Stressfreie Cloud-Migration ist möglich Ab in die Cloud? Ja! Aber…

Ein Gastbeitrag von Silvio Kleesattel*

Cloud Computing gehört die Zukunft, daran besteht längst kein Zweifel mehr. Doch der Weg in eine volldigitale Arbeits- und Lebenswelt ist noch lang. Unternehmen, wie auch die öffentliche Hand spüren dennoch den Digitalisierungsdruck. Inzwischen haben wir viel dazu gelernt. Zeit, das Thema Migration im Licht dieser Erfahrungen neu zu betrachten.

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Eine Cloud-Strategie ist nur dann effizient, wenn sie sich dynamisch aktuellen Bedürfnisse und Herausforderungen des Unternehmens anpasst.
Eine Cloud-Strategie ist nur dann effizient, wenn sie sich dynamisch aktuellen Bedürfnisse und Herausforderungen des Unternehmens anpasst.
(Bild: greenbutterfly - stock.adobe.com)

Alle zieht es in die Cloud. Kein Wunder, denn immer mehr Kunden fragen digitale Erlebnisse nach – selbst die Bürger bei Behörden und anderen öffentlichen Einrichtungen. Letzterer Trend wurde jüngst bei den Verhandlungen zwischen Bund und dem Branchenverband Bitkom für eine Erweiterung der EVB-IT-Musterverträge für die Beschaffung von Cloudleistungen besonders deutlich. Mit dem Ergebnis der EVB-IT Cloud steht den öffentlichen Beschaffungsstellen des Bundes, der Länder und der Kommunen nun ein, wie es weiter heißt, „lang erwartetes Werkzeug“ zur Verfügung.

Was dieses Beispiel auch illustriert: Corona hat den Trend zum Digitalen um einige Jahre nach vorne katapultiert. Per se ist das eine positive Entwicklung. Dennoch sollten Unternehmen und auch die öffentliche Hand nicht in eine blinde Flucht nach vorne in die Cloud verfallen. Vielmehr lohnt es sich zum jetzigen Zeitpunkt kurz innezuhalten, die eigenen Anforderungen zu reflektieren und mit den so gewonnenen Erkenntnissen eine fundierte Entscheidung zu treffen. Aus den Erfahrungen der „Early Mover“ kann heute einiges abgeleitet werden – vor allem, dass reines „Lift & Shift“ ein Experiment ist, das auch nach hinten losgehen kann.

Hier stehe ich und kann nicht anders?

Grundsätzlich gibt es zwei klassische „Cloud Journeys“ – die, die auf einem weißen Blatt Papier beginnt, und die, in der geschäftsrelevante Legacy-Applikationen modernisiert und mit der erweiterten IT-Landschaft verknüpft werden müssen. Das erste Szenario greift eigentlich nur dann, wenn ein Unternehmen sich ein komplett neues, digitales Geschäftsfeld erschließt und dafür auf eine Cloud-Lösung setzt. Dabei ist jedoch fraglich, ob dieses Unternehmen erstens über das notwendige Know-how hierfür verfügt und zweitens die neue Lösung nicht doch mit einer bestehenden Systemwelt des bisherigen Geschäftsmodells verknüpft werden muss – und sei es nur für die Unternehmenssteuerung. Womit wir wiederum bei der zweiten, wesentlich häufigeren Variante wären.

Interessanterweise ist aus unserer Praxiserfahrung bei einer Cloud-Migration der erste Impuls der Kunden: Alles muss hoch. Anfragen wie „Wir haben 178 relevante Applikation identifiziert, die wir in die Cloud bringen wollen. Was kostet ein Lift & Shift?“, sind da keine Seltenheit. Das Problem einer solchen Denkweise ist vergleichbar mit der Wahrnehmung der digitalen Transformation. Ein analoges Geschäftsmodell 1:1 zu digitalisieren, hat erst einmal wenig mit Disruption und Zukunftsfähigkeit zu tun. Und genauso, wie es grundlegende Unterschiede zwischen rein digitalen und analogen Geschäftsmodellen gibt, bestehen diese auch zwischen On-Premises-Lösungen und der Cloud. Und genau hier gilt es sorgfältig abzuwägen, was wann mehrwertstiftend für ein Unternehmen ist.

Wie eine Migration 2.0 funktioniert

Was Unternehmen beim Schlagwort „Modernisierung“ manchmal vergessen: Hier gibt es nicht nur den Weg nach vorn, also immer auf die neuste State-of-the-Art-Lösung zu setzen. Modernisierung heißt eben auch, Altes loszuwerden und endgültig zu begraben. Ein solcher „Friedhof“ kann beispielsweise ein cloud-basiertes Archiv für all die Anwendungen sein, die nicht mehr zukunftsfähig sind, auf die aber zurückgegriffen werden muss, falls jemand nachfragt.

Modernisierung heißt zudem, die Fühler beispielsweise mehr in Richtung Managed Services auszustrecken, um Themen wie Datenbanken, Storage oder auch das ganze Networking kostengünstig und effizient extern abzudecken, die ich als Unternehmen bisher in Eigenleistung vorhalten musste. Im Vergleich zu einem reinen Lift & Shift sind Unternehmen unter Kostenaspekten mit einer solch selektiven Modernisierung oftmals besser bedient.

Um zu analysieren, welche Applikationen sinnvoll in die Cloud migriert werden können, gibt es beispielsweise die Design-Structure-Matrix (DSM) Methode. Mit ihrer Hilfe lassen sich Abhängigkeiten zwischen den verschiedenen Anwendungen erkennen und dann sinnvolle „App-Pakete“ gemeinsam migrieren. Erst im nächsten Schritt folgen dann die Template-basierten und AI-gestützten Migration- and Modernisation-Factories, die als automatisierte Abläufe an bestimmten Stellen die Migration und Modernisierung vergleichbarer Pakete, etwa von mehreren Java-Applikationen, unterstützen.

Alles eine Frage der Skalierung

Bis hierhin hat ein Unternehmen schon einiges geleistet, nämlich eine Cloud-Umgebung geschaffen, in der bestehende Applikationen modernisiert wurden, und in der neue Lösungen von Anfang an cloud-basiert aufgesetzt werden können. Interessant wird es allerdings, wenn eine dieser neuen Lösungen einschlägt und ein großer Kundenstamm oder eine große Community diesen neuen Business-Hub „überrennt“. Genau dieses Szenario ist natürlich der Sinn und Zweck, warum sich Unternehmen überhaupt für eine Cloud-Umgebung entschieden haben. Allerdings schießen dann auch sehr schnell die Rechnungen der Cloud-Provider in die Höhe. Wenn eine Applikation sehr gut skaliert, müssen Einnahmen und Kosten für die Cloud-Services noch einmal neu evaluiert werden.

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Grundsätzlich ist es natürlich ein „gutes Problem“, eine Applikation zu haben, die dermaßen erfolgreich ist. Ein weiterer Vorteil für Unternehmen hierzulande: Nur wenige sind digital schon so erfolgreich – auch wenn wir immer mehr Unternehmen mit Ansätzen sehen, die das Potenzial haben, massiv zu skalieren und kurz vor der Schwelle stehen. Sie können jetzt von den Learnings aus anderen Teilen der Welt profitieren, sodass nicht von den zehn Cent Gewinn direkt sieben oder acht Cent an den Cloud-Provider fließen.

Back to the Roots?

Die Frage, die man sich an einem solchen Punkt in der Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle stellen muss, lautet: Welche der Kernkomponenten sind für den Großteil der Cloud-Kosten verantwortlich? Habe ich diese identifiziert, lautet die nächste Frage, welche dieser Komponenten ausgegliedert und auf kleinere Provider verteilt oder sogar intern betrieben werden können, um die eigene Marge wieder zu steigern. Wichtig ist: Wir sprechen hier über ein Luxusproblem, das vor allem die Unternehmen haben, die digital schon sehr erfolgreich sind. Für sie wird es wirklich spannend, sich zu trauen, echte Multi-Cloud-Optionen zu erkunden.

Das heißt jedoch nicht, dass Unternehmen, die sich noch auf dem Weg dorthin befinden, Applikationen langfristig in ihrem Datacenter aus der „alten“ IT-Welt belassen sollten. Ein solches Datacenter bedeutet vor allem manuelle Arbeit durch eine schrumpfende Anzahl dafür qualifizierter Experten. Die bereits hochautomatisierten Bereiche, die ich bei großem Erfolg aus der Cloud wieder zurück in den eigenen Betrieb überführe, haben nichts mit dem heutigen Datacenter-Betrieb gemein.

Eine gute Planung ist der halbe Umzug

Eine Cloud-Strategie ist nur dann (kosten)effizient, wenn sie sich dynamisch aktuellen Bedürfnisse und Herausforderungen des Unternehmens anpasst. Nachjustiert werden kann und sollte immer dann, wenn sich der Grad der digitalen Geschäftsmodelle erhöht und Skaleneffekte auch monetär spürbar werden. Der Weg in die Cloud ist vergleichbar mit einem Umzug: Je vorausschauender ich beginne, zu ordnen, auszusortieren und einzupacken und je klarer die Vision des neuen Zuhauses ist, desto erfolgreicher und stressfreier wird der Umzug.

Silvio Kleesattel, Skaylink GmbH.
Silvio Kleesattel, Skaylink GmbH.
(Bild: Skaylink GmbH)

* Der Autor Silvio Kleesattel ist Technology und Innovation Lead bei dem europäischen Cloud Managed-Service Provider Skaylink Als Skaylinks technologischer Vordenker verantwortet er mit amerikanischer Perspektive aus Brasilien heraus das Thema Innovation. Dank zwei Jahrzehnten internationaler Erfahrung in der IT-Welt und seiner Nähe zum operativen Kundengeschäft in Europa und Nordamerika, weiß er, was der Markt morgen will. Privat genießt Kleesattel die freie Natur zwischen abwechslungsreichen Atlantikstränden, Canyons und weiten Hochebenenen und engagiert sich für die Ausbildung und Chancengleichheit junger Brasilianer aus benachteiligten Verhältnissen in der modernen digitalen Technologieszene.

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