Inforum Europe 2015

Infor greift SAP, Microsoft und Oracle im ERP-Cloud-Geschäft an

| Autor / Redakteur: Michael Matzer / Florian Karlstetter

Für Infor ist die Cloud ein Wachstumsmarkt von zentraler Bedeutung. Darauf aufbauend auch die Strategie des ERP-Anbieters mit dem ausgeprägten Branchen-Fokus.
Für Infor ist die Cloud ein Wachstumsmarkt von zentraler Bedeutung. Darauf aufbauend auch die Strategie des ERP-Anbieters mit dem ausgeprägten Branchen-Fokus. (Bild: Infor)

Der US-amerikanische ERP-Anbieter Infor hat auf seiner Anwenderkonferenz Inforum Europe 2015 in Paris seine Cloud-Strategie sowie eine Reihe von Neuerungen vorgestellt.

An den zwei Tagen des Inforum Europe 2015 kamen insgesamt rund 1.750 Teilnehmer nach Paris. Aktuell zählt Infor 75.000 Kunden, davon mehr als 4.500 Unternehmen mit rund 45 Millionen Nutzern in der Cloud. Auf die Infor-Cloud wird von 96 Ländern aus zugegriffen. Der Jahresumsatz liegt aktuell bei 3 Milliarden US-Dollar.

Klare Branchen-Fokussierung

Was Infor von seinen Mitbewerbern Oracle und SAP unterscheidet, ist die sowohl breite Branchenabdeckung von 15 Branchen als auch die tiefe Durchdringung dieser Branchen. Dies ist Infor durch den jahrelangen Zukauf von entsprechenden Branchenspezialisten wie Baan, Brain, Lawson, Movex und Spezialisten im AS/400-Markt (heute System i) gelungen. Infor ist sowohl bei Großunternehmen vertreten als auch im Mittelstand, wo die AS/400 seit jeher ihre Verfechter hat.

Deshalb spricht Stephan Scholl auch von „micro-vertical solutions“, von „Branchenlösungen“ und entsprechenden Infor CloudSuites, wenn es um Branchenlösungen für die Cloud geht. „Keine Branchen-Cloud gleicht der anderen“, sagt Andreas Anand, Vice President für Consulting Services Zentraleuropa bei Infor. „Jeder Kunde kann sich in der Cloud seine eigene Branchen-Lösung zusammenstellen.“

Denn so unwahrscheinlich es auch klingen mag: Alle Infor-Angebote für 15 Branchen sind bereits in der Cloud verfügbar. Diese wird in jedem Fall von Amazon Web Services (AWS) betrieben. Der Kunde kann dabei aber auch Module zusammenstellen, die auf Azure, IBM oder Salesforce laufen. Die Hybrid-Cloud werde künftig der Normalfall sein, denn nicht jeder Kunde will auch seine Kronjuwelen - Kundendaten, Konstruktionspläne usw. - in die Cloud hieven.

Lift & Shift

Stephan Scholl, President bei Infor.
Stephan Scholl, President bei Infor. (Bild: Infor)

Damit aber noch mehr Kunden und Interessenten auf die Infor-Cloud migrieren, hat der ERP-Anbieter das Lift- & Shift-Programm vorgestellt. Dabei handelt es sich um eine Modernisierung von Alt-Anwendungen in drei Phasen – „der vereinfachte und schnelle Weg zur Cloud“, so Infor President Stephan Scholl. Bestehende ERP-Lösungen, die auf Systemen wie Baan, Movex, M3 oder System i laufen, werden mitsamt individueller Anpassungen auf eine SaaS-Plattform gehoben („Lift“), dort von Infor betreut und betrieben. Dieser erste Schritt kann in vier bis sechs Wochen abgeschlossen sein.

Andreas Anand, Vice President für Consulting Service Zentraleuropa bei Infor.
Andreas Anand, Vice President für Consulting Service Zentraleuropa bei Infor. (Bild: Infor / © argum)

In der zweiten Phase, die zwischen zwei und 24 Monaten dauern kann, erfolgt die Modernisierung der ERP-Lösung in der Cloud durch Einsatz der neuesten Infor-Produktgeneration. Infor erarbeitet gemeinsam mit den Kunden einen sanften „Shift“ (Verschiebung) auf die aktuellen Releases, um dann vollends auf eine passende Infor-CloudSuite und damit einen echten Cloud-Betrieb umzusteigen.

Nach der Phase 2 stellt Infor die kontinuierliche Optimierung der ERP-Funktionalitäten sicher. Durch die UpgradeX-Initiative können Bestandskunden in den Genuss einer permanenten Wartung in der Cloud kommen. Dadurch, dass die Infor-Cloud komplett von AWS betrieben wird, ist für einen deutschen Kunden ein hohes Sicherheitsniveau ebenso sichergestellt wie die Datenhaltung in der AWS-Region Frankfurt.

Multi-Enterprise ERP

In Paris stellte Infor sein „Multi-Enterprise ERP“-Konzept vor. Es berücksichtigt, dass Prozesse immer seltener innerhalb eines einzigen Unternehmens ablaufen: Wahrscheinlicher ist es vielmehr, dass ein Unternehmen über seinen Einkauf Produkte oder Teile für die eigene Produktion bestellt, woraufhin ein anderes in die Produktion einsteigt, wieder ein anderes Logistik und Transport übernimmt und der Rechnungsabschluss über ein viertes Unternehmen abgewickelt wird. Traditionelle ERP-Lösungen sind indes nur darauf ausgelegt, innerhalb der eigenen Unternehmensstrukturen für Transparenz zu sorgen.

GT Nexus Akquise

Das will Infor nun ändern: Durch die Übernahme des US-amerikanischen Direkthandels-Spezialisten GT Nexus hat sich Infor Zugriff auf die weltweit größte Cloud-basierte Commerce-Platform eingekauft. Sie unterscheidet sich von SAP Ariba dadurch, dass Ariba nicht Direkt-, sondern Indirekthandel ermögliche, erklärte Gerätetreiber-NexusChef Sean Feeney. „Direkthandel ist viel komplexer.“

In Kombination mit Infor-Lösungen soll so eine durchgängige Multi-Enterprise-ERP-Plattform entstehen. Sie verbindet alle Geschäftspartner und Bestandteile der Wertschöpfungskette so miteinander, dass Nutzer jederzeit Einblick und Kontrolle wie in einem einzigen Unternehmen haben. Jederzeit zu wissen, wer was bestellt hat, wo sich die Lieferung befindet und wann dafür bezahlt werden muss, wird immer mehr zum kritischen Erfolgsfaktor, den Infor jetzt sicherstellen kann.

Charles Phillips, der CEO von Infor.
Charles Phillips, der CEO von Infor. (Bild: Infor / © 2012 Daemon Baiza)

Integrations-Roadmap

Das Zusammenspiel soll schon bald Realität werden: Innerhalb der nächsten vier Monate sollen Infor LN und Infor M3 als erste ERP-Applikationen aus dem Infor-Portfolio integriert werden. Damit will Infor eine echte Innovation schaffen: „Kein anderer Hersteller kann derzeit ERP-Daten und Daten aus der vor- oder nachgelagerten Supply Chain bzw. Wertschöpfungskette in nur einem Bildschirm darstellen“, behauptete CEO Charles Phillips. In diesem umfassenden Überblick sieht Infor einen einzigartigen Wettbewerbsvorteil. Weitere Integrationen wie der Produktkonfigurator Infor CPQ sollen in 2016 folgen.

Füllhorn an Neuheiten

Infor-Entwicklungsleiter Soma Somasundaram.
Infor-Entwicklungsleiter Soma Somasundaram. (Bild: Infor)

Infor-Entwicklungsleiter Soma Somasundaram stellte seine Roadmap an geplanten Erweiterungen sowie neuen Features und Funktionen vor. Die Middleware Infor ION und die Social Collaboration Software Infor Ming.le sind jetzt in der Cloud verfügbar. Als Beweis konnte Andreas Anand auf seinem Smartphone die Android-App von Infor Ming.le zeigen. Die Oberfläche erinnert an Salesforce Lightning, denn sie ist in HTML5 geschrieben und somit auf jedem Endgerät ausführbar. Die Funktion selbst entspricht einer Benutzeroberfläche à la Lightning Express oder SAP Fiori, die sich jeder Nutzer individuell zusammenstellen kann, ohne programmieren zu müssen.

Die Infor-eigene Design-Agentur Hook&Look arbeitet laut Somasundaram kontinuierlich an der Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit. Ein Beispiel ist die Infor M3 Counter Sales-Applikation, die fortan „Infor Sales Hub“ heißt. Hierbei ging es darum, den Transaktionsprozess im Handel zu verbessern – in Anlehnung an Bestellprozesse, wie man sie von Amazon kennt. Darüber können Vertriebsmitarbeiter schnell und effizient Bestellungen eingeben. Weniger Fehler im Eingabeprozess bedeuten unter dem Strich genauere Daten für die Lagerhaltung, was sich wiederum auf der Kostenseite bemerkbar macht, wenn Bestände exakt an Nachfragen angepasst werden können.

Charles Phillips betonte, dass Big-Data-Analysen ebenso wie das Internet der Dinge Teil der Strategie seien. Hadoop wird ebenso unterstützt wie AWS Redshift, Postgres, Linux und der Apache Enterprise Service Bus. Durch das neue Produkt SkyVault, das Daten jeder Provenienz verarbeiten kann, stellt Infor in der Cloud eine Analytics-Plattform bereit, die Echtzeitdaten verarbeiten, durchsuchen und modellieren kann. Infor BI ist mittlerweile für die Apple Watch verfügbar.

Phillips erwartet besonders in Europa, wo er einen hohen Nachholbedarf sieht, dreistellige Wachstumsraten im Cloud-Geschäft. Dies ist nicht ungewöhnlich, denn sowohl SAP als auch Microsoft Azure, IBM und Salesforce haben Zuwachsraten in mindestens zweistelliger Höhe vorgelegt.

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