ISPs legen Verbrauchsobergrenzen fest Das Ende des unbegrenzten Internets auch in Deutschland?

Autor / Redakteur: Mark Alexander Schulte / Katrin Hofmann

Erste Internet Services Provider haben für ihre Kunden Verbrauchsobergrenzen eingeführt. Dies ändert das Wesen des Internets dramatisch, allerdings bleibt abzuwarten, wie sich die Situation hierzulande entwickelt.

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Mark Alexander Schulte, Consultant bei IDC in Frankfurt
Mark Alexander Schulte, Consultant bei IDC in Frankfurt

Es ging durch die Medien: In den USA haben die führenden Internet Service Provider (ISP) AT&T und Comcast monatliche Verbrauchsobergrenzen für die Internetnutzung ihrer Kunden eingeführt. Dieses Modell ist auch hierzulande von mobilen Internettarifen für Smartphones oder Surf-Sticks bekannt: Bei Überschreiten eines gewissen Datenvolumens wird die Geschwindigkeit der Verbindung reduziert; alternativ entstehen zusätzliche Kosten. Die Anwendung dieses Abrechnungsmodells auf die Breitband-Internetnutzung ist neu – und stellt eine Revolution hinsichtlich des Tarifkonzepts für Internetdienste dar.

Das seitens der Internetanbieter erklärte Ziel der Verbrauchsobergrenzen ist, die stärksten User (aus ISP-Sicht: Abuser) in ihrem Konsumverhalten einzuschränken. AT&T berichtet, dass verschwindend wenige zwei Prozent ihrer Internetkunden sage und schreibe 20 Prozent der gesamten Netzwerkkapazität konsumieren würden. Diesen sogenannten High Usern soll durch eine monatliche Obergrenze, die je nach Anbieter in den USA zwischen 100 GB und 250 GB liegt, Einhalt geboten werden. Im Fall einer Überschreitung des Datenvolumens zahlt der Kunde für zusätzliche 50 GB zehn US-Dollar (AT&T) oder ihm wird mit der Einstellung des Internetdienstes gedroht (Comcast). Die Folge: Das Wesen des Internets verändert sich dramatisch. Es ist nicht länger eine freiverfügbare, „all-you-can-eat“-Ressource, die sich lediglich nach der Schnelligkeit der Übertragungsraten unterscheidet; das Internet ist nun vielmehr ein Dienst, der von den Kunden nutzungsabhängig bezahlt werden muss.

Status Quo in Deutschland

In Deutschland haben Datenlimits noch nicht weit Verbreitung gefunden. Von den vier größten Internet-Service-Providern Telekom Deutschland, 1und1 Internet, Vodafone D2 H und Telefonica Germany (Alice) haben bislang nur die beiden Erstgenannten Verbrauchsobergrenzen auf einen Teil ihrer Tarife implementiert. 1und1 bietet seinen Kunden bei DSL 16.000 die Wahl: Sie können sich zwischen einem unlimitierten Tarif und einem mit 100GB begrenzten, aber dafür vergünstigten Tarif entscheiden. Bei der Telekom sind die superschnellen VDSL Tarife mit Verbrauchsobergrenzen in Höhe von 100GB beziehungsweise 200GB belegt. Beide Anbieter reduzieren die Übertragungsgeschwindigkeit ihrer Dienste im Fall einer Überschreitung des veranschlagten Volumens.

Während 1und1 proaktiv mit einer Begrenzung des Datenvolumens umgeht, konnte man sich auf der Homepage der Telekom bislang nur umständlich über die Volumengrenzen und die Geschwindigkeitsdrosselung der VDSL Tarife informieren. Dies führte zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung zwischen der Telekom Deutschland und dem Bundesverband der Verbraucherzentralen, der dem Telekommunikationsunternehmen irreführende Werbung unterstellte. Im September entschied das Landgericht Bonn, die Telekom müsse potentielle Kunden auf der Internetseite des Unternehmens besser über die Datenbeschränkung informieren.

Welche Auswirkungen private Webnutzer und Firmen spüren könnten und mehr über die mögliche weitere Entwicklung erfahren Sie auf der nächsten Seite.

Implikationen für Privatnutzer und Anbieter von Internetdiensten

Die Einführung begrenzter Datenvolumina in die Breitband-Tariflandschaft hat ohne Frage Auswirkungen auf private Internetnutzer und für Unternehmen, deren Produkte unmittelbar von einem datenintensiven Internet-Konsum abhängen.

Die von den Internetanbietern eingeführten Datenvolumina werden bislang von wenigen Nutzern überschritten. Die Provider behaupten unisono, dass 98 bis 99 Prozent ihrer Kunden von den Beschränkungen nicht betroffen seien. Dies mag heute zutreffen, doch wie lang wird es dauern, bis die User diese Grenzen nachhaltig übertreffen? IDC erwartet, dass sich der Datenverbrauch pro Kopf in naher Zukunft stark erhöhen wird; die Gründe sind unter anderem die wachsende Verbreitung von Videochats, eine stärkere Nutzung von Streaming-Diensten für Audio- und Videoinhalte, cloud-basiertes Speichern und Sichern von Daten sowie eine enorm gestiegene Anzahl an internetfähigen Endgeräten (Smartphones, Tablets).

In der IDC-Studie „Consumer Multiplay and Broadband Survey“ wurden 1.000 ISP-Kunden in den USA befragt, wie sie auf die Einführung eines Datenlimits ihres Internetanbieters reagieren würden. Mehr als die Hälfte der Befragten sagten aus, dass sie versuchen würden, ihren Anbieter zu wechseln; nur 17,8 Prozent hielten die Grenzen für angemessen. Dieses Ergebnis ist erstaunlich vor dem Hintergrund, dass der Datenverbrauch der meisten Kunden derzeit noch weit vom Überschreiten der Volumina entfernt ist.

Die wahren Verlierer einer durchgängigen Einführung von Datenlimits wären die Anbieter von Streaming-Portalen (beispielsweise Maxdome oder Videoload) und Videochats (zum Beispiel Skype), denn diese hängen enorm von schnellen und unlimitierten Internetverbindungen ab. Auch wenn die Kunden bislang ihre Datengrenzen selten erreichen, bestehen Bedenken über eine mögliche Herabstufung der Geschwindigkeit stets in ihrem Unterbewusstsein. Und wer möchte bei einem Videoabend mit Freunden plötzlich ein ruckelndes Bild sehen?

Prognose

Jedoch: IDC ist der Meinung, dass sich die Internetanbieter mit der Einführung beziehungsweise Ausweitung der Datenlimits gegenüber High Usern absichern wollen. Wir erwarten, dass die Provider auf zukünftige Marktdynamiken und –entwicklungen reagieren und die Verbrauchsgrenzen anheben werden, sobald ein großer Teil der Kunden die vorgegebenen Volumina überschreitet. Kunden in Deutschland haben allerdings im Vergleich mit den US-Nutzern das Glück, unter mehreren Anbietern und Tarifen auswählen zu können, was einen Anbieterwechsel natürlich erheblich erleichtert. Es bleibt daher abzuwarten, inwieweit sich Datenlimits in Deutschland tarifübergreifend durchsetzen werden.

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