Wahl der Pilotanwendungen.

2. Auf Piloterfahrungen systematisch aufbauen
Auch bei größeren Portfolios mit Hunderten von Anwendungen passen mehr als 80 Prozent der Applikationen in eine Handvoll bestimmter Architekturmuster und wieder verwendbarer Bausteine. Sobald diese entworfen und genehmigt sind, gewinnt das Migrationsprojekt dank der Wiederverwendbarkeit an Geschwindigkeit. Anstatt für jede Applikation den kompletten Migrationszyklus zu durchlaufen, kommt das Ausnahmeprinzip zum Einsatz, das heißt: An den freigegebenen Mustern werden nur Änderungen vorgenommen, die wirklich erforderlich sind.
Die etablierten Bausteine dienen als Vorlagen für die nächsten Anwendungen und für neue Teams und ermöglichen Skaleneffekte im Projekt. Dadurch fällt das Einphasen von weniger erfahrenen Mitarbeitern im Migrationsprojekt leichter. Essenziell ist allerdings ein hoher Standardisierungsgrad. Anderenfalls treibt man den Aufwand für komplexe Zielsysteme sowie für die Automatisierung, und Refaktorierung unnötig in die Höhe.

3. Sich einen stabilen Betrieb zum Ziel setzen
Ausnahmen von neuen technologischen Standards im Betrieb lassen sich normalerweise durch Sonderanforderungen rechtfertigen. Es kommt aber auch vor, dass Teams trotz gleicher Bedingungen unterschiedliche Technologien wählen, ohne dass dafür eine Notwendigkeit besteht. Dies kann die Entstörung im Betrieb verkomplizieren. Die Anzahl möglicher Fehlerursachen steigt, das Wissen über einzelne Technologien findet weniger Verbreitung, die erhöhte Lernkurve kostet Zeit und Geld.
Wer auf einen stabileren Betrieb Wert legt, wählt die einfachste von allen möglichen Varianten, behält die Hoheit über die Architekturstandards und berücksichtigt den jeweiligen Reifegrad des Teams, um viele plötzliche Veränderungen zu vermeiden. In der Praxis überträgt man diese Rolle häufig einer zentralen Architekturabteilung oder einem Cloud Center of Excellence.

4. Den Erfolg der Modernisierung messbar machen
Kennzahlen helfen, das Modernisierungsziel greifbar zu machen. Während der Fertigstellungstermin und die Geschwindigkeit der Migration ausschlaggebend für den Erfolg einer „Lift & Shift“-Migration sind, entscheidet die Arbeitsqualität über den Erfolg der Modernisierung. Relevante Kennzahlen in diesem Zusammenhang können sein: Kosteneinsparungen durch die Abschaffung von proprietären Lizenzprodukten; der Umfang der Bereitstellungszyklen für Applikationen und ihre Infrastruktur; der Standardisierungsgrad von Anwendungsarchitekturen; der Nutzungsgrad neuer IT-Prozesse und -Werkzeuge sowie der Anteil der Entwickler, die Infrastruktur in der Cloud eigenständig bereitstellen. Ein gut formuliertes Modernisierungsziel gibt Kennzahlen vor, die den Erfolg messbar machen.

5. In kleinen Schritten zur Optimierung
Ein Unternehmen kann Jahre damit verbringen, die Kontrollmechanismen seiner Cloud-Ressourcen zu automatisieren. Um die Cloud-Migration nicht unnötig in die Länge zu ziehen, sollte man mit der Optimierung der Grundlagen daher erst beginnen, wenn es notwendig ist. Denn nicht nur bei der ersten, sondern bei jeder Anwendungsmigration kann es zu iterativen Weiterentwicklungen kommen. Automatisierung lässt sich je nach Bedarf hinzufügen, eventuell erst nach dem Umzug in die Cloud.
Auch eine Anwendung, die in der Entwicklungsumgebung manuell installiert wurde, kann in Folgeiterationen noch nachträglich automatisiert werden. Durch die so genannte Mindestmentalität, auf Englisch „minimum viable“, lässt sich das Tempo im Projekt hochhalten. Zudem kann man entscheiden, was später noch optimiert und damit in das Protokoll für die Zeit nach der Systemabnahme aufgenommen werden kann. Ein effizienter Entscheidungsprozess ist wichtig, um den Entwurf des Zielsystems und den Grad der inkrementellen Änderungen für eine geeignete V1-Konfiguration zu definieren.

6. Auch die „weichen” Faktoren bei der Migration berücksichtigen
Werkzeuge können beim Umzug von Servern und Daten in die Cloud helfen – nicht aber beim Umzug von Menschen und Prozessen. Selbst eine „Lift & Shift“-Migration scheitert, wenn sie die weichen Faktoren nicht im Fokus behält. Abhängigkeiten zwischen Prozessen, Fachbereichen und Drittherstellern können zu Medienbrüchen bei der Migration führen. Eine Modernisierung ist immer auch das Abschaffen von alten Verhaltensmustern – und das verursacht häufig Ängste. Nicht jeder ist offen für Veränderungen. So behalten einige Mitarbeiter die Kontrolle über bestimmte Schritte und Prozesse, weil sie annehmen, dadurch ihren Arbeitsplatz zu sichern.
Gute Führungskräfte sind in der Lage, Mitarbeiter zu identifizieren, die Veränderungen verhindern, und sie entsprechend zu coachen. Hilfreich ist auch, den Entwicklungsplan und die Chance, am Migrationsprojekt mitzuarbeiten, frühzeitig zu kommunizieren. Eine bewusste Arbeitsteilung entlang des Migrationsprozesses hilft beim Trainieren von Aufgaben und ihrer Verteilung sowie beim Schließen von Dokumentationslücken.

7. Den Umzug von Standardsoftware nicht vertagen
In Großbetrieben gibt es in der Regel eine Vielzahl kommerzieller Anwendungen. Egal ob sie modernisiert oder per „Lift & Shift“ in die Cloud verlagert werden: Ihre Migration erfordert entsprechende Vereinbarungen mit Softwareherstellern und Systemintegratoren. Dadurch tendieren die Verantwortlichen häufig dazu, die Migration solcher Anwendungen nach hinten zu verschieben und so die Projektlaufzeit zu verlängern.
Eine vertragliche Prüfung, auf Englisch „Due Diligence“, sollte aber auf jeden Fall zu Beginn des Migrationsvorhabens erfolgen. In den Softwareverträgen kann der Rechenzentrumsstandort definiert sein, in den Lizenzbestimmungen wird unter Umständen der Betrieb in der Cloud ausgeschlossen. Daher sind frühzeitige Zusagen für den Migrationszeitplan unabdingbar. Wichtig ist auch, dass genügend Zeit für eventuelle Änderungen an den kommerziellen Bedingungen bleibt.

Zusammenfassung

Die Erfahrung zeigt, dass erfolgreiche Projekte von Anfang an groß gedacht werden. Einfache Anwendungen für den Piloten vorzuziehen, bedeutet häufig, wichtige Entscheidungen in die Zukunft zu verschieben. Gehen Sie letztere stattdessen gleich an, und bauen Sie bei Folgemigrationen systematisch auf etablierten Mustern auf. Viele Anwendungen lassen sich auf eine Handvoll Muster reduzieren. Auch wenn eine Vielzahl von Architekturen in der Cloud möglich ist: Wer auf einen stabilen Betrieb Wert legt, hält die Dinge so simpel wie möglich und verzichtet auf nicht essenzielle Erweiterungen im Zielsystem.

Rostislav Markov, AWS.
Rostislav Markov, AWS.
(Bild: AWS)

Neben einem effizienten Prozess bei der Zieldefinition empfiehlt sich ein klar formuliertes Modernisierungsziel – ausgedrückt in messbaren Meilensteinen und Erfolgskennzahlen. Wie bei jedem größeren IT-Vorhaben gilt zudem: Abhängigkeiten zwischen Prozessen, Fachbereichen und Drittherstellern bedeuten Medienbrüche im Migrationsprozess. Und: Vor allem weiche Faktoren wie Interessenskonflikte können eine Modernisierung gefährden. Sie müssen daher von Anfang an adressiert werden.

* Der Autor Rostislav Markov ist Senior Consultant für Amazon Web Services. Dieser Artikel ist der dritte Teil einer Serie.

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