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Bitkom-Umfrage DSGVO: das Fass ohne Boden

| Autor: Heidemarie Schuster

Für Unternehmen ist der Datenschutz oftmals eine Last und in Pandemiezeiten eine Hürde. Nur ein Fünftel hat die DSGVO tatsächlich und vollumfänglich umgesetzt und jedes zweite Unternehmen verzichtet aus Datenschutzgründen auf Innovationen.

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Seit Mai 2020 ist die DSGVO vollständig in Kraft, aber bisher haben sie nur 20 Prozent der Unternehmen vollständig umgesetzt.
Seit Mai 2020 ist die DSGVO vollständig in Kraft, aber bisher haben sie nur 20 Prozent der Unternehmen vollständig umgesetzt.
(Bild: photoschmidt 2018- stock.adobe.com)

In kaum einem Land wird es mit dem Datenschutz so genau genommen wie in Deutschland und was dem einen Freud, ist dem anderen Leid – in diesem Fall sind häufig die Unternehmen die Leidenden. Beispielsweise erschweren einer Bitkom-Umfrage zufolge im Pandemiejahr 2020 die Datenschutzanforderungen vielen Unternehmen die Aufrechterhaltung ihres Betriebs. So gibt es Unternehmen, die aus Datenschutzgründen nur eingeschränkt oder gar nicht auf digitale Anwendungen zur Zusammenarbeit im Homeoffice zurückgreifen. Zudem kämpft die große Mehrheit auch mehr als zwei Jahre nach Geltungsbeginn noch mit der Umsetzung der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO).

DSGVO ist praktisch nicht vollständig umsetzbar

Demnach haben nur 20 Prozent der befragten Unternehmen die DSGVO vollständig umgesetzt und auch Prüfprozesse für die Weiterentwicklung etabliert. 37 Prozent haben die Regeln größtenteils umgesetzt, ähnlich viele (35 Prozent) teilweise. Und 6 Prozent haben gerade erst mit der Umsetzung begonnen.

„Die immer noch niedrigen Umsetzungszahlen sind ernüchternd“, sagt Susanne Dehmel, Mitglied der Bitkom-Geschäftsleitung. „Die Datenschutz-Grundverordnung lässt sich nun einmal nicht wie ein Pflichtenheft abarbeiten. Im Gegenteil: Durch unklare Vorschriften und zusätzliche Anforderungen der Datenschutzbehörden ist aus der DSGVO ein Fass ohne Boden geworden.“ Das bestätigen die befragten Unternehmen nahezu einhellig. 89 Prozent meinen: Die Datenschutz-Grundverordnung ist praktisch nicht vollständig umsetzbar.

Zeitfresser DSGVO

Die größte Herausforderung ist dabei für drei Viertel der Unternehmen (74 %) eine anhaltende Rechtsunsicherheit durch die Regeln der DSGVO. 68 Prozent der Befragten beklagen zu viele Änderungen oder Anpassungen bei der Auslegung. 59 Prozent sehen als eines der größten Probleme die fehlenden Umsetzungshilfen durch Aufsichtsbehörden, fast die Hälfte (45 %) nennt die uneinheitliche Auslegung der Regeln innerhalb der EU. Für 26 Prozent sind fehlendes Fachpersonal eine der höchsten Hürden. Das wirkt sich für die große Mehrheit auch auf die eigenen Ressourcen aus. Mehr als ein Drittel der Unternehmen (36 %) gibt an, dass sie seit Einführung der DSGVO mehr Aufwand haben und dies künftig so bleiben wird. Für weitere 35 Prozent ist absehbar, dass die jetzt bereits gestiegenen Aufwände weiter zunehmen werden.

Scheitern am Datenschutz

Zudem haben die Datenschutzregeln für viele Unternehmen dazu geführt, dass sie technologische Innovationen weniger oder gar nicht vorantreiben konnten. Bei 56 Prozent der befragten Unternehmen sind neue, innovative Projekte aufgrund der DSGVO gescheitert – entweder wegen direkter Vorgaben oder wegen Unklarheiten in der Auslegung der DSGVO. 41 Prozent geben in der Umfrage an, dass sie deswegen keine Daten-Pools aufbauen konnten, um etwa Daten mit Geschäftspartnern teilen zu können. Bei 31 Prozent scheiterte dadurch der Einsatz neuer Technologien wie Big Data oder Künstliche Intelligenz, ein Viertel (24 %) bestätigt dies für die Digitalisierung von Geschäftsprozessen. Jedes fünfte betroffene Unternehmen (20 %) verzichtete DSGVO-bedingt auf den Einsatz neuer Datenanalysen.

„Persönliche Daten müssen geschützt werden, das ist unstrittig. Datenschutz darf aber nicht zur Innovationsbremse werden“, so Dehmel. „Wenn wir es ernst meinen mit dem Digitalstandort Europa, müssen Datenschutzregeln die datenbasierten Geschäftsmodelle flankieren anstatt sie auszuhebeln.“

DSGVO sollte nachgebessert werden

Nahezu alle Unternehmen (92 Prozent) fordern Nachbesserungen bei der DSGVO. So sollten laut den Befragten etwa die Informationspflichten praxisnäher gestaltet sein (91 %), die Regeln verständlicher gemacht (85 %) und Beratung und Hilfe von den Datenschutzaufsichtsbehörden bei der Umsetzung verbessert werden (83 %). Nur 3 Prozent meinen, dass die DSGVO weiter verschärft werden sollte.

Mit Blick auf den eigenen Betrieb sieht die Mehrheit der Befragten die DSGVO kritisch. 71 Prozent sagen, dass sie ihre Geschäftsprozesse komplizierter macht. Und für 12 Prozent stellt die DSGVO sogar eine Gefahr für das eigene Geschäft dar. Nur für jedes fünfte Unternehmen (20 %) bringt sie hingegen Vorteile. Befragt nach ihrer allgemeinen Sicht auf die DSGVO gibt es auch positive Stimmen. So sind 69 Prozent überzeugt, dass die DSGVO weltweit Maßstäbe für den Umgang mit Personendaten setzt. 66 Prozent glauben, die DSGVO werde zu einheitlicheren Wettbewerbsbedingungen in der EU führen und 62 Prozent der Studienteilnehmer meinen, die DSGVO sei insgesamt ein Wettbewerbsvorteil für europäische Unternehmen.

Datenschutzanforderungen als zusätzliche Belastung in der Krise

Während der Pandemie hadern viele Unternehmen außerdem damit, ihren Betrieb datenschutzkonform aufrechtzuerhalten, wie die Umfrage zeigt. Viele Hilfsmittel, die etwa das Arbeiten aus dem Homeoffice erleichtern, wurden aus Datenschutzgründen nur eingeschränkt oder gar nicht genutzt. 23 Prozent verzichtete aus Datenschutzgründen auf Kollaborations-Tools. Weitere 17 Prozent haben diese Anwendungen nur eingeschränkt genutzt. Cloud-Dienste wie Online-Speicher haben 26 Prozent nicht vollumfänglich genutzt, 2 Prozent verzichteten deswegen komplett darauf. Bei jedem zehnten Unternehmen (10 %) wurde der Einsatz von Videotelefonie eingeschränkt, 3 Prozent konnten geeignete Videokonferenzsysteme aufgrund von Datenschutzvorgaben nicht verwenden. Und 4 Prozent geben an, den Gebrauch von Messenger-Diensten im Unternehmen begrenzen zu müssen, um datenschutzkonform zu sein.

„Viele Unternehmen stecken in einem Dilemma: Einerseits sind sie angewiesen auf Kommunikations- und Kollaborations-Tools, die die Zusammenarbeit auf Distanz ermöglichen und Dienstreisen ersetzen. Andererseits kritisieren deutsche Aufsichtsbehörden eben jene Tools als nicht datenschutzkonform“, so Dehmel.

Nein zu Tracing-Apps

Für die Arbeit aus dem Homeoffice haben 42 Prozent der Unternehmen Leitlinien erstellt, davon 20 Prozent schon vor dem Ausbruch der Pandemie. Weitere 37 Prozent planen oder diskutieren solche Leitlinien, für 6 Prozent ist dies kein Thema. Und 13 Prozent geben in der Umfrage an, dass ihr Unternehmen grundsätzlich kein Homeoffice erlaubt. Unternehmenseigene Kontaktverfolgungs-Apps bei Covid19-Infektionen sind bei keinem der Befragten im Einsatz. Jedes fünfte Unternehmen ab 500 Mitarbeitern (22 %) plant oder diskutiert aber eine eigene Tracing-App unabhängig von der offiziellen Corona-Warn-App der Bundesregierung. Insgesamt sind 62 Prozent der Meinung, dass mehr Möglichkeiten zur Datennutzung bei der Pandemiebekämpfung helfen würden. Dabei sagt jedes zehnte Unternehmen (10 %), dass sie einige Corona-Maßnahmen aufgrund von Datenschutzbestimmungen nicht durchführen konnten. 40 Prozent geben zudem an, dass es Deutschland mit dem Datenschutz übertreibt.

Über die Studie

Bitkom Research hat die Umfrage im Auftrag des Bitkom durchgeführt. Dabei wurden 504 für den Datenschutz verantwortliche Personen (Betriebliche Datenschutzbeauftragte, Geschäftsführer, IT-Leiter) von Unternehmen aller Branchen ab 20 Mitarbeitern in Deutschland telefonisch befragt.

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