IPCEI-CIS Ein GAIA-X-Ableger soll die europäische Cloud für die Industrie öffnen

Autor / Redakteur: Dr. Dietmar Müller / Elke Witmer-Goßner

Vier europäische Länder wollen Cloud- und Edge-Infrastrukturen, Dienste und Plattformen der nächsten Generation entwickeln. Sie sollen parallel, allerdings unabhängig zum Open-Source-Architekturframework GAIA-X aufgebaut werden und ausschließlich auf Unternehmen zielen.

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Hinter IPCEI-CIS stehen die Wirtschaftsministerien von Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien.
Hinter IPCEI-CIS stehen die Wirtschaftsministerien von Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien.
(Bild: gemeinfrei© TheDigitalArtist / Pixabay )

Die EU hat sich mal wieder etwas ausgedacht. Mittels „IPCEIs” (steht für „Important Projects of Common European Interest“) sollen die EU-Mitgliedstaaten „wichtige Projekte von gemeinsamem europäischem Interesse“ auf die Beine stellen, die „wichtige Beiträge zu Wachstum, Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie und Wirtschaft“ liefern.

Ein spezielles IPCEI für „Next Generation Cloud Infrastructure and Services“, kurz IPCEI-CIS, soll für den Aufbau moderner Infrastrukturen und Dienstleistungen in ganz Europa sorgen und „den Grundstein für die künftige europäische Datenwirtschaft“ legen. Konkret soll eine „Multi-Provider-Cloud und Edge Continuum“ aufgebaut werden, das „hochskalierbar, föderabel, interoperabel, vertrauenswürdig und energieeffizient“ ist und vollständig unter EU-Kontrolle steht.

Im Netz findet sich ein kurzes „Diskussionspapier“, das erklärt: „Das IPCEI wird sowohl die Forschung, Entwicklung und Innovation (F&E&I) als auch den ersten industriellen Einsatz (FID) der nächsten Generation von Cloud- und Edge-Infrastrukturen und -Services umfassen, einschließlich der zugehörigen Middleware, die auf modernsten Open-Source-Frameworks und verteilten, nachhaltigen und hochskalierbaren Architekturen basiert. Das IPCEI wird Sektoren der europäischen Wirtschaft wie verarbeitendes Gewerbe, Energie, Mobilität oder Gesundheitswesen zugutekommen.“

Aber benötigt es wirklich eine eigene europäische Cloud für die Industrie? Und wie, meint Ernst Stöckl-Pukall, Referatsleiter für Digitalisierung und Industrie 4.0 im Bundeswirtschaftsministerium und Projektkoordinator für IPCEI-CIS in Deutschland. Er führte gleich eine ganze Hand voll von Gründen an:

  • Der EU-Cloud-Markt drehe sich vorrangig um „einige Nicht-EU-Anbieter“.
  • Die EU-Cloud-Industrie zeichne sich aktuell durch eine große Fragmentierung aus.
  • Der hiesige Cloud-Markt erfülle nicht die datengesteuerten Branchenanforderungen der EU.
  • Er gewährleiste keine Einhaltung der Vorschriften zum Schutz personenbezogener Daten und zur Cybersicherheit.
  • Er biete keine transparente Cloud-Sicherheitsstandards.
  • Die Datenübertragbarkeit und Umschaltung zwischen verschiedenen Anbietern sei eine Herausforderung.
  • Es fehle an Skalierungsoptionen.
  • Die Investitionskapazitäten europäischer Cloud-Anbieter sei begrenzt.

Daher sei der Bedarf nach sicheren Cloud-Infrastrukturen der nächsten Generation in Europa nicht von der Hand zu weisen.

Diese Anwendungsbeispiele sind annäherungsweise angedacht

Wie aber darf man sich die Ziele des IPCEI-CIS vorstellen? Rainer Sträter, Head of Global Platform Hosting bei IONOS, wagte in einer Video-Schalte des eco-Verbands einen Ausblick: Die Zukunft der Cloud-Infrastruktur werde sich deutlich von dem unterscheiden, was wir heute kennen. „Wir werden andere Strukturen und andere Devices sehen“, so Sträter. Workload-Management werde künftig mittels eines „Cognitive Computing Continuums“ erfolgen, dieses setze allerdings flächendeckendes 5G sowie besagtes IPCEI-CIS voraus.

Konkreter äußerten sich in derselben Online-Konferenz Vertreter der Automotive Alliance in Person von Oliver Ganser, Head of Programme - Data Driven Value Chain, BMW Group, und Prof. Dr.-Ing. Boris Otto, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik ISST. Sie würden gerne der erste Anwendungsfall für IPCEI-CIS sein. Ihre Vision sieht vor, dass sie im Rahmen von GAIA-X schnell, flächendeckend und skalierbar Automobilzulieferer aller Art einbinden und so gemeinsam Autos der Zukunft entwickeln können.

Dafür müsse das IPCEI-CIS laut Harald A. Summa, Hauptgeschäftsführer des eco, aber die Komplexität der Verbindungen innerhalb der Cloud reduzieren. Ihm schwebt eine „Interconnectivity as a Service“ vor, die beispielsweise einen direkten Anschluss eines Rechenzentrums in Barcelona mit dem Forschungszentrum Jülich „mit nur einem Klick“ ermögliche.

Wer ist für IPCEI-CIS verantwortlich?

Hinter IPCEI-CIS stehen die Wirtschaftsministerien von Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien. Diese „laden alle EU-Mitgliedstaaten und interessierte europäische Interessenträger herzlich ein, sich dem Prozess zur Einrichtung der nächsten Generation von Cloud-Infrastrukturen und -Diensten in der EU anzuschließen“. Stöckl-Pukall hofft auf wenigstens zehn teilnehmende Länder. Nur so könne man eine „europäische Cloud mit europäischen Werten“ aufbauen.

Am 21. Januar gab es einen ersten gemeinsamen Workshop auf Regierungsebene dazu, über dessen Ergebnisse allerdings nichts mitgeteilt wurde. Kein Wunder: Das Projekt steht noch ganz am Anfang, aktuell geht es laut Stöckl-Pukall darum, „gemeinsame Interessen zu sammeln, erste Ideen und Vorschläge der jeweiligen Industrien einzubringen, die gesamteuropäische Zusammenarbeit zu stärken und sich im Prozess der Einrichtung eines IPCEI weiter auszurichten“.

Immerhin kann man bereits eine E-Mail-Adresse vorweisen, an die sich interessierte Unternehmen und Projektleiter wenden können. Sie lautet ipcei-cis@bmwi.bund.de. Laut Andreas Weiss, Geschäftsbereichsleiter Digitale Geschäftsmodelle beim eco Verband, können sich unter dieser Adresse „Firmen mit Standpunkt in Deutschland“ sowie „Umsätzen in Europa“ melden und Projekte für IPCEI-CIS vorschlagen. IPCEI-CIS gehe Hand in Hand mit dem europäischen Groß-Cloud-Projekt GAIA-X, soll aber getrennt agieren und parallel aufgebaut werden.

Noch steht alles am Anfang

IPCEI-CIS steht wie gesagt aktuell noch ganz am Anfang, Stöckl-Pukall hofft, bis in einem Jahr erste Projekte vorweisen zu können. Der „Call for Projects“ werde schon bald erfolgen, aktuell befinde man sich aber noch in der „Pre-Projekt-Phase“. Er sieht die EU-Bürokratie als größten Hemmschuh, sie sei jedoch notwendig, um einzelne Projekte fördern zu können.

Wir werden weiter berichten.

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