Bürokratie vs. Innovation Braucht Deutschland ein neues​ Innovationsverständnis?

Ein Gastbeitrag von Michael Gröger*

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Deutschland ist das Land der Dichter und Denker, der Forscher und Entwickler – und wenn wir ehrlich sind, das Land der Regulierer und Bürokraten. Deshalb verliert der Standort im Bereich der Erfindung und Innovation im internationalen Vergleich zunehmend an Boden.

Ein Schlüssel, das Innovationsdilemma zu durchbrechen, liegt in der Digitalisierung.(Bild:  frei lizenziert /  Pixabay)
Ein Schlüssel, das Innovationsdilemma zu durchbrechen, liegt in der Digitalisierung.
(Bild: frei lizenziert / Pixabay)

Obwohl Deutschland europaweit absolut am meisten für Forschung und Entwicklung ausgibt, entstehen die wirklich relevanten Innovationen an anderen Orten der Welt. So sind die führenden US-amerikanischen und chinesischen Firmen nicht nur um ein Vielfaches größer, sondern auch vermehrt deutlich jünger als die Spitze der deutschen Unternehmen.

Klar ist jedoch auch, dass wir kein Potenzial-, sondern ein Umsetzungsproblem haben. Bürokratieweltmeister ist Deutschland bereits. Um wieder Innovationsweltmeister zu werden, bedarf es sowohl staatlicher als auch privatwirtschaftlicher Impulse.

Innovation braucht Freiheit

Die Ampelregierung hat nichts Geringeres als das Jahrzehnt der Innovation ausgerufen. So wird der Begriff Innovation 76 Mal im Koalitionsvertrag verwendet. Aber Innovation ist nichts, was man von oben herab proklamieren kann. Sie entsteht durch Handeln, durch Ausprobieren, Scheitern, Lernen und Neuversuchen. Man muss beweglich, handlungsfähig und vor allem schnell sein, um sich Veränderungen anpassen zu können. Innovation lässt sich nur gestalten, nicht verwalten.

Die Aufgabe der Politik ist es, einen ordnungspolitischen Rahmen zu setzen, in dem sich die Bürger und Unternehmen bewegen. Der Staat kann durchaus wirksame Rahmenbedingungen für einen starken Innovationsstandort schaffen. Doch gerade bei dem Thema Standortattraktivität gibt es viel zu tun. Die Ergebnisse der jüngst veröffentlichten ZEW-Studie, in der Deutschland unter den 21 betrachteten Industriestandorten nur den 18. Platz belegt, sollte ein Alarmsignal und ein Call-to-Action für die Regierung sein. Für das Abrutschen Deutschlands in diesem Länderindex sind die Themen wie Steuerbelastung, Energiekosten, aber vor allem hohe Regulierung und Bürokratie verantwortlich.

Es ist wichtig, dass die Regierung sich stets die Frage stellt, ob der gesetzte Rahmen den Anforderungen der Technologieoffenheit und politischen Ideologiefreiheit erfüllt. Hier kann und muss Deutschland an vielen Stellen besser werden.

Die neue Agentur für Transfer und Innovation (kurz: Dati) wird daran gemessen, ob die Politik aus Fehlern im Zusammenhang mit der Agentur für Sprunginnovationen (kurz: Sprind) gelernt hat. Die Sprind wurde und wird von den behäbigen Strukturen und der überwältigenden Bürokratie in Deutschland so sehr gehemmt, dass die Ampel nichts weniger als ein Freiheitsgesetz plant, um ihr die notwendigen Freiräume zu geben, sodass Innovationsprojekte flexibler und bedarfsgerechter unterstützt werden können.

Innovation braucht Mut

Zu Innovation gehört Mut. Für die Politik wird das bedeuten, sich in manchen Bereichen zurücknehmen zu müssen. Es gibt aber auch einen Bereich, in dem es mehr Impulse durch den Staat bedarf: nämlich die Bildung.

Initiativen des Bundeskanzleramts wie „Makers of Tomorrow“, durch die Studierende aller Fachrichtungen an das Thema Unternehmertum herangeführt werden, sind hier beispielhaft zu nennen. Die Regierung ist gefordert, mehr solcher Formate zu schaffen, die gesamtgesellschaftlich die Eigenverantwortung der Menschen fördern und sie in die Lage versetzen, ihre eigenen Ideen in die Tat umzusetzen.

Innovation braucht Sex am Arbeitsplatz

Innovation entsteht nicht top-down, sondern bottom-up. Sie entsteht, wenn Menschen miteinander kommunizieren und die bestehenden wissenschaftlichen und technologischen Möglichkeiten zu neuen Produkten und Dienstleistungen rekombinieren. Wie können wir also Innovation zielgerichtet fördern? Die Antwort ist einfach: Sex am Arbeitsplatz.

Damit ist nicht eine Überarbeitung bestehender Compliance-Richtlinien und Verhaltenskodizes gemeint. Es geht um die praktische Umsetzung einer Theorie von Matt Ridley, die besagt, dass Innovation entsteht, wenn Ideen Sex haben. Denn in einer Welt, deren Wohlstand darauf basiert, dass Unternehmen und Menschen sich immer weiter spezialisieren, ist der offene und ungehemmte zwischenmenschliche Austausch von Wissen, Ideen und Fähigkeiten gefragt. Um Neues zu schaffen, werden radikale Kollaboration benötigt – am besten über Unternehmensgrenzen hinweg. Damit ein relevanter gesamtwirtschaftlicher Beitrag geleistet wird, ist die Innovationskraft der bestehenden mittelständischen und großen Unternehmen unverzichtbar.

Aber genau hier liegt das Problem, das wieder zu den genannten Forschungsausgaben führt. Der Großteil der FuE-Ausgaben wird von sehr großen Unternehmen getätigt. Diese bauen dadurch zwar geistiges Eigentum auf, aber sind durch ihre starren Strukturen, festgefahrenem Formalismus und rigidem Risikomanagement meistens nicht in der Lage, eine neue Idee oder technische Erfindung als neue Innovation erfolgreich in den Markt zu bringen.

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Denn alles Neues wird daran gemessen, ob es in dem entsprechenden Kontext funktioniert. Das lässt sich aber selten im Vorhinein bestimmen. Unternehmen müssen sich also zeitgleich den sich verändernden Kunden-, Markt- und Wettbewerbsanforderungen anpassen. Großkonzernen fällt so etwas schwer. Sie optimieren gegen den Status quo und befinden sich dadurch häufig im Innovator’s Dilemma. Das bedeutet, deutsche Unternehmen müssen mehr Produkt- als Risikomanagement betreiben, um nach vorne zu kommen und dort zu bleiben.

Ein Schlüssel, das Innovationsdilemma zu durchbrechen, liegt in der Digitalisierung. Sie ermöglicht es Unternehmen, direkter und unverzüglicher, sowohl mit ihren Mitarbeiter als auch ihren Kunden zu interagieren. Die dadurch gewonnenen Erkenntnisse, Daten und entstehende Kommunikation sind die wichtigsten Treiber für neue Ideen und deren erfolgreicher Umsetzung. Firmen dürfen sich nicht durch das starre Festhalten an klassischen Erfolgskennzahlen davon abhalten, in die Digitalisierung zu investieren. Hier gilt der Build-Measure-Learn-Grundsatz. Unternehmen, die proaktiv vorgehen, sind resilienter und können dadurch häufig Krisen besser meistern als ihre traditionellen Mitbewerber.

Für die meisten Unternehmen wird gelten, wer nicht digitalisiert, verliert. Oder wer nicht digitalisiert, kann nicht gewinnen. Diese Verantwortung kann den Unternehmen nicht abgenommen werden.

Deutschland braucht eine Mondmission

Um zurückzukommen auf die Dichter und Denker, hier ein Zitat von Adalbert Stifter: „Was je Gutes oder Böses über die Menschen gekommen ist, haben die Menschen gemacht.“ Das trifft insbesondere auf die Herausforderungen und Hürden zu, die Deutschland überwinden muss, um das immense Innovationspotenzial zu heben, über das die darin lebenden Menschen verfügen.

Hier kommt dann auch die Politik ins Spiel. Sie muss als strahlendes Beispiel vorangehen. Nicht nur mit technokratischen Gesetzesentwürfen und Verordnungen. In ihrer Digitalstrategie skizziert die Regierung abschließend bereits ein Zielbild für den digitalen Fortschritt bis 2030. Noch fehlt es aber an den Taten, die gesteckten Ziele hinsichtlich der Verwaltungsmodernisierung, dem Bürokratieabbau und dem digitalen Staat umzusetzen. Die Regierung muss auch im Bereich der Digitalpolitik ambitionierter kommunizieren und flexibler handeln. Dabei werden auch Fehler gemacht werden. Das darf in Deutschland nicht mehr als Hindernis gesehen werden, wenn das Ziel ist, wirtschaftlich und gesellschaftlich erfolgreich zu sein.

Nach dem Doppel-Wumms und der Zeitenwende muss Olaf Scholz die Digitalisierung zur neuen deutschen Mondmission erklären. Orientieren kann man sich hier an John F. Kennedy, von dem das Zitat stammt: „Wir haben uns entschieden, in diesem Jahrzehnt zum Mond zu fliegen und die anderen Dinge zu tun, nicht weil sie leicht sind, sondern weil sie schwer sind.“ Als er diese Worte 1962 sprach, wusste JFK, dass die USA das Wissen und die Fähigkeiten haben, ihr Ziel zu erreichen. Und tatsächlich starteten die USA 1969, sieben Jahre später, mit der Apollo 11 die erste bemannte Mondmission.

Auch Deutschland hat das Wissen, die Erkenntnis und die Fähigkeiten um Unternehmen zu digitalisieren. Dazu muss an den richtigen Stellen entbürokratisiert werden. Der Standort brauch ein gemeinsames Ziel, hinter dem Politik und die Privatwirtschaft zusammenkommen können, um mutige Impulse zu setzen und die notwendigen Freiräume für Innovationen zu schaffen. Auf dieser Basis kann der zukünftige Wohlstand dieses Landes geschaffen werden.

* Der Autor Michael Gröger verantwortet bei Germantech die Themen Corporate Innovation und Company Building.

Dieser Gastbeitrag erschien zuerst auf unserem Partnerportal Industry of Things.

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